KATECHISMUS DER KATHOLISCHEN KIRCHE
TEIL 1 - GLAUBE KATHOLISCH
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Teil 2: Sakramente - Teil 3: Moral - Teil 4: Gebetsleben - Einführung


Die Quelle dieses auf Basis des gültigen lateinischen "Urtextes" basierenden Katechismus der Katholischen Kirche findet sich bei http://www.stjosef.at/kkk/ und
verdankt sich im speziellen Christa und Wolfang Stadler sowie Hochwürden Dr. theol. Josef Spindelböck.



Der katholische Glaube in seinen Inhalten!



PROLOG

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"VATER, ... das ist das ewige Leben, daß sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen, und Jesus Christus, den du gesandt hast" (Joh 17, 3). Gott, unser Retter, "will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2, 3-4). Es "ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen" (Apg 4, 12), als der Name JESUS.



I Das Leben des Menschen - Gott erkennen und lieben



1 Gott ist in sich unendlich vollkommen und glücklich. In einem aus reiner Güte gefaßten Ratschluß hat er den Menschen aus freiem Willen erschaffen, damit dieser an seinem glückseligen Leben teilhabe. Deswegen ist er dem Menschen jederzeit und überall nahe. Er ruft ihn und hilft ihm, ihn zu suchen, ihn zu erkennen und ihn mit all seinen Kräften zu lieben. Er ruft alle durch die Sünde voneinander getrennten Menschen in die Einheit seiner Familie, die Kirche. Er tut es durch seinen Sohn, den er als Erlöser und Retter gesandt hat, als die Zeit erfüllt war. In ihm und durch ihn beruft er die Menschen, im Heiligen Geist seine Kinder zu werden und so sein glückseliges Leben zu erben.



2 Damit dieser Ruf an alle Welt ergehe, sandte Christus die von ihm erwählten Apostel und gab ihnen den Auftrag, das Evangelium zu verkünden: "Darum geht hin und macht alle Völker zu Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28, 19-20). Kraft dieser Sendung zogen sie "aus und predigten überall. Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte die Verkündigung durch Zeichen, die er geschehen ließ" (Mk 16, 20).



3 Wer mit der Hilfe Gottes den Ruf Christi angenommen und ihm in Freiheit entsprochen hatte, wurde durch die Liebe zu Christus gedrängt, die Frohbotschaft auf der ganzen Welt zu verkünden. Dieses von den Aposteln erhaltene kostbare Vermächtnis wurde von ihren Nachfolgern treu bewahrt. Alle an Christus Glaubenden sind berufen, es von Generation zu Generation weiterzugeben, indem sie den Glauben verkünden, ihn in brüderlicher Gemeinschaft leben und in der Liturgie und im Gebet feiern [Vgl. Apg 2, 42].





II Die Weitergabe des Glaubens - die Katechese



4 Die Kirche bemüht sich, die Menschen zu Jüngern Christi zu machen; sie will ihnen zum Glauben verhelfen, daß Jesus der Sohn Gottes ist, damit sie durch den Glauben das Leben haben in seinem Namen. Durch Unterweisung sucht sie, die Menschen zu diesem Leben heranzubilden und so den Leib Christi aufzubauen [Vgl. CT 1; 2]. Alle diese Bemühungen wurden schon früh als Katechese bezeichnet.



5 Die Katechese ist "eine Glaubenserziehung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die vor allem eine Darlegung der christlichen Lehre umfaßt, wobei man im allgemeinen organisch und systematisch vorgeht, um die Schüler in die Fülle des christlichen Lebens einzuführen" (CT 18).



6 Die Katechese ist mit einigen Elementen des Seelsorgeauftrages der Kirche eng verknüpft, die selbst einen katechetischen Charakter haben, auf die Katechese vorbereiten oder aus ihr folgen: die Erstverkündigung des Evangeliums, das heißt die missionarische Predigt zur Weckung des Glaubens; die Suche nach Gründen, zu glauben; die Erfahrung des christlichen Lebens; die Feier der Sakramente; die Eingliederung in die kirchliche Gemeinschaft sowie das apostolische und missionarische Zeugnis [Vgl. CT 18].



7 "Die Katechese ist mit dem ganzen Leben der Kirche eng verbunden. Nicht nur geographische Ausdehnung und zahlenmäßiges Wachstum, sondern auch und mehr noch das innere Wachstum der Kirche, ihre Übereinstimmung mit Gottes Heilsplan, hängen wesentlich von der Katechese ab" (CT 13).



8 Die Perioden der Erneuerung der Kirche sind auch die Blütezeiten der Katechese. So widmen in der großen Epoche der Kirchenväter heilige Bischöfe einen großen Teil ihres Seelsorgedienstes der Katechese. Es ist die Zeit des hl. Cyrill von Jerusalem und des hl. Johannes Chrysostomus, des hl. Ambrosius und des hl. Augustinus und vieler anderer Väter, deren katechetische Werke beispielhaft bleiben.



9 Der Dienst der Katechese schöpft immer neue Kräfte aus den Konzilien. Das Konzil von Trient stellt in dieser Beziehung ein bedeutsames Beispiel dar: Es gab in seinen Konstitutionen und Dekreten. der Katechese eine vorrangige Stellung; aus ihm ging der Römische Katechismus hervor, den man auch den tridentinischen nennt und der als Kurzfassung der christlichen Lehre ein erstrangiges Werk darstellt; das Konzil gab in der Kirche den Anstoß zu einer beachtlichen Organisation der Katechese und führte dank heiliger Bischöfe und Theologen wie des hl. Petrus Canisius, des hl. Karl Borromäus, des hl. Turibio von Mongrovejo und des hl. Robert Bellarmin zur Veröffentlichung zahlreicher Katechismen.



10 So ist es nicht erstaunlich, daß in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das von Papst Paul VI. als der große Katechismus der heutigen Zeit angesehen wurde, die Katechese der Kirche von neuem die Aufmerksamkeit auf sich zog. Das Allgemeine katechetische Direktorium von 1971, die Bischofssynoden über die Evangelisierung (1974) und die Katechese (1977) sowie die entsprechenden Apostolischen Schreiben "Evangelii nuntiandi" (1975) und "Catechesi tradendae" (1979) bezeugen das. Die außerordentliche Bischofssynode von 1985 regte an, "einen Katechismus oder ein Kompendium der ganzen katholischen Glaubens- und Sittenlehre" zu verfassen (Schlußbericht II B a 4). Papst Johannes Paul II. machte sich diesen Wunsch der Bischofssynode zu eigen, indem er anerkannte, daß "dieser Wunsch einem echten Bedürfnis der Gesamtkirche und der Teilkirchen entspricht" (Ansprache vom 7. Dezember 1985). Er tat alles, um diesen Wunsch der Synodenväter zu erfüllen.





III Zielsetzung und Adressaten des Katechismus



11 Der vorliegende Katechismus will im Licht des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Gesamttradition der Kirche eine organische Synthese der wesentlichen und grundlegenden Inhalte der katholischen Glaubens- und Sittenlehre vorlegen. Seine Hauptquellen sind die Heilige Schrift, die Kirchenväter, die Liturgie und das Lehramt der Kirche. Er ist als "Bezugspunkt für die Katechismen oder Kompendien" gedacht, "die in den verschiedenen Regionen zu erstellen sind" (Bischofssynode 1985, Schlußbericht II B a 4).



12 Der vorliegende Katechismus ist hauptsächlich für die bestimmt, die für die Katechese verantwortlich sind: in erster Linie für die Bischöfe als Lehrer des Glaubens und Hirten der Kirche. Er wird ihnen bei ihrer Aufgabe, das Volk Gottes zu lehren, als Arbeitshilfe angeboten. Über die Bischöfe richtet er sich auch an die Verfasser von Katechismen, an die Priester und Katecheten. Er will aber auch eine nützliche Lektüre für alle anderen gläubigen Christen sein.







IV Der Aufbau des Katechismus



13 Der Katechismus ist nach den vier Grundpfeilern der großen katechetischen Tradition gegliedert: dem Bekenntnis des Taufglaubens (Glaubensbekenntnis oder Symbolum), den Sakramenten des Glaubens, dem Leben aus dem Glauben (den Geboten) und dem Gebet des Gläubigen (dem Vaterunser).





Das Glaubensbekenntnis (erster Teil)



14 Wer durch den Glauben und die Taufe Christus angehört, muß seinen Taufglauben vor den Menschen bekennen [Vgl. Mt 10, 32; Röm 10, 9]. Darum handelt der Katechismus zunächst von der Offenbarung, durch die sich Gott an den Menschen wendet und sich ihm schenkt, und vom Glauben, durch den der Mensch Gott darauf antwortet (erster Abschnitt). Das Glaubensbekenntnis faßt die Gaben zusammen, die Gott als Urheber alles Guten, als Erlöser und als Heiligender dem Menschen schenkt. Es ordnet sie nach den drei Grundartikeln unserer Taufe. Diese sind: der Glaube an den einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer; der Glaube an Jesus Christus, seinen Sohn, unseren Herrn und Erlöser; und der Glaube an den Heiligen Geist in der heiligen Kirche (zweiter Abschnitt).





Die Sakramente des Glaubens (zweiter Teil)



15 Der zweite Teil des Katechismus legt dar, wie das durch Jesus Christus und den Heiligen Geist von Gott ein für allemal gewirkte Heil vergegenwärtigt wird: in den heiligen Handlungen der Liturgie der Kirche (erster Abschnitt), insbesondere in den sieben Sakramenten (zweiter Abschnitt).





Das Leben aus dem Glauben (dritter Teil)



16 Der dritte Teil des. Katechismus zeigt das letzte Ziel des nach dem Bilde Gottes erschaffenen Menschen: die Glückseligkeit; er stellt auch den Weg vor, der dorthin führt: das freie, rechte Handeln mit Hilfe der Weisung und der Gnade Gottes (erster Abschnitt). Dieses Handeln verwirklicht das Doppelgebot der Liebe, wie es in den zehn Geboten Gottes entfaltet ist (zweiter Abschnitt).





Das Gebet im Glaubensleben (vierter Teil)



17 Der letzte Teil des Katechismus handelt von Sinn und Bedeutung des Gebetes im Leben der Glaubenden (erster Abschnitt). Er schließt mit einem kurzen Kommentar zu den sieben Bitten des Gebetes des Herrn, des "Vaterunsers" (zweiter Abschnitt). In diesen Bitten findet sich ja die Gesamtheit der Güter, die wir erhoffen dürfen und die unser himmlischer Vater uns geben will.





V Praktische Hinweise zum Gebrauch des Katechismus



18 Dieser Katechismus ist als eine organische Darlegung des ganzen katholischen Glaubens gedacht. Man muß ihn somit als eine Einheit lesen. Zahlreiche Verweise in den Fußnoten und am Rand des Textes (in der Computerausgabe: Verweise auf andere Artikelnummern des KKK am Ende der jeweiligen Artikels) sowie die Register am Schluß des Buches ermöglichen es, jedes Thema in seiner Verbindung mit dem Ganzen des Glaubens zu sehen.



19 Oft wird die Heilige Schrift nicht wörtlich zitiert, sondern es wird nur (in den Fußnoten) auf sie verwiesen. Das Nachlesen der angegebenen Schriftstellen verhilft zu einem tieferen Verständnis. Diese Schriftverweise sind auch als Behelfe für die Katechese gedacht.



20 Bei den Stellen in Kleindruck handelt es sich um geschichtliche oder apologetische Bemerkungen oder auch um ergänzende lehrhafte Ausführungen.



21 Die kleingedruckten Zitate aus patristischen, liturgischen, lehramtlichen oder hagiographischen Quellen bereichern die Lehrdarlegung. Oft wurden diese Texte im Hinblick auf, eine direkte Verwendung in der Katechese gewählt.



22 Am Schluß jeder thematischen Einheit fassen Kurztexte den wesentlichen Lehrinhalt in knappen Formulierungen zusammen. Sie sollen der örtlichen Katechese Anregungen zu knappen Sätzen geben, die sich dem Gedächtnis einprägen lassen.





VI Die notwendigen Anpassungen



23 Dem vorliegenden Katechismus geht es in erster Linie um die Darlegung der Lehre. Er dient der Vertiefung der Glaubenskenntnis. Somit ist er auf das Reifen des Glaubens, seine Einwurzelung im Leben und seine Ausstrahlung im Zeugnis ausgerichtet [Vgl. CT 20-22; 25].



24 Wegen seiner Zielsetzung kann dieser Katechismus nicht selbst jene Anpassungen in der Darlegung und den katechetischen Methoden vornehmen, welche die Unterschiede in den Kulturen, Lebensphasen, im geistlichen Leben, in den gesellschaftlichen und kirchlichen Situationen der Adressaten erfordern. Diese unerläßlichen Anpassungen sind Aufgabe entsprechender Katechismen, und vor allem der für den Unterricht der Gläubigen Verantwortlichen:



"Wer das Amt des Lehrens ausübt, soll ,allen alles werden' (1 Kor 9, 22), um alle für Christus zu gewinnen ... er soll nicht glauben, daß die seiner Sorge anvertrauten Menschen alle von der gleichen Art sind, so daß er sie alle in der gleichen Art nach einem festgelegten und sicheren Schema unterweisen und zu wahrer Frömmigkeit heranbilden könnte. Vielmehr sind die einen ,wie neugeborene Kinder' (1 Petr 2, 2); andere beginnen in Christus zu wachsen; manche dagegen sind schon gereiften Alters ... Die zu diesem Amt Berufenen müssen verstehen, daß es notwendig ist, bei der Weitergabe der Glaubensmysterien und der Gebote des Lebens die Lehre der Denkart und Auffassungskraft der Zuhörer anzupassen" (Catech. R., Vorwort 11).





Vor allem - die Liebe



25 Zum Schluß dieser Einführung ist an den pastoralen Grundsatz zu erinnern, den der Römische Katechismus so ausdrückt:



"Die ganze Belehrung und Unterweisung muß auf die Liebe ausgerichtet sein, die kein Ende hat. Mag man also etwas vorlegen, was zu glauben, zu erhoffen oder zu tun ist - immer ist dabei vor allem die Liebe zu unserem Herrn zu empfehlen, damit jeder einsieht, daß alle Werke vollkommener christlicher Tugend einzig und allein in der Liebe entspringen und auf kein anderes Ziel gerichtet werden können als auf die Liebe" (Vorwort 10).











ERSTER TEIL



DAS GLAUBENSBEKENNTNIS







ERSTER ABSCHNITT





"ICH GLAUBE" - "WIR GLAUBEN"





26 Wenn wir unseren Glauben bekennen, sagen wir zu Beginn: "Ich glaube" oder "wir glauben". Bevor wir den Glauben der Kirche darlegen, wie er im Credo bekannt, in der Liturgie gefeiert, im Befolgen der Gebote und im Gebet gelebt wird, fragen wir uns also, was "glauben" bedeutet. Der Glaube ist die Antwort des Menschen an Gott, der sich dem Menschen offenbart und schenkt und ihm so auf der Suche nach dem letzten Sinn seines Lebens Licht in Fülle bringt. Wir betrachten folglich zunächst dieses Suchen des Menschen (erstes Kapitel), sodann die göttliche Offenbarung, durch die Gott dem Menschen entgegenkommt (zweites Kapitel), und schließlich die Antwort des Glaubens (drittes Kapitel).





ERSTES KAPITEL



DER MENSCH IST "GOTTFÄHIG"





I Das Verlangen nach Gott



27 Das Verlangen nach Gott ist dem Menschen ins Herz geschrieben, denn der Mensch ist von Gott und für Gott erschaffen. Gott hört nie auf, ihn an sich zu ziehen. Nur in Gott wird der Mensch die Wahrheit und das Glück finden, wonach er unablässig sucht (Vgl. dazu auch 355, 1701, 1718):



"Ein besonderer Grund für die menschliche Würde liegt in der Berufung des Menschen zur Gemeinschaft mit Gott. Zum Dialog mit Gott wird der Mensch schon von seinem Ursprung her eingeladen: er existiert nämlich nur, weil er, von Gott aus Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird; und er lebt nicht voll gemäß der Wahrheit, wenn er diese Liebe nicht frei anerkennt und sich seinem Schöpfer anheimgibt" (GS 19, 1).



28 Von jeher geben die Menschen durch ihre Glaubensanschauungen und religiösen Verhaltensweisen (wie Gebet, Opfer, Kult und Meditation) ihrem Suchen nach Gott mannigfach Ausdruck. Diese Ausdrucksweisen können mehrdeutig sein, sind aber so allgemein vorhanden, daß man den Menschen als ein religiöses Wesen bezeichnen kann (Vgl. dazu auch 2095-2109, 843, 2566):



Gott "hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17, 26-28)



29 Diese "innigste und lebenskräftige Verbindung mit Gott" (GS 19, 1) kann jedoch vom Menschen vergessen, verkannt, ja ausdrücklich zurückgewiesen werden. Solche Haltungen können verschiedenste Ursachen haben [Vgl. GS 19-21]: Auflehnung gegen das Übel in der Welt, religiöse Unwissenheit oder Gleichgültigkeit, irdische Sorgen und Reichtum [Vgl. Mt 13, 22], schlechtes Beispiel der Gläubigen, religionsfeindliche Denkströmungen und schließlich die Neigung des sündigen Menschen, sich aus Angst vor Gott zu verbergen [Vgl. Gen 3, 8-10] und vor dem Ruf des Herrn zu fliehen [Vgl. Jona 1, 3] (Vgl. dazu auch 2123-2128, 398).



30 "Alle, die den Herrn suchen, sollen sich von Herzen freuen" (Ps 105, 3). Mag auch der Mensch Gott vergessen oder zurückweisen, hört Gott doch nicht auf, jeden Menschen zu rufen, damit dieser ihn suche und dadurch lebe und sein Glück finde. Dieses Suchen fordert aber vom Menschen die ganze Anstrengung des Denkens und die gerade Ausrichtung des Willens, "ein aufrichtiges Herz", und auch das Zeugnis anderer, die ihn lehren, Gott zu suchen (Vgl. dazu auch 2567, 845, 368).



"Groß bist du, Herr, und überaus lobwürdig; groß ist deine Stärke und unermeßlich deine Weisheit. Und loben will dich der Mensch, der selbst ein Teilchen deiner Schöpfung ist, der Mensch, der seine Sterblichkeit mit sich herumträgt und in ihr das Zeugnis seiner Sündhaftigkeit und das Zeugnis, daß du den Stolzen widerstehst. Und dennoch will er dich loben, der Mensch, der selbst ein Teilchen deiner Schöpfung ist. Du treibst uns an, so daß wir mit Freuden dich loben, denn du hast uns auf dich hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir" (Augustinus, conf. 1,1,1).





II Die Wege zur Gotteserkenntnis



31 Da der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen und dazu berufen ist, Gott zu erkennen und zu lieben, entdeckt er auf der Suche nach Gott gewisse "Wege", um zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. Man nennt diese auch "Gottesbeweise", nicht im Sinn naturwissenschaftlicher Beweise, sondern im Sinn übereinstimmender und überzeugender Argumente, die zu wirklicher Gewißheit gelangen lassen. Diese "Wege" zu Gott haben die Schöpfung - die materielle Welt und die menschliche Person -zum Ausgangspunkt.



32 Die Welt. Aus der Bewegung und dem Werden, aus der Kontingenz, der Ordnung und der Schönheit der Welt kann man Gott als Ursprung und Ziel des Universums erkennen (Vgl. dazu auch 54, 337).



Der hl. Paulus behauptet von den Heiden: "Was man von Gott erkennen kann, ist ihnen offenbar; Gott hat es ihnen offenbart. Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit"

(Röm 1, 19-20) [Vgl. Apg 14, 15.17; 17, 27-28; Weish 13, 1-9]



Und der hl. Augustinus sagt: "Frage die Schönheit der Erde, frage die Schönheit des Meeres, frage die Schönheit der Luft, die sich ausdehnt und sich verbreitet, frage die Schönheit des Himmels, frage alle diese Dinge. Alle antworten dir: Schau, wie schön wir sind! Ihre Schönheit ist ein Bekenntnis [confessio]. Wer hat diese der Veränderung unterliegenden Dinge gemacht, wenn nicht der Schöne [Pulcher], der der Veränderung nicht unterliegt?" (serm. 241, 2).



33 Der Mensch. Mit seiner Offenheit für die Wahrheit und Schönheit, mit seinem Sinn für das sittlich Gute, mit seiner Freiheit und der Stimme seines Gewissens, mit seinem Verlangen nach Unendlichkeit und Glück fragt der Mensch nach dem Dasein Gottes. In all dem nimmt er Zeichen seiner Geist - Seele wahr. "Da sich der Keim der Ewigkeit, den er in sich trägt, nicht auf bloße Materie zurückführen läßt", (GS 18, 1) [Vgl. GS 14, 2], kann seine Seele ihren Ursprung nur in Gott haben. (Vgl. dazu auch 2500, 1730, 1776, 1703, 366)



34 Die Welt und der Mensch bezeugen, daß sie weder ihre erste Ursache noch ihr letztes Ziel in sich selbst haben, sondern daß sie am ursprungslosen und endlosen Sein schlechthin teilhaben. Auf diesen verschiedenen "Wegen" kann also der Mensch zur Erkenntnis gelangen, daß eine Wirklichkeit existiert, welche die Erstursache und das Endziel von allem ist, und diese Wirklichkeit "wird von allen Gott genannt" (Thomas v. A., s. th. 1,2,3) (Vgl. dazu auch 199).



35 Die Fähigkeiten des Menschen ermöglichen ihm, das Dasein eines persönlichen Gottes zu erkennen. Damit aber der Mensch in eine Beziehung der Vertrautheit mit Gott eintreten könne, wollte dieser sich dem Menschen offenbaren und ihm die Gnade geben, diese Offenbarung im Glauben annehmen zu können. Die Beweise für das Dasein Gottes können indes zum Glauben hinführen und zur Einsicht verhelfen, daß der Glaube der menschlichen Vernunft nicht widerspricht (Vgl. dazu auch 50, 159).





III Die Gotteserkenntnis nach der Lehre der Kirche



36 "Die heilige Mutter Kirche hält fest und lehrt, daß Gott, der Ursprung und das Ziel aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen gewiß erkannt werden kann" (1. Vatikanisches K.: DS 3004) [Vgl. DS 3026; DV 6]. Ohne diese Befähigung wäre der Mensch nicht imstande, die Offenbarung Gottes aufzunehmen. Der Mensch besitzt diese Fähigkeit, weil er "nach dem Bilde Gottes" erschaffen ist [Vgl. Gen 1, 26] (Vgl. dazu auch 355).



37 In den geschichtlichen Bedingungen, in denen sich der Mensch befindet, ist es jedoch für ihn recht schwierig, Gott einzig mit dem Licht seiner Vernunft zu erkennen (Vgl. dazu auch 1960).



"Wenn auch die menschliche Vernunft, um es einfach zu sagen, durch ihre natürlichen Kräfte und ihr Licht tatsächlich zur wahren und sicheren Erkenntnis des einen persönlichen Gottes, der die Welt durch seine Vorsehung schützt und leitet, sowie des natürlichen Gesetzes, das vom Schöpfer in unsere Herzen gelegt wurde, gelangen kann, so hindert doch nicht weniges, daß dieselbe Vernunft diese ihre angeborene Fähigkeit wirksam und fruchtbar benütze. Was sich nämlich auf Gott erstreckt und die Beziehungen angeht, die zwischen den Menschen und Gott bestehen, das sind Wahrheiten, die die Ordnung der sinnenhaften Dinge gänzlich übersteigen; wenn sie auf die Lebensführung angewandt werden und diese gestalten, verlangen sie Selbstaufopferung und Selbstverleugnung. Der menschliche Verstand aber ist sowohl wegen des Antriebes der Sinne und der Einbildung als auch wegen der verkehrten Begierden, die aus der Ursünde herrühren, beim Erwerb solcher Wahrheiten Schwierigkeiten unterworfen. So kommt es, daß die Menschen sich in solchen Dingen gerne einreden, es sei falsch oder wenigstens zweifelhaft, von dem sie selbst nicht wollen, daß es wahr sei" (Pius XII., Enz. "Humani Generis": DS 3875).



38 Deshalb ist es nötig, daß der Mensch durch die Offenbarung Gottes nicht nur über das erleuchtet wird, was sein Verständnis übersteigt, sondern auch über "das, was in Fragen der Religion und der Sitten der Vernunft an sich nicht unzugänglich ist", damit es "auch bei der gegenwärtigen Verfaßtheit des Menschengeschlechtes von allen ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewißheit und ohne Beimischung eines Irrtums erkannt werden kann" (ebd.:DS 3876) [Vgl. 1. Vatikanisches K.: DS 3005; DV 6; Thomas v. A., s th. 1, 1, 1] (Vgl. dazu auch 2036).





IV Wie von Gott sprechen?



39 Die Kirche vertritt die Überzeugung, daß die menschliche Vernunft Gott zu erkennen vermag. Damit bekundet sie ihre Zuversicht, daß es möglich ist, zu allen Menschen und mit allen Menschen von Gott zu sprechen. Diese Überzeugung liegt ihrem Dialog mit den anderen Religionen, mit der Philosophie und den Wissenschaften, aber auch mit den Ungläubigen und den Atheisten zugrunde (Vgl. dazu auch 851).



40 Da unsere Gotteserkenntnis begrenzt ist, ist es auch unser Sprechen von Gott. Wir können nur von den Geschöpfen her und gemäß unserer beschränkten menschlichen Erkenntnis- und Denkweise von Gott sprechen.



41 Alle Geschöpfe weisen eine gewisse Ähnlichkeit mit Gott auf, insbesondere der Mensch, der nach Gottes Bild, ihm ähnlich erschaffen ist. Darum widerspiegeln die vielfältigen Vollkommenheiten der Geschöpfe (ihre Wahrheit, ihre Güte, ihre Schönheit) die unendliche Vollkommenheit Gottes. Daher können wir von den Vollkommenheiten seiner Geschöpfe her über Gott Aussagen machen, "denn von der Größe und Schönheit der Geschöpfe läßt sich auf ihren Schöpfer schließen" (Weish 13, 5) (Vgl. dazu auch 213, 299).



42 Gott ist über jedes Geschöpf erhaben. Wir müssen deshalb unser Sprechen von ihm unablässig von allem Begrenztem, Bildhaftem, Unvollkommenem läutern, um nicht den "unaussagbaren, unbegreiflichen, unsichtbaren, unfaßbaren" Gott (Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus, Hochgebet) mit unseren menschlichen Vorstellungen von ihm zu verwechseln. Unsere menschlichen Worte reichen nie an das Mysterium Gottes heran (Vgl. dazu auch 212, 300, 370).



43 Wenn wir auf diese Weise von Gott sprechen, drückt sich unsere Sprache zwar menschlich aus, bezieht sich aber wirklich auf Gott selbst, ohne ihn jedoch in seiner unendlichen Einfachheit zum Ausdruck bringen zu können. Wir müssen uns bewußt sein: "Zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf kann man keine so große Ähnlichkeit feststellen, daß zwischen ihnen keine noch größere Unähnlichkeit festzustellen wäre" (4. Konzil im Lateran: DS 806). "Wir können von Gott nicht erfassen, was er ist, sondern bloß, was er nicht ist und wie sich die anderen Wesen auf ihn beziehen" (Thomas v. A., s. gent. 1, 30) (Vgl. dazu auch 206).







KURZTEXTE





44 Der Mensch ist seiner Natur und Berufung nach ein religiöses Wesen. Da er von Gott kommt und zu Gott geht, lebt der Mensch nur in freiwilliger Verbindung mit Gott ein vollmenschliches Leben.



45 Der Mensch ist dazu geschaffen, in Gemeinschaft mit Gott zu leben, in dem er sein Glück findet: "Wenn ich dir anhängen werde mit meinem ganzen Wesen, dann wird mich keinerlei Schmerz und Trübsal mehr bedrücken, und mein ganz von dir erfülltes Leben wird erst wahrhaftiges Leben sein" (Augustinus, conf. 10, 28, 39).



46 Wenn der Mensch auf die Botschaft der Geschöpfe und die Stimme seines Gewissens hört, kann er zur Gewißheit gelangen, daß Gott als Ursache und Ziel von allem existiert.



47 Die Kirche lehrt, daß sich der einzige und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, dank dem natürlichen Licht der Vernunft aus seinen Werken mit Gewißheit erkennen läßt [Vgl. 1. Vatikanisches Konzil: DS 3026].



48 Wir können wirklich von Gott sprechen, wenn wir von den vielfältigen Vollkommenheiten der Geschöpfe ausgehen, durch die sie dem unendlich vollkommenen Gott ähnlich sind. Unsere begrenzte Sprache vermag aber sein Mysterium nicht auszuschöpfen.



49 "Das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts" (GS 36). Darum wissen sich die Glaubenden durch die Liebe Christi gedrängt, denen, die ihn nicht kennen oder zurückweisen, das Licht des lebendigen Gottes zu bringen.











ZWEITES KAPITEL





GOTT GEHT AUF DEN MENSCHEN ZU





50 Durch seine natürliche Vernunft kann der Mensch Gott aus dessen Werken mit Gewißheit erkennen. Es gibt jedoch noch eine andere Erkenntnisordnung, zu der der Mensch nicht aus eigenen Kräften zu gelangen vermag: diejenige der göttlichen Offenbarung [Vgl. 1. Vatikanisches Konzil: DS 3015]. Durch einen ganz freien Entschluß offenbart und schenkt sich Gott dem Menschen, indem er sein innerstes Geheimnis enthüllt, seinen gnädigen Ratschluß, den er in Christus für alle Menschen von aller Ewigkeit her gefaßt hat. Er enthüllt seinen Heilsplan vollständig, indem er seinen geliebten Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, und den Heiligen Geist sendet (Vgl. dazu auch 36, 1066).





ARTIKEL 1



DIE OFFENBARUNG GOTTES





I Gott offenbart seinen "gnädigen Ratschluß"



51 "Es hat Gott in seiner Güte und Weisheit gefallen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens bekannt zu machen, daß die Menschen durch Christus, das Fleisch gewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und der göttlichen Natur teilhaftig werden" (DV 2) (Vgl. dazu auch 2823, 1996).



52 Gott, "der in unzugänglichem Licht wohnt" (1 Tim 6, 16), will den Menschen, die er in Freiheit erschaffen hat, sein eigenes göttliches Leben mitteilen, um sie in seinem einzigen Sohn als Söhne anzunehmen [Vgl. Eph 1, 4-5]. Indem Gott sich offenbart, will er die Menschen befähigen, ihm zu antworten, ihn zu erkennen und ihn weit mehr zu lieben, als sie von sich aus imstande wären.



53 Der göttliche Offenbarungsratschluß verwirklicht sich "in Taten und Worten, die innerlich miteinander verknüpft sind" und einander erhellen (DV 2). In ihm liegt eine eigenartige göttliche "Erziehungsweisheit": Gott teilt sich dem Menschen stufenweise mit; er bereitet ihn etappenweise darauf vor, seine übernatürliche Selbstoffenbarung aufzunehmen, die in der Person und Sendung des fleischgewordenen Wortes Jesus Christus gipfelt (Vgl. dazu auch 1153, 1950).



Der hl. Irenäus von Lyon spricht unter dem Bild der gegenseitigen Angewöhnung Gottes und des Menschen wiederholt von dieser göttlichen Pädagogik:

"Das Wort Gottes wohnte im Menschen und wurde zum Menschensohn, damit der Mensch sich gewöhne, Gott aufzunehmen, und Gott sich gewöhne, im Menschen zu wohnen nach dem Wohlgefallen des Vaters" (hær. 3, 20, 2) [Vgl. z.B. hær. 3, 17, 1; 4, 12, 4; 4, 21, 3].







II Die Stufen der Offenbarung





Gott läßt sich von Anfang an erkennen



54 "Gott, der durch das Wort alles erschafft und erhält, gewährt den Menschen in den geschaffenen Dingen ein ständiges Zeugnis von sich und hat, weil er den Weg des übernatürlichen Heiles eröffnen wollte, darüber hinaus sich selbst schon von Anfang an den Stammeltern kundgetan" (DV 3). Er hat sie zu einer innigen Gemeinschaft mit sich berufen, indem er sie mit strahlender Gnade und Gerechtigkeit umkleidete (Vgl. dazu auch 32, 374).



55 Diese Offenbarung wurde durch die Sünde unserer Stammeltern nicht abgebrochen. Denn Gott hat sie nach "ihrem Fall ... durch die Verheißung der Erlösung zur Hoffnung auf das Heil [wieder] aufgerichtet und ohne Unterlaß für das Menschengeschlecht gesorgt, um allen das ewige Leben zu geben, die in der Beharrlichkeit des guten Werkes nach dem Heil streben" (DV 3). (Vgl. dazu auch 410, 397)



Als der Mensch "im Ungehorsam deine Freundschaft verlor und der Macht des Todes verfiel, hast du ihn dennoch nicht verlassen ... Immer wieder hast du den Menschen deinen Bund angeboten" (MR, Viertes Hochgebet 118) (Vgl. dazu auch 761).





Der Bund mit Noach



56 Als durch die Sünde die Einheit des Menschengeschlechtes zerbrochen war, suchte Gott die Menschheit zunächst auf dem Weg über jedes einzelne Bruchstück zu retten. Im Bund, den er nach der Sintflut mit Noach schloß [Vgl. Gen 9, 9], äußert sich der göttliche Heilswille gegenüber den "Völkern", das heißt gegenüber den Menschen, die "in ihren verschiedenen Ländern ..., jedes nach seiner Sprache und seinen Sippenverbänden", geordnet sind (Gen 10, 5) [Vgl. Gen 10, 20-31] (Vgl. dazu auch 401, 1219).



57 Die zugleich kosmische, gesellschaftliche und religiöse Ordnung der Vielzahl der Völker [Vgl. Apg 17, 26-27], die von der göttlichen Vorsehung der Obhut der Engel anvertraut wurde [Vgl. Dtn 4, 19; 32, 8 LXX] soll den Stolz einer gefallenen Menschheit dämpfen, die in einmütiger Schlechtigkeit [Vgl. Weish 10, 5] sich selbst zu einer Einheit in der Art von Babel [Vgl. Gen 11, 4-6] machen möchte. Doch infolge der Sünde [Vgl. Röm 1, 18-25] droht diese vorläufige Ordnung immer wieder in die heidnische Abwegigkeit der Vielgötterei und der Vergötzung des Volkes und seines Führers abzugleiten.



58 Der Bund mit Noach bleibt so lange in Kraft, wie die Zeit der Völker dauert [Vgl. Lk 2l, 24], bis zur Verkündigung des Evangeliums in der ganzen Welt. Die Bibel verehrt einige große Gestalten der "Völker": "Abel den Gerechten", den Priesterkönig Melchisedek [Vgl. Gen 14, 18] als ein Abbild Christi [Vgl. Hebr 7, 3], die Gerechten "Noach, Daniel und Ijob" (Ez 14, 14). So bringt die Schrift zum Ausdruck, zu welch hoher Heiligkeit die gelangen können, die dem Noachbund entsprechend darauf harren, daß Christus kommt, "die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln" (Joh 11, 52) (Vgl. dazu auch 675, 2569).





Gott erwählt Abraham



59 Um die versprengte Menschheit wieder zur Einheit zusammenzuführen, erwählt Gott Abram und ruft ihn aus seinem Land, von seiner Verwandtschaft und aus seinem Vaterhaus [Vgl. Gen 12, 1], um ihn zu Abraham, das heißt zum "Stammvater einer Menge von Völkern" (Gen 17, 5) zu machen: "In dir sollen gesegnet werden alle Völker der Erde" (Gen 12, 3 LXX) [Vgl. Gal 3, 8] (Vgl. dazu auch 145, 2570).



60 Das aus Abraham hervorgegangene Volk wird zum Träger der den Patriarchen gemachten Verheißung, zum auserwählten Volk [Vgl. Röm l1, 28], das dazu berufen ist, die Sammlung aller Kinder Gottes in der Einheit der Kirche [Vgl. Joh 11, 52; 10, 16] vorzubereiten. Dieses Volk wird zum Wurzelstock, dem die gläubig gewordenen Heiden eingepfropft werden [Vgl. Röm 11, 17-18. 24] (Vgl. dazu auch 706, 762, 781).



61 Die Patriarchen, die Propheten und weitere große Gestalten des Alten Testamentes wurden und werden in allen liturgischen Traditionen stets als Heilige verehrt.





Gott bildet sich sein Volk Israel heran



62 In der Zeit nach den Patriarchen machte Gott Israel zu seinem Volk. Er befreite es aus der Sklaverei in Ägypten, schloß mit ihm den Sinaibund und gab ihm durch Mose sein Gesetz, damit es ihn als den einzigen, lebendigen und wahren Gott, den fürsorglichen Vater und gerechten Richter anerkenne, ihm diene und den verheißenen Erlöser erwarte [Vgl. DV 3] (Vgl. dazu auch 2060, 2574, 1961).



63 Israel ist das priesterliche Volk Gottes [Vgl. Ex 19, 6], über dem "der Name des Herrn ... ausgerufen ist" (Dtn 28, 10). Es ist das Volk derer, "zu denen Gott zuerst gesprochen hat" (MR, Karfreitag 13: große Fürbitte 6), das Volk der "älteren Brüder" im Glauben Abrahams (Vgl. dazu auch 204, 2810, 839).



64 Durch die Propheten bildet Gott sein Volk heran in der Hoffnung auf das Heil, im Harren auf einen neuen, ewigen Bund, der für alle Menschen bestimmt ist [Vgl. Jes 2, 2-4] und in die Herzen geschrieben wird [Vgl. Jer 31, 31-34; Hebr 10, 16]. Die Propheten künden eine radikale Erlösung des Gottesvolkes an, die Reinigung von allen seinen Vergehen [Vgl. Ez 36], ein Heil, das alle Völker umfassen wird [Vgl. Jes 49, 5-6; 53, 11]. Vor allem die Armen und Demütigen des Herrn [Vgl. Zef 2, 3] werden zu Trägern dieser Hoffnung. Heilige Frauen wie Sara, Rebekka, Rahel, Mirjam, Debora, Hanna, Judit und Ester erhalten die Heilshoffnung Israels lebendig; deren reinste Gestalt ist Maria [Vgl. Lk l, 38] (Vgl. dazu auch 711, 1965, 489).





III Christus Jesus - der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung



In seinem Wort hat Gott alles gesagt



65 "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn" (Hebr 1, 1-2). Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, ist das vollkommene, unübertreffbare, eingeborene Wort des Vaters (Vgl. dazu auch 102). In ihm sagt der Vater alles, und es wird kein anderes Wort geben als dieses. Das bringt der hl. Johannes vom Kreuz in seiner Auslegung von Hebr 1, 1-2 lichtvoll zum Ausdruck:



"Seit er uns seinen Sohn geschenkt hat, der sein Wort ist, hat Gott uns kein anderes Wort zu geben. Er hat alles, zumal in diesem einen Worte gesprochen. Denn was er ehedem nur stückweise zu den Propheten geredet, das hat er nunmehr im ganzen gesprochen, indem er uns das Ganze gab, nämlich seinen Sohn. Wer demnach jetzt noch ihn befragen oder von ihm Visionen oder Offenbarungen haben wollte, der würde nicht bloß unvernünftig handeln, sondern Gott geradezu beleidigen, weil er seine Augen nicht einzig auf Christus richten würde, ohne jegliches Verlangen nach anderen oder neuen Dingen" (Carm. 2, 22) (Vgl. dazu auch 516, 2717).





Es wird keine andere Offenbarung mehr geben



66 "Daher wird die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und nun endgültige Bund, niemals vorübergehen, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der glorreichen Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus" (DV 4). Obwohl die Offenbarung abgeschlossen ist, ist ihr Inhalt nicht vollständig ausgeschöpft; es bleibt Sache des christlichen Glaubens, im Lauf der Jahrhunderte nach und nach ihre ganze Tragweite zu erfassen (Vgl. dazu auch 94).



67 Im Laufe der Jahrhunderte gab es sogenannte "Privatoffenbarungen", von denen einige durch die kirchliche Autorität anerkannt wurden. Sie gehören jedoch nicht zum Glaubensgut. Sie sind nicht dazu da, die endgültige Offenbarung Christi zu "vervollkommnen" oder zu "vervollständigen", sondern sollen helfen, in einem bestimmten Zeitalter tiefer aus ihr zu leben. Unter der Leitung des Lehramtes der Kirche weiß der Glaubenssinn der Gläubigen zu unterscheiden und wahrzunehmen, was in solchen Offenbarungen ein echter Ruf Christi oder seiner Heiligen an die Kirche ist (Vgl. dazu auch 84, 93).



Der christliche Glaube kann keine "Offenbarungen" annehmen, die vorgeben, die Offenbarung, die in Christus vollendet ist, zu übertreffen oder zu berichtigen, wie das bei gewissen nichtchristlichen Religionen und oft auch bei gewissen neueren Sekten der Fall ist, die auf solchen "Offenbarungen" gründen.







KURZTEXTE





68 Gott hat sich aus Liebe dem Menschen geoffenbart und geschenkt. Er gibt so eine überreiche und endgültige Antwort auf die Fragen nach dem Sinn und Ziel des Lebens, die sich der Mensch stellt.



69 Gott offenbarte sich dem Menschen dadurch, daß er ihm sein Mysterium stufenweise durch Taten und Worte mitteilte.



70 Über seine Selbstbezeugung in den geschaffenen Dingen hinaus hat sich Gott selbst unseren Stammeltern kundgetan. Er sprach zu ihnen; nach dem Sündenfall verhieß er ihnen das Heil [Vgl. Gen 3, 15] und bot ihnen seinen Bund an.



71 Gott schloß mit Noach einen ewigen Bund, einen Bund zwischen sich und allen lebenden Wesen[Vgl. Gen 9, 16]. Solange die Welt dauert, dauert auch dieser Bund.



72 Gott erwählte Abraham und schloß mit ihm und seiner Nachkommenschaft einen Bund. Aus ihr bildete er sich ein Volk heran, dem er durch Mose das Gesetz offenbarte. Er bereitete dieses Volk durch die Propheten darauf vor, das für die ganze Menschheit bestimmte Heil zu empfangen.



73 Gott offenbarte sich ganz, indem er seinen eigenen Sohn sandte, in welchem er seinen Bund für immer schloß. Christus ist das endgültige Wort des Vaters, so daß es nach ihm keine weitere Offenbarung mehr geben wird.











ARTIKEL 2



DIE WEITERGABE DER GÖTTLICHEN OFFENBARUNG







74 Gott "will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2,4), das heißt zur Erkenntnis Jesu Christi [Vgl. Joh 14, 6]. Deshalb muß Christus allen Völkern und Menschen verkündet werden und die Offenbarung bis an die Grenzen der Erde gelangen (Vgl. dazu auch 851).



"Was Gott zum Heil aller Völker geoffenbart hatte, das sollte - so hat er in seiner großen Güte verfügt - auf ewig unversehrt fortdauern und allen Geschlechtern weitergegeben werden" (DV 7).





I Die apostolische Überlieferung



75 "Christus, der Herr, in dem die ganze Offenbarung des höchsten Gottes sich vollendet, hat den Aposteln den Auftrag gegeben, das Evangelium, das, vordem durch die Propheten verheißen, er selbst erfüllt und mit eigenem Munde verkündet hat, als die Quelle aller heilsamen Wahrheit und Sittenlehre allen zu predigen und ihnen so göttliche Gaben mitzuteilen" (DV 7) (Vgl. dazu auch 171).





Die apostolische Predigt ...



76 Dem Willen des Herrn entsprechend geschah die Weitergabe des Evangeliums auf zwei Weisen:





... weitergeführt in der apostolischen Sukzession



77 "Damit aber das Evangelium in der Kirche stets unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel als ihre Nachfolger Bischöfe zurückgelassen, denen sie ihr eigenes Lehramt übergaben" (DV 7). Denn es mußte "die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern in besonderer Weise ausgedrückt wird, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden" (DV 8) (Vgl. dazu auch 861).



78 Diese lebendige Weitergabe, die im Heiligen Geist geschieht, wird - als von der Heiligen Schrift verschieden, aber doch eng mit ihr verbunden - "Überlieferung" genannt. "So setzt die Kirche in ihrer Lehre, ihrem Leben und ihrem Kult fort und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt" (DV 8). "Die Aussagen der heiligen Väter bezeugen die lebendigmachende Gegenwart dieser Überlieferung, deren Reichtümer sich in Tun und Leben der glaubenden und betenden Kirche ergießen" (DV 8) (Vgl. dazu auch 174, 1124, 2651).



79 So bleibt die Selbstmitteilung des Vaters durch sein Wort im Heiligen Geist in der Kirche zugegen und wirksam: "Und so ist Gott, der einst gesprochen hat, ohne Unterlaß im Gespräch mit der Braut seines geliebten Sohnes, und der Heilige Geist, durch den die lebendige Stimme des Evangeliums in der Kirche und durch sie in der Welt widerhallt, führt die Gläubigen in alle Wahrheit ein und läßt das Wort Christi in Überfülle unter ihnen wohnen" (DV 8).







II Die Beziehung zwischen der Überlieferung und der Heiligen Schrift





Eine gemeinsame Quelle ....



80 "Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift sind eng miteinander verbunden und haben aneinander Anteil. Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu" (DV 9). Beide machen in der Kirche das Mysterium Christi gegenwärtig und fruchtbar, der versprochen hat, bei den Seinen zu bleiben "alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20).





... zwei verschiedene Arten der Weitergabe



81 "Die Heilige Schrift ist Gottes Rede, insofern sie unter dem Anhauch des Heiligen Geistes schriftlich aufgezeichnet worden ist."



"Die Heilige Überlieferung aber gibt das Wort Gottes, das von Christus, dem Herrn, und vom Heiligen Geist den Aposteln anvertraut wurde, unversehrt an deren Nachfolger weiter, damit sie es unter der erleuchtenden Führung des Geistes der Wahrheit in ihrer Verkündigung treu bewahren, erklären und ausbreiten" (DV 9) (Vgl. dazu auch 113).



82 "So ergibt sich, daß die Kirche", der die Weitergabe und Auslegung der Offenbarung anvertraut ist, "ihre Gewißheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein schöpft. Daher sind beide mit dem gleichen Gefühl der Dankbarkeit und der gleichen Ehrfurcht anzunehmen und zu verehren" (DV 9).





Apostolische Überlieferung und kirchliche Überlieferungen



83 Die Überlieferung (oder Tradition), von der wir hier sprechen, kommt von den Aposteln her und gibt das weiter, was diese der Lehre und dem Beispiel Jesu entnahmen und vom Heiligen Geist vernahmen. Die erste Christengeneration hatte ja noch kein schriftliches Neues Testament, und das Neue Testament selbst bezeugt den Vorgang der lebendigen Überlieferung.



Die theologischen, disziplinären, liturgischen oder religiösen Überlieferungen (oder Traditionen), die im Laufe der Zeit in den Ortskirchen entstanden, sind etwas anderes. Sie stellen an die unterschiedlichen Orte und Zeiten angepaßte besondere Ausdrucksformen der großen Überlieferung dar. Sie können in deren Licht unter der Leitung des Lehramtes der Kirche beibehalten, abgeändert oder auch aufgegeben werden (Vgl. dazu auch 1202, 2041, 2684).







III Die Auslegung des Glaubenserbes





Das Glaubenserbe ist der Kirche als ganzer anvertraut



84 Das in der Heiligen Überlieferung und in der Heiligen Schrift enthaltene "heilige Erbe" [Vgl. Tim 6, 20; 2 Tim 1, 12-14] des Glaubens (depositum fidei) ist von den Aposteln der Kirche als ganzer anvertraut worden. "Ihr anhängend verharrt das ganze heilige Volk, mit seinen Hirten vereint, ständig in der Lehre und Gemeinschaft der Apostel, bei Brotbrechen und Gebeten, so daß im Festhalten am überlieferten Glauben, in seiner Verwirklichung und in seinem Bekenntnis ein einzigartiger Einklang zwischen Vorstehern und Gläubigen zustande kommt" (DV 10) (Vgl. dazu auch 857, 871, 2033).





Das Lehramt der Kirche



85 "Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes authentisch auszulegen, ist allein dem lebendigen Lehramt der Kirche" - das heißt den Bischöfen in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri, dem Bischof von Rom - "anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird" (DV 10) (Vgl. dazu auch 888-892, 2032-2040).



86 "Das Lehramt steht also nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nur lehrt, was überliefert ist, da es ja dieses (Wort Gottes) nach göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes ehrfürchtig hört, heilig bewahrt und treu erklärt und all das, was es als von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, aus diesem einen Erbe des Glaubens schöpft" (DV 10) (Vgl. dazu auch 688).



87 Die Gläubigen rufen sich das Wort Christi an die Apostel ins Gedächtnis: "Wer euch hört, der hört mich" (Lk 10, 16) [Vgl. LG 20] und nehmen die Lehren und Weisungen, die ihnen ihre Hirten in verschiedenen Formen geben, willig an (Vgl. dazu auch 1548, 2037).





Die Dogmen des Glaubens



88 Das Lehramt der Kirche setzt die von Christus erhaltene Autorität voll ein, wenn es Dogmen definiert, das heißt wenn es in einer das christliche Volk zu einer unwiderruflichen Glaubenszustimmung verpflichtenden Form Wahrheiten vorlegt, die in der göttlichen Offenbarung enthalten sind, oder auch wenn es auf endgültige Weise Wahrheiten vorlegt, die mit diesen in einem notwendigen Zusammenhang stehen.



89 Unser geistliches Leben und die Dogmen stehen in organischer Verbindung. Die Dogmen sind Lichter auf unserem Glaubensweg, sie erhellen und sichern ihn. Umgekehrt werden durch ein rechtes Leben unser Verstand und unser Herz geöffnet, um das Licht der Glaubensdogmen aufzunehmen [Vgl. Joh 8, 31-32] (Vgl. dazu auch 2625).



90 Die wechselseitigen Verbindungen zwischen den Dogmen und ihr innerer Zusammenhang sind in der Offenbarung des Mysteriums Christi als ganze zu finden [Vgl. 1. Vatikanisches Konzil: "nexus mysteriorum": DS 3016; LG 25]. Es gibt "eine Ordnung oder ,Hierarchie' der Wahrheiten der katholischen Lehre, da ihr Zusammenhang mit dem Fundament des christlichen Glaubens verschieden ist." (UR 11). (Vgl. dazu auch 114, 158, 234)





Der übernatürliche Glaubenssinn



91 Alle Gläubigen sind an der Erfassung und Weitergabe der geoffenbarten Wahrheit beteiligt. Sie haben die Salbung des Heiligen Geistes empfangen, der sie unterrichtet [Vgl. 1 Joh 2, 20. 27] und in die ganze Wahrheit führt [Vgl. Joh 16, 13] (Vgl. dazu auch 737).



92 "Die Gesamtheit der Gläubigen ... kann im Glauben nicht fehlgehen, und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie mittels des übernatürlichen Glaubenssinns des ganzen Volkes dann kund, wenn sie von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert" (LG 12) (Vgl. dazu auch 785).



93 "Durch jenen Glaubenssinn nämlich, der vom Geist der Wahrheit geweckt und erhalten wird, hängt das Volk Gottes unter der Leitung des heiligen Lehramtes ... dem einmal den Heiligen übergebenen Glauben unwiderruflich an, dringt mit rechtem Urteil immer tiefer in ihn ein und wendet ihn im Leben voller an" (LG 12) (Vgl. dazu auch 889).





Das Wachstum im Glaubensverständnis



94 Dank des Beistands des Heiligen Geistes kann das Verständnis der Wirklichkeiten wie auch der Formulierungen des Glaubenserbes im Leben der Kirche wachsen:





*



95 "Es zeigt sich also, daß die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche gemäß dem überaus weisen Ratschluß Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, daß das eine nicht ohne die anderen besteht und alle zusammen, jedes auf seine Weise, durch das Tätigsein des einen Heiligen Geistes wirksam zum Heil der Seelen beitragen"

(DV 10, 3).





KURZTEXTE



96 Was Christus den Aposteln anvertraut hatte, haben diese, vom Heiligen Geist inspiriert, in ihrer Predigt und schriftlich allen Generationen bis zur herrlichen Wiederkunft Christi weitergegeben.



97 "Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden die eine der Kirche anvertraute heilige Hinterlassenschaft des Wortes Gottes " (DV 10). Darin betrachtet die pilgernde Kirche wie in einem Spiegel Gott, den Quell all ihrer Reichtümer.



98 "So setzt die Kirche in ihrer Lehre, ihrem Leben und ihrem Kult fort und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt " (DV 8).



99 Dank seinem übernatürlichen Glaubensinn empfängt das ganze Volk Gottes unablässig die Gabe der göttlichen Offenbarung, dringt tiefer in sie ein und lebt voller aus ihr.



100 Die Aufgabe, das Wort Gottes verbindlich auszulegen, wurde einzig dem Lehramt der Kirche, dem Papst und den in Gemeinschaft mit ihm stehenden Bischöfen anvertraut.













ARTIKEL 3





DIE HEILIGE SCHRIFT





I Christus - das einzige Wort der Heiligen Schrift



101 Um sich den Menschen zu offenbaren, spricht Gott in seiner entgegenkommenden Güte zu den Menschen in menschlichen Worten: "Gottes Worte, durch Menschenzunge ausgedrückt, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme des Fleisches menschlicher Schwachheit den Menschen ähnlich geworden ist" (DV 13).



102 Durch alle Worte der Heiligen Schrift sagt Gott nur ein Wort: sein eingeborenes Wort, in dem er sich selbst ganz aussagt [Vgl. Hebr 1, 1-3] (Vgl. dazu auch 65, 2763):



"Das eine gleiche Wort Gottes erstreckt sich durch alle Schriften; das eine gleiche Wort ertönt im Mund aller heiligen Schriftsteller. Da es im Anfang Gott bei Gott war, benötigt es keine Silben, denn es ist nicht zeitbedingt" (Augustinus, Psal. 103, 4, 1) (Vgl. dazu auch 426-429).



103 Aus diesem Grund hat die Kirche die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Leib des Herrn selbst. Sie reicht den Gläubigen ohne Unterlaß das Brot des Lebens, das sie vom Tisch des Wortes Gottes und des Leibes Christi empfängt [Vgl. DV 21] (Vgl. dazu auch 1100, 1184, 1378).



104 In der Heiligen Schrift findet die Kirche ständig ihre Nahrung und ihre Kraft [Vgl. DV 24], denn in ihr empfängt sie nicht nur ein menschliches Wort, sondern was die Heilige Schrift wirklich ist: das Wort Gottes [Vgl. l Thess 2, 13]. "In den Heiligen Büchern kommt nämlich der Vater, der in den Himmeln ist, seinen Kindern liebevoll entgegen und hält mit ihnen Zwiesprache" (DV 21).











II Inspiration und Wahrheit der Heiligen Schrift



105 Gott ist der Urheber [Autor] der Heiligen Schrift. "Das von Gott Geoffenbarte, das in der Heiligen Schrift schriftlich enthalten ist und vorliegt, ist unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden."



"Denn die heilige Mutter Kirche hält aufgrund apostolischen Glaubens die Bücher sowohl des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen für heilig und kanonisch, weil sie, auf Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber [Autor] haben und als solche der Kirche übergeben sind" (DV 11).



106 Gott hat die menschlichen Verfasser [Autoren] der Heiligen Schrift inspiriert. "Zur Abfassung der Heiligen Bücher aber hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten, all das und nur das, was er - in ihnen und durch sie wirksam - selbst wollte, als wahre Verfasser [Autoren] schriftlich zu überliefern" (DV 11).



107 Die inspirierten Bücher lehren die Wahrheit. "Da also all das, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt gelten muß, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte" (DV 11) (Vgl. dazu auch 702).



108 Der christliche Glaube ist jedoch nicht eine "Buchreligion". Das Christentum ist die Religion des "Wortes" Gottes, "nicht eines schriftlichen, stummen Wortes, sondern des menschgewordenen, lebendigen Wortes" (Bernhard, hom. miss. 4, 11). Christus, das ewige Wort des lebendigen Gottes, muß durch den Heiligen Geist unseren Geist "für das Verständnis der Schrift" öffnen (Lk 24, 45), damit sie nicht toter Buchstabe bleibe.





III Der Heilige Geist ist der Ausleger der Schrift



109 In der Heiligen Schrift spricht Gott zum Menschen nach Menschenweise. Um die Schrift gut auszulegen, ist somit auf das zu achten, was die menschlichen Verfasser wirklich sagen wollten und was Gott durch ihre Worte uns offenbaren wollte [Vgl. DV 12, 1].



110 Um die Aussageabsicht der Schriftautoren zu erfassen, sind die Verhältnisse ihrer Zeit und ihrer Kultur, die zu der betreffenden Zeit üblichen literarischen Gattungen und die damals geläufigen Denk-, Sprech- und Erzählformen zu berücksichtigen. "Denn die Wahrheit wird in Texten, die auf verschiedene Weise geschichtlich, prophetisch oder poetisch sind, oder in anderen Redegattungen jeweils anders dargelegt und ausgedrückt" (DV 12, 2).



111 Da aber die Heilige Schrift inspiriert ist, gibt es noch ein weiteres, nicht weniger wichtiges Prinzip zur richtigen Auslegung, ohne das die Schrift toter Buchstabe bliebe: "Die Heilige Schrift ist in demselben Geist, in dem sie geschrieben wurde, auch zu lesen und auszulegen" (DV 12, 3).



Für eine Auslegung der Schrift gemäß dem Geist, der sie inspiriert hat, gibt das Zweite Vatikanische Konzil drei Kriterien an [Vgl. DV 12, 3]:



112 1. Sorgfältig "auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift" achten. Wie unterschiedlich auch die Bücher sind, aus denen sie sich zusammensetzt, bildet die Schrift doch eine Einheit aufgrund der Einheit des Planes Gottes, dessen Zentrum und Herz Jesus Christus ist. Seit Ostern ist dieses Herz geöffnet [Vgl. Lk 24, 25-27. 44-46] (Vgl. dazu auch 168, 328):



"Unter ,Herz [Vgl. Ps 22, 15] Christi' ist die Heilige Schrift zu verstehen, die das Herz Christi kundtut. Dieses Herz war vor der Passion verschlossen, denn die Schrift war dunkel. Nach der Passion aber ist die Schrift geöffnet, damit diejenigen, die sie jetzt verstehen, erwägen und unterscheiden, wie die Weissagungen auszulegen sind" (Thomas v. A., Psal. 21, 11).



113 2. Die Schrift "in der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche" lesen. Einem Sinnspruch der Väter zufolge ist "die Heilige Schrift eher ins Herz der Kirche als auf Pergament geschrieben". Die Kirche bewahrt ja in ihrer Überlieferung das lebendige Gedächtnis des Gotteswortes, und der Heilige Geist gibt ihr die geistliche Auslegung der Schrift, " ... nach dem geistlichen Sinn, den der Geist der Kirche schenkt" (Origenes, hom. in Lev. 5, 5) (Vgl. dazu auch 81).



114 3. Auf die "Analogie des Glaubens" achten [Vgl. Röm 12, 6]. Unter "Analogie des Glaubens" verstehen wir den Zusammenhang der Glaubenswahrheiten untereinander und im Gesamtplan der Offenbarung (Vgl. dazu auch 90).





Der mehrfache Schriftsinn



115 Nach einer alten Überlieferung ist der Sinn der Schrift ein doppelter: der wörtliche Sinn und der geistliche Sinn. Dieser letztere kann ein allegorischer, ein moralischer und ein anagogischer Sinn sein. Die tiefe Übereinstimmung dieser vier Sinngehalte sichert der lebendigen Lesung der Schrift in der Kirche ihren ganzen Reichtum.



116 Der wörtliche Sinn ist der durch die Worte der Schrift bezeichnete und durch die Exegese, die sich an die Regeln der richtigen Textauslegung hält, erhobene Sinn. "Jeder Sinn [der Heiligen Schrift] gründet auf dem wörtlichen" (Thomas v. A., s. th. 1,1,10, ad 1) (Vgl. dazu auch 110).



117 Der geistliche Sinn. Dank der Einheit des Planes Gottes können nicht nur der Schrifttext, sondern auch die Wirklichkeiten und Ereignisse, von denen er spricht, Zeichen sein (Vgl. dazu auch 1101).



1. Der allegorische Sinn. Wir können ein tieferes Verständnis der Ereignisse gewinnen, wenn wir die Bedeutung erkennen, die sie in Christus haben. So ist der Durchzug durch das Rote Meer ein Zeichen des Sieges Christi und damit der Taufe [Vgl. 1 Kor 10, 2].

2. Der moralische Sinn. Die Geschehnisse, von denen in der Schrift die Rede ist, sollen uns zum richtigen Handeln veranlassen. Sie sind "uns als Beispiel ... uns zur Warnung ... aufgeschrieben" (1 Kor 10, 11) [Vgl. Hebr 3, 1-4, 11].

3. Der anagogische Sinn. Wir können Wirklichkeiten und Ereignisse in ihrer ewigen Bedeutung sehen, die uns zur ewigen Heimat hinaufführt [griechisch: "anagogé"]. So ist die Kirche auf Erden Zeichen des himmlischen Jerusalem [Vgl. Offb 21, 1-22, 5]



118 Ein Distichon des Mittelalters faßt die Bedeutung der vier Sinngehalte zusammen:



"Littera gesta docet, quid credas allegoria,

Moralis quid agas, quo tendas anagogia."



[Der Buchstabe lehrt die Ereignisse; was du zu glauben hast, die Allegorie; die Moral, was du zu tun hast; wohin du streben sollst, die Anagogie]



119 "Aufgabe des Exegeten ... ist es, nach diesen Regeln auf ein tieferes Verstehen und Erklären des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reife. Alles das nämlich, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, die den göttlichen Auftrag und Dienst verrichtet, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen" (DV 12, 3) (Vgl. dazu auch 94).



"Ich würde selbst dem Evangelium keinen Glauben schenken, wenn mich nicht die Autorität der katholischen Kirche dazu bewöge" (Augustinus, fund. 5, 6) (Vgl. dazu auch 113).



IV Der Schriftkanon





120 Die apostolische Überlieferung ließ die Kirche unterscheiden, welche Schriften in das Verzeichnis der heiligen Bücher aufgenommen werden sollten [Vgl. DV 8, 3]. Diese vollständige Liste wird "Kanon" der Heiligen Schriften genannt. Danach besteht das Alte Testament aus 46 (45, wenn man Jeremia und die Klagelieder zusammennimmt) und das Neue Testament aus 27 Schriften [Vgl. DS 179; 1334-1336; 1501-1504]:



Altes Testament: Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium, Josua, Richter, Rut, die zwei Bücher Samuel, die zwei Bücher der Könige, die zwei Bücher der Chronik, Esra und Nehemia, Tobit, Judit, Ester, die zwei Bücher der Makkabäer, Ijob, die Psalmen, die Sprichwörter, Kohelet, das Hohelied, die Weisheit, Jesus Sirach, Jesaja, Jeremia, die Klagelieder, Baruch, Ezechiel, Daniel, Hosea, Joël, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja, Maleachi.



Neues Testament: Die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe an die Römer, der erste und der zweite an die Korinther, an die Galater, an die Epheser, an die Philipper, an die Kolosser, der erste und der zweite an die Thessalonicher, der erste und der zweite an Timotheus, an Titus, an Philemon, der Hebräerbrief, der Jakobusbrief, der erste und der zweite Petrusbrief, die drei Briefe des Johannes, der Brief des Judas und die Offenbarung des Johannes.





Das Alte Testament



121 Das Alte Testament ist ein unaufgebbarer Teil der Heiligen Schrift. Seine Bücher sind von Gott inspiriert und behalten einen dauernden Wert [Vgl. DV 14], denn der Alte Bund ist nie widerrufen worden (Vgl. dazu auch 1093).



122 "Der Heilsplan des Alten Testamentes war vor allem darauf ausgerichtet, die Ankunft Christi, des Erlösers von allem, ... vorzubereiten". Obgleich die Bücher des Alten Testamentes "auch Unvollkommenes und Zeitbedingtes enthalten", zeugen sie dennoch von der Erziehungskunst der heilschaffenden Liebe Gottes: Sie enthalten "erhabene Lehren über Gott, heilbringende Weisheit über das Leben des Menschen und wunderbare Gebetsschätze"; in ihnen ist "schließlich das Geheimnis unseres Heils verborgen" (DV 15) (Vgl. dazu auch 702, 762, 708, 2568).



123 Die Christen verehren das Alte Testament als wahres Wort Gottes. Den Gedanken, das Alte Testament aufzugeben, weil das Neue es hinfällig gemacht habe [Markionismus], wies die Kirche stets entschieden zurück.





Das Neue Testament



124 "Das Wort Gottes, das Gottes Kraft zum Heil für jeden, der glaubt, ist, zeigt sich und entfaltet seine Kraft auf vorzügliche Weise in den Schriften des Neuen Testamentes" (DV 17). Diese Schriften bieten uns die endgültige Wahrheit der göttlichen Offenbarung. Ihr zentrales Thema ist Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, seine Taten, seine Lehre, sein Leiden und seine Verherrlichung, sowie die Anfänge seiner Kirche unter dem Walten des Heiligen Geistes [Vgl. DV 20].



125 Die Evangelien sind das Herzstück aller Schriften als "Hauptzeugnis für Leben und Lehre des fleischgewordenen Wortes, unseres Erlösers" (DV 18). (Vgl. dazu auch 515)





126 Bei der Bildung der Evangelien lassen sich drei Stufen unterscheiden:



1. Das Leben und die Lehrtätigkeit Jesu. Die Kirche hält entschieden daran fest, daß die vier Evangelien, "deren Geschichtlichkeit sie ohne Bedenken bejaht, zuverlässig überliefern, was Jesus, der Sohn Gottes, in seinem Leben unter den Menschen zu deren ewigem Heil wirklich getan und gelehrt hat bis zu dem Tag, da er [in den Himmel] aufgenommen wurde".



2. Die mündliche Überlieferung. Die Apostel haben "nach dem Aufstieg des Herrn das, was er selbst gesagt und getan hatte, ihren Hörern mit jenem volleren Verständnis überliefert, über das sie, durch die wunderbaren Ereignisse um Christus unterwiesen und durch das Licht des Geistes der Wahrheit belehrt, verfügten" (Vgl. dazu auch 76).



3. Die Abfassung der Evangelien. "Die heiligen Verfasser aber haben die vier Evangelien geschrieben, indem sie manches aus dem vielen auswählten, das entweder mündlich oder schon schriftlich überliefert war, indem sie anderes zusammenfaßten oder mit Rücksicht auf den Stand der Kirchen erklärten, indem sie schließlich die Form der Verkündigung beibehielten, [doch] immer so, daß sie uns Wahres und Aufrichtiges über Jesus mitteilten" (DV 19) (Vgl. dazu auch 76).



127 Das viergestaltige Evangelium nimmt in der Kirche eine einzigartige Stellung ein. Dies bezeugen seine Verehrung in der Liturgie und die unvergleichliche Anziehungskraft, die es jederzeit auf die Heiligen ausübte (Vgl. dazu auch 1154).



"Es gibt keine Lehre, die besser, kostbarer und herrlicher wäre als der Text des Evangeliums. Seht und haltet fest, was unser Herr und Meister, Christus, in seinen Worten gelehrt und in seinen Taten gewirkt hat" (Cäsaria die Jüngere).



"Vor allem das Evangelium spricht mich während meiner inneren Gebete an; in ihm finde ich alles, was meiner armen Seele nottut. Ich entdecke darin stets neue Einsichten, verborgene, geheimnisvolle Sinngehalte" (Theresia vom Kinde Jesu, ms. autob. A 83v) (Vgl. dazu auch 2705).





Die Einheit des Alten und des Neuen Testamentes



128 Schon zur Zeit der Apostel [Vgl. 1 Kor 10, 6.11; Hebr 10, 1; 1 Petr 3, 21] und sodann in ihrer ganzen Überlieferung wurde die Einheit des göttlichen Plans in den beiden Testamenten von der Kirche durch die Typologie verdeutlicht. Diese findet in den Werken Gottes im Alten Bund "Vorformen" [Typologien] dessen, was Gott dann in der Fülle der Zeit in der Person seines menschgewordenen Wortes vollbracht hat (Vgl. dazu auch 1094, 489).



129 Die Christen lesen also das Alte Testament im Licht Christi, der gestorben und auferstanden ist. Diese typologische Lesung fördert den unerschöpflichen Sinngehalt des Alten Testamentes zutage. Sie darf nicht vergessen lassen, daß dieses einen eigenen Offenbarungswert behält, den unser Herr selbst ihm zuerkannt hat [Vgl. Mk 12, 29-31]. Im übrigen will das Neue Testament auch im Licht des Alten Testamentes gelesen sein. Die christliche Urkatechese hat beständig auf dieses zurückgegriffen [Vgl. 1 Kor 5, 6-8; 10, 1-11]. Einem alten Sinnspruch zufolge ist das Neue Testament im Alten verhüllt, das Alte im Neuen enthüllt: "Novum in Vetere latet et in Novo Vetus patet" (Augustinus, Hept. 2, 73) [Vgl. DV 16] (Vgl. dazu auch 651, 2055, 1968).



130 Die Typologie bedeutet das Hindrängen des göttlichen Plans auf seine Erfüllung, bis schließlich "Gott alles in allen" sein wird (1 Kor 15, 28). Zum Beispiel verlieren die Berufung der Patriarchen und der Auszug aus Ägypten nicht dadurch ihren Eigenwert im Plan Gottes, daß sie darin auch Zwischenstufen sind.







V Die Heilige Schrift im Leben der Kirche



131 "Dem Wort Gottes aber wohnt eine so große Macht und Kraft inne, daß es für die Kirche Stütze und Leben, und für die Kinder der Kirche Glaubensstärke, Seelenspeise und reiner, unversiegbarer Quell des geistlichen Lebens ist" (DV 21). "Der Zugang zur Heiligen Schrift muß für die Christgläubigen weit offenstehen" (DV 22).



132 "Das Studium der Heiligen Schrift sei gleichsam die Seele der heiligen Theologie. Aber auch der Dienst des Wortes, nämlich die pastorale Verkündigung, die Katechese und alle christliche Unterweisung, in der die liturgische Homilie einen hervorragenden Platz haben muß, holt aus demselben Wort der Schrift gesunde Nahrung und heilige Kraft" (DV 24) (Vgl. dazu auch 94).



133 Die Kirche "ermahnt ... alle Christgläubigen ... besonders eindringlich, durch häufige Lesung der Göttlichen Schriften, die ,überragende Erkenntnis Jesu Christi' (Phil 3, 8) zu erlangen. ,Unkenntnis der Schriften ist nämlich Unkenntnis Christi' (Hieronymus, Is. prol.)" (DV 25) (Vgl. dazu auch 2653, 1792).







KURZTEXTE





134 "Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Buch, und dieses eine Buch ist Christus, denn die ganze göttliche Schrift spricht von Christus, und die ganze göttliche Schrift geht in Christus in Erfüllung" (Hugo v. Sankt Viktor, Noe 2, 8).



135 "Die Heiligen Schriften enthalten das Wort Gottes, und weil inspiriert, sind sie wahrhaft Wort Gottes" (DV 24)



136 Gott ist der Urheber [Autor] der Heiligen Schrift: er hat ihre menschlichen Verfasser [Autoren] inspiriert; er handelt in ihnen und durch sie. Er verbürgt somit, daß ihre Schriften die Heilswahrheit irrtumsfrei lehren [Vgl. DV 11].



137 Die Auslegung der inspirierten Schriften muß vor allem auf das achten, was Gott durch die heiligen Verfasser zu unserem Heil sagen will. "Was vom Geiste kommt, kann nur durch das Wirken des Geistes voll verstanden werden " (Origenes, hom. in Ex 4, 5).



138 Die 46 Bücher des Alten und die 27 Bücher des Neuen Testamentes werden von der Kirche als inspiriert angenommen und verehrt.



139 Die vier Evangelien nehmen eine zentrale Stellung ein, weil Jesus Christus ihre Mitte ist.



140 Die Einheit der beiden Testamente ergibt sich aus der Einheit des Planes und der Offenbarung Gottes. Das Alte Testament bereitet das Neue vor, während dieses das Alte vollendet. Beide erhellen einander; beide sind wahres Wort Gottes.



141 "Die Kirche hat die Göttlichen Schriften wie auch den Herrenleib selbst immer verehrt" (DV 21). Beide nähren und bestimmen das ganze christliche Leben. "Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade" (Ps 119, 105) [Vgl. Jes 50, 4].













DRITTES KAPITEL



DIE ANTWORT DES MENSCHEN AN GOTT





142 Durch seine Offenbarung "redet ... der unsichtbare Gott aus dem Übermaß seiner Liebe die Menschen wie Freunde an und verkehrt mit ihnen, um sie in die Gemeinschaft mit sich einzuladen und in sie aufzunehmen" (DV 2). Die dieser Einladung angemessene Antwort ist der Glaube (Vgl. dazu auch 1102).



143 Durch den Glauben ordnet der Mensch seinen Verstand und seinen Willen völlig Gott unter. Er gibt Gott, der sich offenbart, mit seinem ganzen Wesen seine Zustimmung [Vgl. DV 5]. Die Heilige Schrift nennt diese Antwort des Menschen auf den sich offenbarenden Gott "Glaubensgehorsam" [Vgl. Röm 1, 5; 16, 26]. (Vgl. dazu auch 2087)









ARTIKEL 4



ICH GLAUBE





I Der Glaubensgehorsam



144 Im Glauben gehorchen [ob-audire] heißt, sich dem gehörten Wort in Freiheit unterwerfen, weil dessen Wahrheit von Gott, der Wahrheit selbst, verbürgt ist. Als das Vorbild dieses Gehorsams stellt die Heilige Schrift uns Abraham vor Augen. Die Jungfrau Maria verwirklicht ihn am vollkommensten.





Abraham - "der Vater aller Glaubenden"



145 In seiner Lobrede auf den Glauben der Vorfahren betont der Hebräerbrief ganz besonders den Glauben Abrahams: "Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde" (Hebr 11, 8) [Vgl. Gen 12, 1-4]. Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder und Pilger im verheißenen Land [Vgl. Gen 23, 4] auf. Aufgrund des Glaubens empfing Sara den verheißenen Sohn. Aufgrund des Glaubens endlich brachte Abraham seinen einzigen Sohn als Opfer dar [Vgl. Hebr 11, 7]. (Vgl. dazu auch 59, 2570, 489)



146 Abraham verkörpert somit die Definition des Glaubens, die der Hebräerbrief vorlegt: "Glaube ist Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht" (Hebr 11, 1). "Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet" (Röm 4, 3) [Vgl. Gen 15, 6]. Weil er "stark im Glauben" war (Röm 4, 20), ist Abraham "zum Vater aller, die ... glauben", geworden (Röm 4, 11) [Vgl. Röm 4, 18; Gen 15, 5]. (Vgl. dazu auch 1819)



147 Das Alte Testament ist reich an Zeugnissen solchen Glaubens. Der Hebräerbrief hält eine Lobrede auf den vorbildlichen Glauben der Vorfahren, der ihnen "ein ruhmvolles Zeugnis" verschaffte (Hebr 11, 2) [Vgl. Hebr 11, 39]. Doch Gott hatte "für uns etwas Besseres vorgesehen" (Hebr 11, 40): die Gnade, an seinen Sohn Jesus zu glauben, an den "Urheber und Vollender des Glaubens" (Hebr 12, 2) (Vgl. dazu auch 839)





Maria - "Selig ist die, die geglaubt hat!"



148 Die Jungfrau Maria übt den vollkommensten Glaubensgehorsam. Da sie glaubte, daß für Gott "nichts unmöglich" ist (Lk 1, 37) [Vgl. Gen 18, 14], nahm sie die vom Engel gebrachte Ankündigung und Verheißung im Glauben entgegen und gab ihre Einwilligung: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort" (Lk 1, 38). Elisabet begrüßte sie: "Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ" (Lk 1, 45). Um dieses Glaubens willen werden alle Geschlechter sie seligpreisen [Vgl. Lk 1, 48] (Vgl. dazu auch 494, 2617, 506).



149 Während ihres ganzen Lebens, auch in ihrer letzten Prüfung [Vgl. Lk 2, 35], als Jesus, ihr Sohn, am Kreuz starb, wankte ihr Glaube nicht. Maria gab ihren Glauben, daß das Wort Gottes "in Erfüllung gehen wird", nie auf. Darum verehrt die Kirche in Maria die lauterste Glaubensgestalt (Vgl. dazu auch 969, 507, 829).







II "Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe"





An Gott allein glauben



150 Der Glaube ist eine persönliche Bindung des Menschen an Gott und zugleich, untrennbar davon, freie Zustimmung zu der ganzen von Gott geoffenbarten Wahrheit. Als persönliche Bindung an Gott und Zustimmung zu der von ihm geoffenbarten Wahrheit unterscheidet sich der christliche Glaube von dem Glauben, den man einem Menschen schenkt. Sich ganz Gott anheimzugeben und das, was er sagt, absolut zu glauben, ist richtig und gut. Nichtig und falsch wäre es hingegen, einem Geschöpf einen solchen Glauben zu schenken [Vgl. Jer 17, 5-6]. (Vgl. dazu auch 222)





An Jesus Christus, den Sohn Gottes, glauben



151 Für den Christen hängt der Glaube an Gott unzertrennlich zusammen mit dem Glauben an den, den er gesandt hat, an seinen "geliebten Sohn", an dem er Gefallen hat (Mk 1, 11) und auf den er uns zu hören hieß [Vgl. Mk 9, 7]. Der Herr selbst sagte zu seinen Jüngern: "Glaubt an Gott, und glaubt an mich!" (Joh 14, 1). Wir können an Jesus Christus glauben, weil er selbst Gott, das menschgewordene Wort ist: "Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht" (Joh 1, 18). Weil er "den Vater gesehen" hat (Joh 6, 46), ist er der Einzige, der ihn kennt und ihn offenbaren kann [Vgl. Mt 11, 27] (Vgl. dazu auch 424).



An den Heiligen Geist glauben



152 Man kann nicht an Jesus Christus glauben, ohne an seinem Geist Anteil zu haben: Der Heilige Geist offenbart den Menschen, wer Jesus ist. "Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet" (1 Kor 12, 3). "Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes ... So erkennt auch keiner Gott - nur der Geist Gottes"(1 Kor 2, 10-11). Gott allein kennt Gott ganz. Wir glauben an den Heiligen Geist, weil er Gott ist. (Vgl. dazu auch 243, 683)



Die Kirche bekennt unaufhörlich ihren Glauben an den einen Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. (Vgl. dazu auch 232)







III Die Merkmale des Glaubens





Der Glaube ist eine Gnade



153 Als Petrus bekennt, daß Jesus der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes ist, sagt Jesus zu ihm: "Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel" (Mt 16, 17) [Vgl. Gal 1, 15; Mt 11, 25]. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, eine von ihm eingegossene übernatürliche Tugend. "Damit dieser Glaube geleistet wird, bedarf es der zuvorkommenden und helfenden Gnade Gottes und der inneren Hilfen des Heiligen Geistes, der das Herz bewegen und zu Gott umkehren, die Augen des Verstandes öffnen und ,allen die Freude verleihen soll, der Wahrheit zuzustimmen und zu glauben' " (DV 5) (Vgl. dazu auch 552, 1814, 1996, 2609).





Der Glaube ist ein menschlicher Akt



154 Nur durch die Gnade und den inneren Beistand des Heiligen Geistes ist man imstande, zu glauben. Und doch ist Glauben ein wahrhaft menschlicher Akt. Es widerspricht weder der Freiheit noch dem Verstand des Menschen, Gott Vertrauen zu schenken und den von ihm geoffenbarten Wahrheiten zuzustimmen. Schon in den menschlichen Beziehungen verstößt es nicht gegen unsere Würde, das, was andere Menschen uns über sich selbst und ihre Absichten sagen, zu glauben, ihren Versprechen Vertrauen zu schenken (z. B. wenn ein Mann und eine Frau heiraten) und so mit ihnen in Gemeinschaft zu treten. Folglich verstößt es erst recht nicht gegen unsere Würde, "dem offenbarenden Gott im Glauben vollen Gehorsam des Verstandes und des Willens zu leisten" (1. Vatikanisches Konzil: DS 3008) und so in enge Gemeinschaft mit ihm zu treten (Vgl. dazu auch 1749, 2126).



155 Beim Glauben wirken Verstand und Wille des Menschen mit der göttlichen Gnade zusammen: "Glauben ist ein Akt des Verstandes, der auf Geheiß des von Gott durch die Gnade bewegten Willens der göttlichen Wahrheit beistimmt" (Thomas v. A., s. th. 2-2,2,9) [Vgl. 1. Vatikanisches Konzil: DS 3010] (Vgl. dazu auch 2008).





Der Glaube und der Verstand



156 Der Beweggrund, zu glauben, liegt nicht darin, daß die geoffenbarten Wahrheiten im Licht unserer natürlichen Vernunft wahr und einleuchtend erscheinen. Wir glauben "wegen der Autorität des offenbarenden Gottes selbst, der weder sich täuschen noch täuschen kann" (1. Vatikanisches Konzil: DS 3008). "Damit nichtsdestoweniger der Gehorsam unseres Glaubens mit der Vernunft übereinstimmend sei, wollte Gott, daß mit den inneren Hilfen des Heiligen Geistes äußere Beweise seiner Offenbarung verbunden werden" (ebd.: DS 3009). So sind die Wunder Christi und der Heiligen [Vgl. Mk 16, 20; Hebr 2, 4], die Weissagungen, die Ausbreitung und Heiligkeit der Kirche, ihre Fruchtbarkeit und ihr Fortbestehen "ganz sichere und dem Erkenntnisvermögen aller angepaßte Zeichen der göttlichen Offenbarung" (DS 3009), Beweggründe der Glaubwürdigkeit [Vgl. DS 3013], die zeigen, daß "die Zustimmung zum Glauben keineswegs eine blinde Regung des Herzens ist" (DS 3010) (Vgl. dazu auch 1063, 2465, 548, 812).



157 Der Glaube ist gewiß, gewisser als jede menschliche Erkenntnis, denn er gründet auf dem Wort Gottes, das nicht lügen kann. Zwar können die geoffenbarten Wahrheiten der menschlichen Vernunft und Erfahrung dunkel erscheinen, aber "die Gewißheit durch das göttliche Licht ist größer als die Gewißheit durch das Licht der natürlichen Vernunft" (Thomas v. A., s. th. 2-2, 171, 5, obj. 3). "Zehntausend Schwierigkeiten machen keinen einzigen Zweifel aus" (J. H. Newman, apol.) (Vgl. dazu auch 2088).



158 "Der Glaube sucht zu verstehen" (Anselm, prosl. pro?em.). Wer wirklich glaubt, sucht den, in den er seinen Glauben setzt, besser zu erkennen und das von ihm Geoffenbarte besser zu verstehen. Eine tiefere Erkenntnis wiederum wird einen stärkeren, immer mehr von Liebe beseelten Glauben hervorrufen. Die Gnade des Glaubens öffnet "die Augen des Herzens" (Eph 1, 18) zu einem lebendigen Verständnis der Offenbarungsinhalte, das heißt der Gesamtheit des Ratschlusses Gottes und der Mysterien des Glaubens sowie ihres Zusammenhangs miteinander und mit Christus, dem Zentrum des geoffenbarten Mysteriums. "Damit das Verständnis der Offenbarung immer tiefer werde, vervollkommnet der Heilige Geist den Glauben ständig durch seine Gaben" (DV 5). Es verhält sich so, wie der hl. Augustinus gesagt hat:



"Ich glaube, um zu verstehen, und ich verstehe, um besser zu glauben" (serm. 43,7,9) (Vgl. dazu auch 2705, 1827, 90, 2518).



159 Glaube und Wissenschaft. "Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann es dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit zwischen Glauben und Vernunft geben: denn derselbe Gott, der die Geheimnisse offenbart und den Glauben eingießt, hat in den menschlichen Geist das Licht der Vernunft gelegt; Gott aber kann sich nicht selbst verleugnen, noch [kann] jemals Wahres Wahrem widersprechen" (1. Vatikanisches Konzil: DS 3017). "Deshalb wird die methodische Forschung in allen Disziplinen, wenn sie in einer wirklich wissenschaftlichen Weise und gemäß den sittlichen Normen vorgeht, niemals dem Glauben wahrhaft widerstreiten, weil die profanen Dinge und die Dinge des Glaubens sich von demselben Gott herleiten. Ja, wer bescheiden und ausdauernd die Geheimnisse der Dinge zu erforschen versucht, wird, auch wenn er sich dessen nicht bewußt ist, gleichsam an der Hand Gottes geführt, der alle Dinge trägt und macht, daß sie das sind, was sie sind" (GS 36,2). (Vgl. dazu auch 283, 2293)





Die Freiheit des Glaubens



160 Damit der Glaube menschlich sei, soll "der Mensch freiwillig durch seinen Glauben Gott antworten"; darum darf "niemand gegen seinen Willen zur Annahme des Glaubens gezwungen werden ... Denn der Glaubensakt ist seiner eigenen Natur nach freiwillig" (DH 10) [Vgl. CIC. can. 748, § 2]. "Gott ruft die Menschen zu seinem Dienst im Geiste und in der Wahrheit, und sie werden deshalb durch diesen Ruf im Gewissen verpflichtet, aber nicht gezwungen ... Dies aber ist vollendet in Christus Jesus erschienen" (DH 11). Christus hat wohl zum Glauben und zur Bekehrung eingeladen, aber keineswegs gezwungen. "Er gab der Wahrheit Zeugnis, und dennoch wollte er sie denen, die ihr widersprachen, nicht mit Gewalt aufdrängen. Sein Reich ... wächst in der Kraft der Liebe, in der Christus, am Kreuz erhöht, die Menschen an sich zieht" (DH 11) (Vgl. dazu auch 1738, 2106, 616).





Die Notwendigkeit des Glaubens



161 An Jesus Christus und an den zu glauben, der ihn um unseres Heiles willen gesandt hat, ist notwendig, um zum Heil zu gelangen [Vgl. z. B. Mk 16, 16; Joh 3, 36; 6, 40]. "Weil es aber ,ohne Glauben unmöglich ist, Gott zu gefallen' (Hebr 11, 6) und zur Gemeinschaft seiner Söhne zu gelangen, so wurde niemandem jemals ohne ihn Rechtfertigung zuteil, und keiner wird das ewige Leben erlangen, wenn er nicht in ihm ,ausgeharrt hat bis ans Ende' (Mt 10, 22; 24, 13)" (1. Vatikanisches Konzil: DS 3012) [Vgl. Konzil v. Trient: DS 1532] (Vgl. dazu auch 432, 1257, 846).





Das Ausharren im Glauben



162 Der Glaube ist ein Gnadengeschenk, das Gott dem Menschen gibt. Wir können dieses unschätzbare Geschenk verlieren. Der hl. Paulus macht Timotheus darauf aufmerksam: "Kämpfe den guten Kampf, gläubig und mit reinem Gewissen. Schon manche haben die Stimme ihres Gewissens mißachtet und haben im Glauben Schiffbruch erlitten" (1 Tim 1, 18-19). Um im Glauben zu leben, zu wachsen und bis ans Ende zu verharren, müssen wir ihn durch das Wort Gottes nähren und den Herrn anflehen, ihn zu mehren [Vgl. Mk 9, 24; Lk 17, 5; 22, 32]. Er muß "in der Liebe wirksam" (Gal 5, 6) [Vgl. Jak 2, 14-26], von der Hoffnung getragen [Vgl. Röm 15, 13] und im Glauben der Kirche verwurzelt sein. (Vgl. dazu auch 2089, 1037, 2016, 2573, 2849)





Der Glaube - Beginn des ewigen Lebens



163 Der Glaube läßt uns schon im voraus die Freude und das Licht der beseligenden Gottesschau genießen, die das Ziel unseres irdischen Weges ist. Wir werden dann Gott "von Angesicht zu Angesicht" (1 Kor 13, 12), "wie er ist" (1 Joh 3, 2), sehen. Der Glaube ist somit schon der Beginn des ewigen Lebens (Vgl. dazu auch 1088).



"Wir erwarten den Genuß der uns aus Gnade verheißenen Güter. Wenn wir sie im Glauben wie in einem Spiegel betrachten, sind sie uns schon gegenwärtig" (Basilius, Spir. 15, 36) [Vgl. Thomas v. A., s. th. 2-2,4,1].



164 Jetzt aber gehen wir "als Glaubende ... unseren Weg, nicht als Schauende" (2 Kor 5, 7), und erkennen Gott wie in einem Spiegel, rätselhaft und unvollkommen [Vgl. 1 Kor 13, 12]. Der Glaube wird von Gott, auf den er sich richtet, erhellt; dennoch wird er oft im Dunkel gelebt. Der Glaube kann auf eine harte Probe gestellt werden. Die Welt, in der wir leben, scheint von dem, was der Glaube uns versichert, oft sehr weit entfernt. Die Erfahrungen des Bösen und des Leidens, der Ungerechtigkeiten und des Todes scheinen der Frohbotschaft zu widersprechen. Sie können den Glauben erschüttern und für ihn zur Versuchung werden (Vgl. dazu auch 2846, 309, 1502, 1006).



165 Dann müssen wir uns den Glaubenszeugen zuwenden: Abraham, der "gegen alle Hoffnung voll Hoffnung" glaubte (Röm 4, 18); der Jungfrau Maria, die auf dem "Pilgerweg des Glaubens" (LG 58) sogar in die "Nacht des Glaubens" (Johannes Paul II., Enz. "Redemptoris Mater" 18) hineinging, indem sie am Leiden ihres Sohnes und der Nacht seines Grabes Anteil nahm; und vielen weiteren Zeugen des Glaubens: "Da uns eine solche Wolke von Zeugen umgibt, wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen. Laßt uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens" (Hebr 12, 1-2). (Vgl. dazu auch 2719)



ARTIKEL 5



WIR GLAUBEN





166 Der Glaube ist ein persönlicher Akt: die freie Antwort des Menschen auf die Einladung des sich offenbarenden Gottes. Doch der Glaube ist kein isolierter Akt. Niemand kann für sich allein glauben, wie auch niemand für sich allein leben kann. Niemand hat sich selbst den Glauben gegeben, wie auch niemand sich selbst das Leben gegeben hat. Der Glaubende hat den Glauben von anderen empfangen; er muß ihn anderen weitergeben. Unsere Liebe zu Jesus und den Menschen drängt uns, zu anderen von unserem Glauben zu sprechen. Jeder Glaubende ist so ein Glied in der großen Kette der Glaubenden. Ich kann nicht glauben, wenn ich nicht durch den Glauben anderer getragen bin, und ich trage durch meinen Glauben den Glauben anderer mit (Vgl. dazu auch 875).



167 "Ich glaube" (Apostolisches Glaubensbekenntnis): das ist der Glaube der Kirche, wie ihn jeder Glaubende, vor allem bei der Taufe, persönlich bekennt. "Wir glauben" (Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel gr.): das ist der Glaube der Kirche, wie ihn die zum Konzil versammelten Bischöfe oder, allgemeiner, die zur Liturgie versammelten Gläubigen bekennen. "Ich glaube": So spricht auch die Kirche, unsere Mutter, die durch ihren Glauben Gott antwortet und uns sagen lehrt: "Ich glaube", "wir glauben" (Vgl. dazu auch 1124, 2040).





I "Herr, schau auf den Glauben deiner Kirche"



168 Zunächst ist es die Kirche, die glaubt und so meinen Glauben trägt, nährt und stützt. Zunächst ist es die Kirche, die den Herrn überall bekennt ("Dich preist über das Erdenrund die heilige Kirche", singen wir im Hymnus "Te Deum"), und mit ihr und in ihr kommen auch wir dazu, ebenfalls zu bekennen: "Ich glaube", "wir glauben". Durch die Kirche empfangen wir in der Taufe den Glauben und das neue Leben in Christus. Im römischen Ritus fragt der Taufspender den Täufling: "Was erbittest du von der Kirche Gottes?" Die Antwort lautet: "Den Glauben" - "Was gibt dir der Glaube?" - "Das ewige Leben" (RR, OBA) (Vgl. dazu auch 1253).



169 Das Heil kommt von Gott allein, aber weil wir das Leben des Glaubens durch die Kirche empfangen, ist sie unsere Mutter: "Wir glauben die Kirche als die Mutter unserer Wiedergeburt, und nicht an die Kirche, als ob sie die Urheberin unseres Heils wäre" (Faustus v. Riez, Spir. 1,2). Als unsere Mutter ist sie auch unsere Erzieherin im Glauben (Vgl. dazu auch 750, 2030).





II Die Sprache des Glaubens



170 Wir glauben nicht an Formeln, sondern an die Wirklichkeiten, die diese ausdrücken und die der Glaube uns zu "berühren" erlaubt. "Der Akt des Glaubenden hat seinen Zielpunkt nicht bei der Aussage, sondern bei der [ausgesagten] Wirklichkeit" (Thomas v. A., s. th. 2-2,1,2, ad 2). Doch wir nähern uns diesen Wirklichkeiten mit Hilfe der Glaubensformeln. Diese ermöglichen, den Glauben auszudrücken und weiterzugeben, ihn in Gemeinschaft zu feiern, ihn uns anzueignen und immer mehr aus ihm zu leben. (Vgl. dazu auch 186)



171 Als "die Säule und das Fundament der Wahrheit" (1 Tim 3, 15) bewahrt die Kirche treu "den überlieferten Glauben, der den Heiligen ein für allemal anvertraut ist" (Jud 3). Sie behält die Worte Christi im Gedächtnis; sie gibt das Glaubensbekenntnis der Apostel von Generation zu Generation weiter. Wie eine Mutter, die ihre Kinder sprechen und damit zu verstehen und zusammenzuleben lehrt, lehrt uns die Kirche, unsere Mutter, die Sprache des Glaubens, um uns in das Verständnis und das Leben des Glaubens einzuführen (Vgl. dazu auch 78, 84, 857, 185).





III Ein einziger Glaube



172 Seit Jahrhunderten bekennt die Kirche in all den vielen Sprachen, Kulturen, Völkern und Nationen ihren einzigen, vom einen Herrn empfangenen, durch eine einzige Taufe weitergegebenen Glauben, der in der Überzeugung wurzelt, daß alle Menschen nur einen Gott und Vater haben [Vgl. Eph 4, 4-6]. Der hl. Irenäus von Lyon, ein Zeuge dieses Glaubens, erklärt (Vgl. dazu auch 813):



173 "Die Kirche erstreckt sich über die ganze Welt bis an die äußersten Grenzen der Erde. Sie hat von den Aposteln und ihren Schülern den Glauben empfangen ... und bewahrt [diese Botschaft und diesen Glauben], wie sie sie empfangen hat, als ob sie in einem einzigen Hause wohnte, glaubt so daran, als ob sie nur eine Seele und ein Herz hätte, und verkündet und überliefert ihre Lehre so einstimmig, als ob sie nur einen Mund hätte" (hær. 1,10,1-2) (Vgl. dazu auch 830).



174 "Und wenn es auch auf der Welt verschiedene Sprachen gibt, so ist doch die Geltung der Überlieferung ein und dieselbe. Die in Germanien gegründeten Kirchen glauben und überliefern nicht anders als die in Spanien oder bei den Kelten, als die im Orient oder in Ägypten, die in Libyen oder in der Mitte der Welt ..."(ebd.). "Wahr und zuverlässig ist die Botschaft der Kirche, denn bei ihr erscheint in der gesamten Welt ein und derselbe Weg zum Heil" (hær. 5,20,1) (Vgl. dazu auch 78).



175 "Diesen Glauben, den wir von der Kirche empfangen haben, behüten wir sorgfältig. Wie ein kostbarer Schatz, der in einem ausgezeichneten Gefäß verschlossen ist, wird der Glaube durch die Wirkung des Geistes Gottes immer verjüngt und verjüngt das Gefäß, das ihn enthält" (hær. 3,24,1).







KURZTEXTE





176 Der Glaube ist eine persönliche Bindung des ganzen Menschen an den sich offenbarenden Gott. In ihm liegt eine Zustimmung des Verstandes und des Willens zur Selbstoffenbarung Gottes in seinen Taten und Worten.



177 "Glauben" hat also einen doppelten Bezug: den zur Person und den zur Wahrheit; der Glaubensakt bezieht sich auf die Wahrheit durch das Vertrauen in die Person, die sie bezeugt.



178 Wir sollen an niemand anderen glauben als an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.



179 Der Glaube ist eine übernatürliche Gabe Gottes. Um zu glauben, bedarf der Mensch der inneren Hilfe des Heiligen Geistes.



180 "Glauben" ist ein bewußter und freier menschlicher Akt, der der Würde der menschlichen Person entspricht.



181 "Glauben" ist ein kirchlicher Akt. Der Glaube der Kirche geht unserem Glauben voraus, zeugt, trägt und nährt ihn. Die Kirche ist die Mutter aller Glaubenden. "Niemand kann Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat" (Cyprian, unit. eccl.).



182 "Wir glauben alles, was im geschriebenen oder überlieferten Wort Gottes enthalten ist und was die Kirche als von Gott geoffenbarte Wahrheit zu glauben vorlegt" (SPF20).



183 Der Glaube ist heilsnotwendig. Der Herr selbst sagt: "Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden" (Mk 16, 16).



184 "Der Glaube ist ein Vorgeschmack der Erkenntnis, die uns im künftigen Leben selig machen wird" (Thomas v. A., comp. 1, 2).




Apostolisches Glaubensbekenntnis





Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde,





und an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,















Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria,



gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben,



hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten,



aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;



von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.





Ich glaube an den Heiligen Geist,











Die heilige katholische Kirche,



Gemeinschaft der Heiligen,



Vergebung der Sünden,





Auferstehung der Toten und das ewige Leben.



Amen.

Glaubensbekenntnis von Nizäa -Konstantinopel



Wir glauben an den einen Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

der alles geschaffen hat, Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.



Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.

Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.

Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden,





Ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift

Und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters

und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.



Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten,



und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.

Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.



Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.

Amen.



ZWEITER ABSCHNITT



DAS CHRISTLICHE
GLAUBENSBEKENNTNIS



Die Glaubenssymbola



185 Wer sagt: "Ich glaube", sagt: "Ich bejahe das, was wir glauben". Die Gemeinschaft im Glauben bedarf einer gemeinsamen Glaubenssprache, die für alle verbindlich ist und im gleichen Bekenntnis des Glaubens eint (Vgl. dazu auch 171, 949).



186 Von Anfang an hat die apostolische Kirche ihren Glauben in kurzen, für alle maßgebenden Formeln ausgedrückt und weitergegeben [Vgl. etwa Röm 10, 9; 1 Kor 15, 3-5]. Schon sehr bald aber wollte die Kirche das Wesentliche ihres Glaubens auch in organische, gegliederte Zusammenfassungen einbringen, die vor allem für die Taufbewerber bestimmt waren:



"Nicht menschliche Willkür hat diese Zusammenschau des Glaubens verfaßt, sondern die wichtigsten Lehren der ganzen Schrift sind in ihr zusammengestellt zu einer einzigen Glaubenslehre. Gleichwie der Senfsamen in einem kleinen Körnlein die vielen Zweige birgt, so enthält diese Zusammenfassung des Glaubens in wenigen Worten alle religiösen Kenntnisse des Alten und des Neuen Testamentes" (Cyrill v. Jerusalem, catech. ill. 5,12).



187 Diese Kurzfassungen des Glaubens nennt man "Glaubensbekenntnisse", weil sie den Glauben, den die Christen bekennen, kurz zusammenfassen. Man nennt sie auch "Credo", weil sie auf lateinisch für gewöhnlich mit "Credo" [Ich glaube] beginnen. Eine weitere Bezeichnung für sie ist "Glaubenssymbola".



188 Das griechische Wort "symbolon" bezeichnete eine Hälfte eines entzweigebrochenen Gegenstandes (z. B. eines Siegels), die als Erkennungszeichen diente. Die beiden Teile wurden aneinandergefügt, um die Identität des Trägers zu überprüfen. Das "Glaubenssymbol" ist also ein Erkennungs- und Gemeinschaftszeichen für die Gläubigen. "Symbolon" bedeutet dann auch Sammlung, Zusammenfassung, Übersicht. Im "Glaubenssymbolon" sind die Hauptwahrheiten des Glaubens zusammengefaßt. Deshalb dient es als erster Anhaltspunkt, als Grundtext der Katechese.



189 Das Glaubensbekenntnis wird zum ersten Mal bei der Taufe abgelegt. Das "Glaubenssymbolon" ist zunächst Taufbekenntnis. Weil die Taufe im "Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" (Mt 28, 19) gespendet wird, werden die Glaubenswahrheiten, zu denen man sich bei der Taufe bekennt, nach ihrem Bezug zu den drei Personen der heiligsten Dreifaltigkeit gegliedert (Vgl. dazu auch 1237, 232).



190 Das Symbolum hat somit drei Hauptteile: "Im ersten Teil ist von der ersten Person in Gott und vom wunderbaren Schöpfungswerk die Rede; im zweiten von der zweiten Person und vom Geheimnis der Erlösung des Menschen; im dritten von der dritten Person, dem Urheber und Quell unserer Heiligung" (Catech. R. 1,1,4). Das sind "die drei Hauptstücke unseres [Tauf-] Siegels" (Irenäus, dem. 100).



191 Diese drei Teile unterscheiden sich voneinander, hängen aber miteinander zusammen. "Wir nennen sie nach einem von den Vätern häufig gebrauchten Vergleich Artikel [Glieder]. Wie man nämlich die Einzelteile eines Körpers nach Gliedern unterscheidet, so bezeichnen wir auch in diesem unserem Glaubensbekenntnis jeden Einzelsatz, der uns zu glauben vorgelegt wird, ganz entsprechend als Artikel" (Catech. R. 1,1,4). Nach einer alten, schon vom hl. Ambrosius [Vgl. symb. 8] bezeugten Tradition zählt man für gewöhnlich zwölf Artikel des Credo, um mit der Zahl der Apostel das Ganze des apostolischen Glaubens zu versinnbilden.



192 Den Bedürfnissen der verschiedenen Epochen entsprechend entstanden im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Bekenntnisse oder Symbola des Glaubens: die Symbola der verschiedenen alten, apostolischen Kirchen [Vgl. DS 1-64] das sogenannte Athanasianische Symbolum "Quicumque" [Vgl. DS 75-76], die Glaubensbekenntnisse bestimmter Konzilien und Synoden [Vgl. 11. Synode v. Toledo: DS 525-541; 4. Konzil im Lateran: DS 800-802; 2. Konzil v. Lyon: DS 851-861; Konzil v. Trient: DS 1862-1870] oder einzelner Päpste, z. B. die "fides Damasi" [Vgl. DS 71-72] und das "Credo des Gottesvolkes" (SPF) Pauls VI. von 1968.



193 Keines der Bekenntnisse aus den verschiedenen Epochen der Kirche kann als überholt und wertlos angesehen werden. Sie alle fassen den Glauben aller Zeiten kurz zusammen und helfen uns heute, ihn zu erfassen und tiefer zu verstehen.





Zwei Bekenntnisse nehmen im Leben der Kirche eine ganz besondere Stellung ein:



194 Das Apostolische Glaubensbekenntnis, das so genannt wird, weil es mit Recht als treue Zusammenfassung des Glaubens der Apostel gilt. Es ist das alte Taufbekenntnis der Kirche von Rom. Von daher hat es seine große Autorität: "Es ist das Symbolum, das die römische Kirche bewahrt, wo Petrus, der erste der Apostel, seinen Sitz hatte und wohin er die gemeinsame Glaubenslehre gebracht hat" (Ambrosius, symb. 7).



195 Auch das sogenannte Nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis besitzt eine große Autorität, weil es aus den beiden ersten Ökumenischen Konzilien (325 und 381) hervorging und noch heute allen großen Kirchen des Ostens und des Westens gemeinsam ist (Vgl. dazu auch 242, 245, 465).



196 Unsere Darlegung des Glaubens wird sich an das Apostolische Glaubensbekenntnis halten, das gewissermaßen "den ältesten römischen Katechismus" darstellt. Die Darlegung wird jedoch durch beständige Verweise auf das Nizäno-konstantinopolitanische Bekenntnis ergänzt werden, das oft ausführlicher und eingehender ist.



197 Machen wir uns das Bekenntnis unseres Leben schenkenden Glaubens zu eigen wie am Tag unserer Taufe, als unser ganzes Leben "der Gestalt der Lehre" (Röm 6, 17) anvertraut wurde. Gläubig das Credo beten heißt, mit Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist in Verbindung treten; es heißt aber auch, mit der Gesamtkirche verbunden zu werden, die uns den Glauben überliefert und in deren Gemeinschaft wir glauben (Vgl. dazu auch 1064).



"Dieses Symbolum ist das geistige Siegel, die Betrachtung unseres Herzens und die stets anwesende Wache; es ist sicherlich der Schatz unserer Seele" (Ambrosius, symb. 1).



















ERSTES KAPITEL



"ICH GLAUBE AN GOTT DEN VATER"





198 Unser Glaubensbekenntnis beginnt mit Gott, denn Gott ist "der Erste" und "der Letzte" (Jes 44, 6), der Anfang und das Ende von allem. Das Credo beginnt mit Gott dem Vater, denn der Vater ist die erste göttliche Person der heiligsten Dreifaltigkeit; es beginnt mit der Erschaffung des Himmels und der Erde, denn die Schöpfung ist der Anfang und die Grundlage aller Werke Gottes.







ARTIKEL 1 "ICH GLAUBE AN GOTT, DEN VATER, DEN ALLMÄCHTIGEN, DEN SCHÖPFER DES HIMMELS UND DER ERDE"





ABSATZ 1 "ICH GLAUBE AN GOTT"





199 "Ich glaube an Gott": diese erste Aussage des Glaubensbekenntnisses ist auch die grundlegendste. Das ganze Bekenntnis spricht von Gott, und wenn es auch vom Menschen und von der Welt spricht, geschieht dies im Blick auf Gott. Die Artikel des Credo hängen alle vom ersten ab, so wie die weiteren Gebote des Dekalogs das erste Gebot entfalten. Die folgenden Artikel lassen uns Gott besser erkennen, wie er sich Schritt für Schritt den Menschen geoffenbart hat. "Mit Recht bekennen die Gläubigen zuerst, daß sie an Gott glauben" (Catech. R. 1,2,6) (Vgl. dazu auch 2083).





I "Wir glauben an den einen Gott"



200 Mit diesen Worten beginnt das Credo von Nizäa-Konstantinopel. Das Bekenntnis der Einzigkeit Gottes, das in der göttlichen Offenbarung des Alten Bundes wurzelt, läßt sich vom Bekenntnis des Daseins Gottes nicht trennen und ist ebenso grundlegend. Gott ist der Eine; es gibt nur einen Gott. "Der christliche Glaube hält fest und bekennt ... daß Gott nach Natur, Substanz und Wesen Einer ist" (Catech. R. 1,2,2) (Vgl. dazu auch 2085).



201 Israel, dem von ihm erwählten Volk, hat sich Gott als der Eine geoffenbart: "Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft" (Dtn 6,4-5). Durch die Propheten ruft Gott Israel und alle Völker auf, sich ihm, dem einzigen Gott, zuzuwenden: "Wendet euch mir zu, und laßt euch erretten, ihr Menschen aus den fernsten Ländern der Erde; denn ich bin Gott, und sonst niemand ... Vor mir wird jedes Knie sich beugen, und jede Zunge wird bei mir schwören: Nur beim Herrn ... gibt es Rettung und Schutz" (Jes 45,22-24) [Vgl. Phil 2,10-11] (Vgl. dazu auch 2083).



202 Jesus selbst bekräftigt, daß Gott "der einzige Herr" ist und daß man ihn mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit allen Gedanken und aller Kraft lieben soll [Vgl. Mk 12,29-30]. Gleichzeitig gibt er zu erkennen, daß er selbst "der Herr" ist [Vgl. Mk 12, 35-37]. Zwar ist das Bekenntnis "Jesus ist der Herr" das Besondere des christlichen Glaubens. Es widerspricht jedoch dem Glauben an den einen Gott nicht. Auch der Glaube an den Heiligen Geist, "der Herr ist und lebendig macht", bringt in den einzigen Gott keine Spaltung (Vgl. dazu auch 446, 152):



"Wir glauben fest und bekennen aufrichtig, daß nur Einer der wahre, ewige, unermeßliche und unveränderliche, unbegreifliche, allmächtige und unaussprechliche Gott ist, der Vater, Sohn und Heilige Geist: zwar drei Personen, aber eine Wesenheit, Substanz oder gänzlich einfache Natur"

(4. K. im Lateran: DS 800) (Vgl. dazu auch 42).





II Gott offenbart seinen Namen



203 Seinem Volk Israel hat Gott sich dadurch geoffenbart, daß er es seinen Namen wissen ließ. Der Name drückt das Wesen, die Identität der Person und den Sinn ihres Lebens aus. Gott hat einen Namen. Er ist nicht eine namenlose Kraft. Seinen Namen preisgeben heißt sich den anderen zu erkennen geben; es heißt gewissermaßen sich selbst preisgeben, sich zugänglich machen, um tiefer erkannt und persönlich gerufen werden zu können. (Vgl. dazu auch 2143, 2808)



204 Gott hat sich seinem Volk Schritt für Schritt und unter verschiedenen Namen zu erkennen gegeben. Die Grundoffenbarung für den Alten und den Neuen Bund war jedoch die Offenbarung des Gottesnamens an Mose bei der Erscheinung im brennenden Dornbusch vor dem Auszug aus Ägypten und dem Sinaibund. (Vgl. dazu auch 63)





Der lebendige Gott



205 Gott ruft Mose an aus der Mitte eines Dornbusches, der brennt, ohne zu verbrennen. Er sagt zu Mose: "Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs" (Ex 3,6). Gott ist der Gott der Väter, der die Patriarchen gerufen und sie auf ihren Wanderungen geleitet hat. Er ist der treue und mitfühlende Gott, der sich an die Väter und an seine Verheißungen erinnert. Er kommt, um ihre Nachkommen aus der Sklaverei zu befreien. Er ist der Gott, der dies unabhängig von Zeit und Raum kann und tun will. Er verwirklicht diesen Plan durch seine Allmacht. (Vgl. dazu auch 2575, 268)





"Ich bin der Ich - bin"



"Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie lautet sein Name? Was soll ich ihnen darauf sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der Ich-bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt ... Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen" (Ex 3,13-15).



206 Indem er seinen geheimnisvollen Namen JHWH - "Ich bin der, der ist" oder "Ich bin der Ich-bin" - offenbart, sagt Gott, wer er ist und mit welchem Namen man ihn anreden soll. Dieser Gottesname ist geheimnisvoll, wie Gott selbst Geheimnis ist. Er ist ein geoffenbarter Name und zugleich gewissermaßen die Zurückweisung eines Namens. Gerade dadurch bringt er jedoch das, was Gott ist, am besten zum Ausdruck: der über alles, was wir verstehen oder sagen können, unendlich Erhabene. Er ist der "verborgene Gott" (Jes 45,15); sein Name ist unaussprechlich [Vgl. Ri 13,18]; und er ist zugleich der Gott, der den Menschen seine Nähe schenkt. (Vgl. dazu auch 43)



207 Mit seinem Namen offenbart Gott zugleich seine Treue, die von jeher war und für immer bleibt: Er war treu ("Ich bin der Gott deines Vaters": Ex 3,6) und wird treu bleiben ("Ich bin mit dir": Ex 3,12). Gott, der sich "Ich-bin" nennt, offenbart sich als der Gott, der immer da ist, immer bei seinem Volk, um es zu retten.



208 Angesichts der geheimnisvollen und faszinierenden Gegenwart Gottes wird der Mensch seiner Kleinheit inne. Angesichts des brennenden Dornbusches zieht Mose seine Sandalen aus und verhüllt vor der göttlichen Herrlichkeit sein Gesicht [Vgl. Ex 3,5-6]. Angesichts der Herrlichkeit des dreimal heiligen Gottes ruft Jesaia aus: "Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen" (Jes 6,5). Angesichts der göttlichen Zeichen, die Jesus wirkt, ruft Petrus aus: "Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder" (Lk 5,8). Doch da Gott heilig ist, kann er dem Menschen verzeihen, der sich vor ihm als Sünder erkennt: "Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken ..., denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte" (Hos 11,9). So sagt auch der Apostel Johannes: "Wir werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles" (1 Joh 3, 19-20) (Vgl. dazu auch 724, 448, 388).



209 Aus Ehrfurcht vor Gottes Heiligkeit spricht das Volk Israel den Namen Gottes nicht aus. Bei der Lesung der Heiligen Schrift wird der geoffenbarte Name durch den göttlichen Würdetitel "Herr" ["Adonai", auf griechisch "Kyrios"] ersetzt. Unter diesem Titel wird die Gottheit Jesu feierlich bekannt: "Jesus ist der Herr". (Vgl. dazu auch 446)





"Ein barmherziger und gnädiger Gott"



210 Nachdem Israel gesündigt und sich so von Gott abgewandt hat, um das goldene Kalb anzubeten [Vgl. Ex 32], hört Gott auf die Fürbitte des Mose und nimmt es auf sich, mit seinem untreuen Volk mitzuziehen. So zeigt er seine Liebe [Vgl. Ex 33,12-17]. Als Mose darum bittet, seine Herrlichkeit schauen zu dürfen, antwortet ihm Gott: "Ich will meine ganze Schönheit an dir vorüberziehen lassen und den Namen JHWH vor dir ausrufen" (Ex 33,18-19). Und der Herr zieht an Mose vorüber und ruft: "JHWH, JHWH ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue" (Ex 34,6). Da bekennt Mose, daß der Herr ein verzeihender Gott ist [Vgl. Ex 34,9] (Vgl. dazu auch 2112, 2577).



211 Der Gottesname "Ich-bin" oder "Er-ist" drückt die Treue Gottes aus. Trotz der Untreue, die in der Sünde der Menschen liegt, und trotz der Bestrafung, die sie verdient, bewahrt Gott "Tausenden Huld" (Ex 34,7). Gott offenbart, daß er "voll Erbarmen" (Eph 2,4) ist, und geht darin so weit, daß er seinen eigenen Sohn dahingibt. Jesus opfert sein Leben, um uns von der Sünde zu befreien, und offenbart so, daß er selbst den göttlichen Namen trägt: "Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, daß Ich bin" (Joh 8,28). (Vgl. dazu auch 604)





Gott allein ist



212 Im Lauf der Jahrhunderte konnte der Glaube Israels die Reichtümer, die in der Offenbarung des Namens Gottes enthalten sind, ausfalten und sich in sie vertiefen. Gott ist einzig; außer ihm gibt es keinen Gott [Vgl. Jes 44,6]. Er ist über Welt und Geschichte erhaben. Er hat Himmel und Erde geschaffen: "Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie alle zerfallen wie ein Gewand ... Du aber bleibst, der du bist, und deine Jahre enden nie" (Ps 102, 27-28). Bei ihm gibt es "keine Veränderung und keine Verfinsterung" (Jak 1,17). Er ist der "Er-ist" von jeher und für immer und so bleibt er sich selbst und seinen Verheißungen stets treu (Vgl. dazu auch 42, 469, 2086).



213 Die Offenbarung des unaussprechlichen Namens "Ich bin der Ich-bin" enthält somit die Wahrheit, daß allein Gott ist. In diesem Sinn haben schon die Übersetzung der Septuaginta und die Überlieferung der Kirche den Namen Gottes verstanden: Gott ist die Fülle des Seins und jeglicher Vollkommenheit, ohne Ursprung und ohne Ende. Während alle Geschöpfe alles, was sie sind und haben, von ihm empfingen, ist er allein sein Sein, und er ist alles, was er ist, von sich aus (Vgl. dazu auch 41)





III Gott, "Er, der ist", ist Wahrheit und Liebe



214 Gott, "Er, der ist", hat sich Israel geoffenbart als "reich an Huld und Treue" (Ex 34,6). Diese beiden Begriffe drücken das Wesentliche des Reichtums des göttlichen Namens aus. In all seinen Werken zeigt Gott sein Wohlwollen, seine Güte, seine Gnade, seine Liebe, aber auch seine Verläßlichkeit, seine Beharrlichkeit, seine Treue und seine Wahrheit. "Ich will ... deinem Namen danken für deine Huld und Treue" (Ps 138,2) [Vgl. Ps 85,11]. Er ist die Wahrheit, denn "Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm" (1 Joh 1,5); er ist "die Liebe", wie der Apostel Johannes lehrt (1 Joh 4,8) (Vgl. dazu auch 1062).





Gott ist Wahrheit



215 "Das Wesen deines Wortes ist Wahrheit, deine gerechten Urteile haben alle auf ewig Bestand" (Ps 119,160). "Ja, mein Herr und Gott, du bist der einzige Gott, und deine Worte sind wahr" (2 Sam 7,28); deswegen gehen Gottes Verheißungen immer in Erfüllung [Vgl. Dtn 7,9]. Gott ist die Wahrheit selbst; seine Worte können nicht täuschen. Darum kann man voll Vertrauen sich in allem seiner Wahrheit und der Verläßlichkeit seines Wortes überantworten. Am Anfang der Sünde und des Falls des Menschen stand eine Lüge des Versuchers, die zum Zweifel an Gottes Wort, seinem Wohlwollen und seiner Treue führte. (Vgl. 2465, 1063, 156, 397)



216 Die Wahrheit Gottes ist auch seine Weisheit, die die ganze Ordnung der Schöpfung und den Lauf der Welt bestimmt [Vgl. Weish 13,1-9]. Gott, der Einzige, der Himmel und Erde erschaffen hat [Vgl. Ps 115,15], ist auch der Einzige, der die wahre Erkenntnis alles Geschaffenen in seinem Bezug zu ihm schenken kann [Vgl. Weish 7, 17-21]. (Vgl. dazu auch 295, 32)



217 Gott ist auch wahr, wenn er sich offenbart: Die Lehre, die von Gott kommt, ist "zuverlässige Belehrung" (Mal 2,6). Er sendet seinen Sohn in die Welt, damit dieser "für die Wahrheit Zeugnis ablege" (Joh 18,37). "Wir wissen aber: Der Sohn Gottes ist gekommen, und er hat uns Einsicht geschenkt, damit wir [Gott] den Wahren erkennen" (1 Joh 5,20) [Vgl. Joh 17,3] (Vgl. dazu auch 851, 2466).





Gott ist Liebe



218 Im Laufe seiner Geschichte konnte Israel erkennen, daß Gott nur einen einzigen Grund hatte, sich ihm zu offenbaren und es unter allen Völkern zu erwählen, damit es ihm gehöre: seine gnädige Liebe [Vgl. Dtn 4,37; 7,8; 10,15]. Dank seiner Propheten hat Israel begriffen, daß Gott es aus Liebe immer wieder rettet [Vgl. Jes 43,1-7] und ihm seine Untreue und seine Sünden verzeiht [Vgl. Hos 2]. (Vgl. dazu auch 295)



219 Die Liebe Gottes zu Israel wird mit der Liebe eines Vaters zu seinem Sohn verglichen [Vgl. Hos 11,1]. Diese Liebe ist größer als die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern [Vgl. Jes 49,14-15]. Gott liebt sein Volk mehr als ein Bräutigam seine Braut [Vgl. Jes 62,4-5]. Diese Liebe wird sogar über die schlimmsten Treulosigkeiten siegen [Vgl. Ez 16; Hos 11] sie wird so weit gehen, daß sie selbst das Liebste hergibt: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab" (Joh 3,16). (Vgl. dazu auch 239, 796, 458)



220 Die Liebe Gottes ist "ewig" (Jes 54,8): "Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel zu wanken beginnen - meine Huld wird nie von dir weichen" (Jes 54,10). "Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich dir so lange die Treue bewahrt" (Jer 31,3).



221 Der hl. Johannes geht noch weiter und sagt: "Gott ist die Liebe" (1 Joh 4,8.16): Liebe ist das Wesen Gottes. Indem er in der Fülle der Zeit seinen einzigen Sohn und den Geist der Liebe sendet, offenbart Gott sein innerstes Geheimnis [Vgl.1 Kor 2,7-16; Eph 3,9-12]: Er selbst ist ewiger Liebesaustausch - Vater, Sohn und Heiliger Geist - und hat uns dazu bestimmt, daran teilzuhaben (Vgl. dazu auch 733, 851, 257).





IV Die Bedeutung des Glaubens an den einzigen Gott



222 An Gott, den Einzigen, zu glauben und ihn mit unserem ganzen Wesen zu lieben, hat für unser ganzes Leben unabsehbare Folgen:



223 Wir wissen um Gottes Größe und Majestät: "Sieh, Gott ist groß, nicht zu begreifen" (Ijob 36,26). Darum gilt: "Gott kommt an erster Stelle" (Jeanne d'Arc) (Vgl. dazu auch 400).



224 Wir leben in Danksagung: Wenn Gott der Einzige ist, kommt alles, was wir sind und haben, von ihm: "Was hast du, das du nicht empfangen hättest?" (1 Kor 4,7). "Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat?" (Ps 116,12) (Vgl. dazu auch 2637).



225 Wir wissen um die Einheit und die wahre Würde aller Menschen: Sie alle sind nach dem Abbild Gottes ihm ähnlich erschaffen [Vgl. Gen 1,26]. (Vgl. dazu auch 356, 360, 1700, 1934)



226 Wir gebrauchen die geschaffenen Dinge richtig: Der Glaube an den einzigen Gott läßt uns alles, was nicht Gott ist, soweit gebrauchen, als es uns ihm näher bringt, und uns soweit davon lösen, als es uns von ihm entfernt [Vgl. Mt 5,29-30; 16,24; 19,23-24] (Vgl. dazu auch 339, 2402, 2415).



"Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, o nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir"

(Niklaus von Flüe, Gebet)



227 Wir vertrauen auf Gott in jeder Lage, selbst in Widerwärtigkeiten. Ein Gebet der hl. Theresia von Jesus bringt dies eindrucksvoll zum Ausdruck: (Vgl. dazu auch 313, 2090)



Nichts dich verwirre; / nichts dich erschrecke.

Alles geht vorbei. / Gott ändert sich nicht.

Geduld erlangt alles. / Wer Gott hat,

dem fehlt nichts. / Gott allein genügt.



(poes. 30) (Vgl. dazu auch 2830, 1723)





KURZTEXTE



228 "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr" (Dtn 6,4 nach Mk 12,29). "Was als höchste Größe gelten soll, muß einzig dastehen und darf seinesgleichen nicht haben ... Wenn Gott nicht einzig ist, so ist er nicht Gott" (Tertullian, Marc. 1,3).



229 Der Glaube an Gott bewegt uns, ihm allein uns zuzuwenden als unserem ersten Ursprung und unserem letzten Ziel und nichts ihm vorzuziehen oder an seine Stelle zu setzen.



230 Obwohl Gott sich offenbart, bleibt er doch ein unaussprechliches Geheimnis:"Verstündest du ihn, es wäre nicht Gott" (Augustinus, serm. 52, 6, 16).



231 Der Gott unseres Glaubens hat sich als der, der ist, geoffenbart; er hat sich als "reich an Huld und Treue" zu erkennen gegeben (Ex 34,6). Wahrheit und Liebe sind sein Wesen.











ABSATZ 2 DER VATER





I "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes"



232 Die Christen werden im "Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" (Mt 28,19) getauft. Vorher antworten sie auf die dreifache Frage, ob sie an den Vater, an den Sohn und an den Heiligen Geist glauben, mit: "Ich glaube". "Der Inbegriff des Glaubens aller Christen ist die Dreifaltigkeit" (Cæsarius v. Arles, symb.) (Vgl. dazu auch 189, 1223).



233 Die Christen werden "im Namen" (Einzahl) und nicht "auf die Namen" (Mehrzahl) des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft [Vgl. das Glaubensbekenntnis des Papstes Vigilius im Jahre 552: DS 415], denn es gibt nur einen einzigen Gott, den allmächtigen Vater und seinen eingeborenen Sohn und den Heiligen Geist: die heiligste Dreifaltigkeit.



234 Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit ist das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens. Es ist das Mysterium des inneren Lebens Gottes, der Urgrund aller anderen Glaubensmysterien und das Licht, das diese erhellt. Es ist in der "Hierarchie der Glaubenswahrheiten" (DCG 43) die grundlegendste und wesentlichste. "Die ganze Heilsgeschichte ist nichts anderes als die Geschichte des Weges und der Mittel, durch die der wahre, einzige Gott - Vater, Sohn und Heiliger Geist - sich offenbart, sich mit den Menschen, die sich von der Sünde abwenden, versöhnt und sie mit sich vereint" (DCG 47) (Vgl. dazu auch 2157, 90, 1449).



235 In diesem Absatz wird kurz dargelegt, wie das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit geoffenbart wurde (II), wie die Kirche die Glaubenslehre über dieses Mysterium formulierte (III) und wie der Vater durch die göttlichen Sendungen des Sohnes und des Heiligen Geistes seinen "gnädigen Ratschluß" der Erschaffung, Erlösung und Heiligung verwirklicht (IV).



236 Die Kirchenväter unterscheiden zwischen der "Theologia" und der "Oikonomia". Mit dem ersten Begriff bezeichnen sie das Mysterium des inneren Lebens des dreifaltigen Gottes, mit dem zweiten alle Werke, durch die dieser sich offenbart und sein Leben mitteilt. Durch die "Oikonomia" wird uns die "Theologia" enthüllt; umgekehrt aber erhellt die "Theologia" die ganze "Oikonomia". Die Werke Gottes offenbaren uns sein inneres Wesen, und umgekehrt läßt uns das Mysterium seines inneren Wesens alle seine Werke besser verstehen. Ähnlich verhält es sich in der Beziehung zwischen menschlichen Personen: Die Person äußert sich in ihrem Tun, und je besser wir eine Person kennen, desto besser verstehen wir ihr Handeln. (Vgl. dazu auch 1066, 259)



237 Die Trinität ist ein Glaubensmysterium im strengen Sinn, eines der "in Gott verborgenen Geheimnisse ... die, wenn sie nicht von Gott geoffenbart wären, nicht bekannt werden könnten" (1. Vatikanisches K.: DS 3015). Zwar hat Gott in seinem Schöpfungswerk und in seiner Offenbarung im Laufe des Alten Bundes Spuren seines trinitarischen Wesens hinterlassen. Aber sein innerstes Wesen als heilige Dreifaltigkeit stellt ein Geheimnis dar, das der Vernunft nicht zugänglich ist und vor der Menschwerdung des Sohnes Gottes und der Sendung des Heiligen Geistes auch dem Glauben Israels unzugänglich war (Vgl. dazu auch 50).







II Die Offenbarung Gottes als Dreifaltigkeit





Der Vater wird geoffenbart durch den Sohn



238 In vielen Religionen wird Gott als "Vater" angerufen. Die Gottheit wird oft als "Vater der Götter und der Menschen" betrachtet. In Israel wird Gott "Vater" genannt als Erschaffer der Welt [Vgl. Dtn 32,6; Mal 2,10]. Gott ist erst recht Vater aufgrund des Bundes und der Gabe des Gesetzes an Israel, seinen "Erstgeborenen" (Ex 4,22). Er wird auch Vater des Königs von Israel genannt [Vgl. 2 Sam 7,14]. Ganz besonders ist er "der Vater der Armen", der Waisen und Witwen [Vgl. Ps 68,6], die unter seinem liebenden Schutz stehen (Vgl. dazu auch 2443).



239 Wenn die Sprache des Glaubens Gott "Vater" nennt, so weist sie vor allem auf zwei Aspekte hin: daß Gott Ursprung von allem und erhabene Autorität und zugleich Güte und liebende Besorgtheit um alle seine Kinder ist. Diese elterliche Güte Gottes läßt sich auch durch das Bild der Mutterschaft zum Ausdruck bringen [Vgl. Jes 66,13; Ps 131,2], das mehr die Immanenz Gottes, die Vertrautheit zwischen Gott und seinem Geschöpf andeutet. Die Sprache des Glaubens schöpft so aus der Erfahrung des Menschen mit seinen Eltern, die für ihn gewissermaßen die ersten Repräsentanten Gottes sind. Wie die Erfahrung aber zeigt, können menschliche Eltern auch Fehler begehen und so das Bild der Vaterschaft und der Mutterschaft entstellen. Deswegen ist daran zu erinnern, daß Gott über den Unterschied der Geschlechter beim Menschen hinausgeht. Er ist weder Mann noch Frau; er ist Gott. Er geht auch über die menschliche Vaterschaft und Mutterschaft hinaus [Vgl. Ps 27,10], obwohl er deren Ursprung und Maß ist [Vgl. Eph 3,14; Jes 49,15]: Niemand ist Vater so wie Gott. (Vgl. dazu auch 370, 2779)



240 Jesus hat geoffenbart, daß Gott in einem ungeahnten Sinn "Vater" ist: nicht nur als Schöpfer, sondern von Ewigkeit her Vater seines eingeborenen Sohnes, der von Ewigkeit her nur in bezug auf seinen Vater Sohn ist: "Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will" (Mt 11,27) (Vgl. dazu auch 2780, 441-445).



241 Deshalb bekannten die Apostel Jesus als das Wort, das bei Gott war und Gott ist [Vgl. Joh 1,1], als "das Ebenbild des unsichtbaren Gottes" (Kol 1,15), als "der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens" (Hebr 1,3).



242 Ihr Bekenntnis wird von der apostolischen Überlieferung bewahrt, in deren Gefolge die Kirche im Jahr 325 auf dem ersten Ökumenischen Konzil in Nizäa bekannt hat, daß der Sohn "eines Wesens [homoúsios, consubstantialis] mit dem Vater", das heißt mit ihm ein einziger Gott ist. Das zweite Ökumenische Konzil, das sich 381 in Konstantinopel versammelt hatte, behielt in seiner Formulierung des Credo von Nizäa diesen Ausdruck bei und bekannte "Gottes eingeborenen Sohn" als "aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater" (DS 150) (Vgl. dazu auch 465).







Der Vater und der Sohn werden durch den Geist geoffenbart



243 Vor seinem Pascha kündigt Jesus die Sendung eines "anderen Parakleten" [Beistandes] an: des Heiligen Geistes. Dieser war schon bei der Schöpfung tätig [Vgl. Gen 1,2] und hatte "gesprochen durch die Propheten" (Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel). Er wird fortan bei den Jüngern und in ihnen sein [Vgl. Joh 14,17], sie lehren [Vgl. Joh 14,26] und "in die ganze Wahrheit führen" (Joh 16,13). Der Heilige Geist wird also mit Jesus und dem Vater als eine weitere göttliche Person geoffenbart. (Vgl. dazu auch 683, 2780, 687)



244 Der ewige Ursprung des Geistes offenbart sich in seiner zeitlichen Sendung. Der Heilige Geist wird den Aposteln und der Kirche vom Vater im Namen des Sohnes sowie vom Sohn selbst gesandt, nachdem dieser zum Vater zurückgekehrt ist [Vgl. Joh 14,26; 15,26; 16,14]. Die Sendung der Person des Geistes nach der Verherrlichung Jesu [Vgl. Joh 7,39] offenbart das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit in seiner Fülle (Vgl. dazu auch 732).



245 Der apostolische Glaube an den Geist wurde 381 vom zweiten Ökumenischen Konzil in Konstantinopel bekannt: "Wir glauben ... an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht" (DS 150). Die Kirche anerkennt dadurch den Vater als den "Quell und Ursprung der ganzen Gottheit" (6. Syn. v. Toledo 638: DS 490). Der ewige Ursprung des Heiligen Geistes ist jedoch nicht ohne Zusammenhang mit dem ewigen Ursprung des Sohnes: "Der Heilige Geist, der die dritte Person in der Dreifaltigkeit ist, ist ein und derselbe Gott mit Gott, dem Vater und dem Sohn ... von einer Substanz, auch einer Natur ... Gleichwohl wird er nicht nur der Geist des Vaters und nicht nur der Geist des Sohnes, sondern zugleich der Geist des Vaters und des Sohnes genannt" (11. Syn. v. Toledo 675: DS 527). Das Credo der Kirche bekennt: Er wird "mit dem Vater und dem Sohn [zugleich] angebetet und verherrlicht" (DS 150) (Vgl. dazu auch 152, 685).



246 Die lateinische Tradition des Credo bekennt, daß der Geist "aus dem Vater und dem Sohn [filioque] hervorgeht". Das Konzil von Florenz erklärt 1438, "daß der Heilige Geist ... sein Wesen und sein in sich ständiges Sein zugleich aus dem Vater und dem Sohne hat und aus beiden von Ewigkeit her als aus einem Prinzip und durch eine einzige Hauchung hervorgeht ... Und weil der Vater selbst alles, was des Vaters ist, seinem einziggeborenen Sohn in der Zeugung gab, außer dem Vatersein, hat der Sohn selbst eben dieses, daß der Heilige Geist aus dem Sohn hervorgeht, von Ewigkeit her vom Vater, von dem er auch von Ewigkeit her gezeugt ist" (DS 1300-1301).



247 Das filioque kam im Glaubensbekenntnis von Konstantinopel (381) nicht vor. Aufgrund einer alten lateinischen und alexandrinischen Tradition jedoch hatte der hl. Papst Leo 1. es schon 447 dogmatisch bekannt [Vgl. DS 284], noch bevor Rom das Symbolum von 381 kannte und 451 auf dem Konzil von Chalkedon übernahm. Die Verwendung dieser Formel im Credo wurde in der lateinischen Liturgie zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert nach und nach zugelassen. Die von der lateinischen Liturgie vorgenommene Einfügung des "filioque" in das Credo von Nizäa-Konstantinopel stellt jedoch noch heute einen für die orthodoxen Kirchen strittigen Punkt dar.



248 Die östliche Tradition bringt vor allem zum Ausdruck, daß der Vater der erste Ursprung des Geistes ist. Indem sie den Geist als den, "der vom Vater ausgeht" (Joh 15,26) bekennt, sagt sie, daß er durch den Sohn aus dem Vater hervorgeht [Vgl. AG 2]. Die westliche Tradition bringt vor allem die wesensgleiche Gemeinschaft zwischen dem Vater und dem Sohn zum Ausdruck, indem sie sagt, daß der Geist aus dem Vater und dem Sohn [filioque] hervorgeht. Sie sagt das "erlaubtermaßen und vernünftigerweise" (K. v. Florenz 1439: DS 1302), denn gemäß der ewigen Ordnung der göttlichen Personen in ihrer wesensgleichen Gemeinschaft ist der Vater der erste Ursprung des Geistes als "Ursprung ohne Ursprung" (DS 1331), aber auch als Vater des eingeborenen Sohnes zusammen mit diesem das "eine Prinzip", aus dem der Heilige Geist hervorgeht (2. K. v. Lyon 1274: DS 850). Werden diese berechtigten, einander ergänzenden Sehweisen nicht einseitig überbetont, so wird die Identität des Glaubens an die Wirklichkeit des einen im Glauben bekannten Mysteriums nicht beeinträchtigt.





III Die heiligste Dreifaltigkeit in der Glaubenslehre





Die Bildung des Trinitätsdogmas



249 Die Offenbarungswahrheit der heiligen Dreifaltigkeit ist, vor allem aufgrund der Taufe, von Anfang an der Urgrund des lebendigen Glaubens der Kirche. Sie findet ihren Ausdruck in der Glaubensregel des Taufbekenntnisses, die in der Predigt, der Katechese und im Gebet der Kirche formuliert wird. Solche Formulierungen finden sich schon in den Schriften der Apostel, so der in die Eucharistiefeier übernommene Gruß: "Die Gnade Jesu Christi des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch" (2 Kor 13,13) [Vgl. 1 Kor 12, 4-6; Eph 4,4-6] (Vgl. dazu auch 683, 189).



250 Im Laufe der ersten Jahrhunderte suchte die Kirche ihren trinitarischen Glauben ausführlicher zu formulieren, um ihr Glaubensverständnis zu vertiefen und gegen entstellende Irrtümer zu verteidigen. Das war das Werk der ersten Konzilien, die durch die theologische Arbeit der Kirchenväter untermauert und durch den Glaubenssinn des christlichen Volkes gestützt wurden (Vgl. dazu auch 94).



251 Um das Trinitätsdogma zu formulieren, mußte die Kirche mit Hilfe von Begriffen aus der Philosophie - "Substanz", "Person" oder "Hypostase", "Beziehung" - eine geeignete Terminologie entwickeln. Dadurch unterwarf sie den Glauben nicht menschlicher Weisheit, sondern gab diesen Begriffen einen neuen, noch nicht dagewesenen Sinn, damit sie imstande wären, das unaussprechliche Mysterium auszudrücken, das "unendlich all das überragt, was wir auf menschliche Weise begreifen" (SPF 2) (Vgl. dazu auch 170).



252 Die Kirche verwendet den Begriff "Substanz" (zuweilen auch mit "Wesen" oder "Natur" wiedergegeben), um das göttliche Wesen in seiner Einheit zu bezeichnen; den Begriff "Person" oder "Hypostase", um den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist in ihrer realen Verschiedenheit voneinander zu bezeichnen; den Begriff "Beziehung", um zu sagen, daß ihre Verschiedenheit in ihren gegenseitigen Beziehungen liegt.





Das Dogma der heiligsten Dreifaltigkeit



253 Die Trinität ist eine. Wir bekennen nicht drei Götter, sondern einen einzigen Gott in drei Personen: die "wesensgleiche Dreifaltigkeit" (2. K. v. Konstantinopel 553: DS 421). Die göttlichen Personen teilen die einzige Gottheit nicht untereinander, sondern jede von ihnen ist voll und ganz Gott: "Der Vater ist dasselbe wie der Sohn, der Sohn dasselbe wie der Vater, der Vater und der Sohn dasselbe wie der Heilige Geist, nämlich von Natur ein Gott" (11. Syn. v. Toledo 675: DS 530). "Jede der drei Personen ist jene Wirklichkeit, das heißt göttliche Substanz, Wesenheit oder Natur" (4. K. im Lateran 1215: DS 804). (Vgl. dazu auch 2789, 590)



254 Die drei göttlichen Personen sind real voneinander verschieden. Der eine Gott ist nicht "gleichsam für sich allein" (Fides Damasi: DS 71). "Vater", "Sohn", "Heiliger Geist" sind nicht einfach Namen, welche Seinsweisen des göttlichen Wesens bezeichnen, denn sie sind real voneinander verschieden: "Der Vater ist nicht derselbe wie der Sohn, noch ist der Sohn derselbe wie der Vater, noch ist der Heilige Geist derselbe wie der Vater oder der Sohn" (11. Syn. v. Toledo 675: DS 530). Sie sind voneinander verschieden durch ihre Ursprungsbeziehungen: Es ist "der Vater, der zeugt, und der Sohn, der gezeugt wird, und der Heilige Geist, der hervorgeht" (4. K. im Lateran 1215:DS 804). Die göttliche Einheit ist dreieinig (Vgl. dazu auch 468, 689).



255 Die drei göttlichen Personen beziehen sich aufeinander. Weil die reale Verschiedenheit der Personen die göttliche Einheit nicht zerteilt, liegt sie einzig in den gegenseitigen Beziehungen: "Mit den Namen der Personen, die eine Beziehung ausdrücken, wird der Vater auf den Sohn, der Sohn auf den Vater und der Heilige Geist auf beide bezogen: Obwohl sie im Hinblick auf ihre Beziehung drei Personen genannt werden, sind sie, so unser Glaube, doch eine Natur oder Substanz" (11. Syn. v. Toledo 675: DS 528). In ihnen ist "alles ... eins, wo sich keine Gegensätzlichkeit der Beziehung entgegenstellt" (K. v. Florenz 1442: DS 1330). "Wegen dieser Einheit ist der Vater ganz im Sohn, ganz im Heiligen Geist; der Sohn ist ganz im Vater, ganz im Heiligen Geist; der Heilige Geist ist ganz im Vater, ganz im Sohn" (ebd.: DS 1331). (Vgl. dazu auch 240)



256 Den Katechumenen von Konstantinopel vertraut der hl. Gregor von Nazianz, den man auch den "Theologen" nennt, folgende Zusammenfassung des Trinitätsglaubens an (Vgl. dazu auch 236, 684):



"Bewahrt mir vor allem dieses gute Vermächtnis, für das ich lebe und kämpfe, mit dem ich sterben will und das mich alle Übel ertragen und alle Vergnügungen geringschätzen läßt: nämlich das Bekenntnis des Glaubens an den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist. Ich vertraue es euch heute an. In ihm werde ich euch in dieser Stunde ins Wasser tauchen und daraus herausheben. Ich gebe es euch zum Begleiter und Beschützer eures ganzen Lebens. Ich gebe euch eine einzige Gottheit und Macht, die als Eine in den Dreien existiert und die Drei auf je verschiedene Weise enthält. Eine Gottheit ohne Ungleichheit der Substanz oder Natur nach, ohne erhöhenden höheren Grad oder erniedrigenden niederen Grad ... Es ist die unendliche Naturgleichheit dreier Unendlicher. Gott als ganzer, jeder in sich selbst betrachtet ... Gott als die Drei, zusammen betrachtet ... Kaum habe ich begonnen, an die Einheit zu denken, und schon taucht die Dreifaltigkeit mich in ihren Glanz. Kaum habe ich begonnen, an die Dreifaltigkeit zu denken, und schon überwältigt mich wieder die Einheit" (or. 40,41) (Vgl. dazu auch 84).





IV Die Werke Gottes und die trinitarischen Sendungen



257 "O seliges Licht, Dreifaltigkeit und Ureinheit!" (LH, Hymnus "O lux beata, Trinitas"). Gott ist ewige Glückseligkeit, unsterbliches Leben, nie schwindendes Licht. Gott ist Liebe: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Aus freiem Willen will Gott die Herrlichkeit seines glückseligen Lebens mitteilen. Darin besteht der "gnädige Ratschluß" [Vgl. Eph 1,9], den er in seinem geliebten Sohn schon vor der Erschaffung der Welt gefaßt hat. Er hat uns ja "im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus" (Eph 1,5), das heißt "an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben" (Röm 8,29) dank dem "Geist -.., der ... zu Söhnen macht" (Röm 8,15). Dieser Plan ist eine "Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten ... geschenkt wurde" (2 Tim 1,9) und unmittelbar aus der trinitarischen Liebe hervorging. Er entfaltet sich im Schöpfungswerk, in der ganzen Heilsgeschichte nach dem Sündenfall, in den Sendungen des Sohnes und des Geistes, die in der Sendung der Kirche weitergeführt werden [Vgl. AG 2-9] (Vgl. dazu auch 221, 758, 292, 850).



258 Die gesamte göttliche Ökonomie ist das gemeinsame Werk der drei göttlichen Personen. So wie die Dreifaltigkeit ein und dieselbe Natur hat, so hat sie auch nur ein und dasselbe Wirken [Vgl. 2. K. v. Konstantinopel 553: DS 421]. "Der Vater und der Sohn und der Heilige Geist sind nicht drei Ursprünge der Schöpfung, sondern ein Ursprung" (K. v. Florenz 1442: DS 1331). Und doch wirkt jede göttliche Person das gemeinsame Werk gemäß ihrer persönlichen Besonderheit. Im Anschluß an das Neue Testament [Vgl. 1 Kor 8,6] bekennt die Kirche: Es ist "ein Gott und Vater, aus dem alles, ein Herr Jesus Christus, durch den alles, und ein Heiliger Geist, in dem alles" ist (2. K. v. Konstantinopel 553: DS 421). Vor allem die göttlichen Sendungen der Menschwerdung und der Spendung des Heiligen Geistes lassen die Eigenarten der göttlichen Personen zutage treten (Vgl. dazu auch 236, 686).



259 Als zugleich gemeinsames und persönliches Werk läßt die göttliche Ökonomie sowohl die Eigenart der göttlichen Personen als auch ihre einzige Natur erkennen. Darum steht das ganze christliche Leben in Gemeinschaft mit jeder der göttlichen Personen, ohne sie irgendwie zu trennen. Wer den Vater preist, tut es durch den Sohn im Heiligen Geist; wer Christus nachfolgt, tut es, weil der Vater ihn zieht [Vgl. Joh 6,44] und der Geist ihn bewegt [Vgl. Röm 8,14] (Vgl. dazu auch 236).



260 Das letzte Ziel der ganzen göttlichen Ökonomie ist die Aufnahme der Geschöpfe in die vollständige Vereinigung mit der glückseligen Trinität [Vgl. Joh 17, 21-23]. Aber schon jetzt sind wir dazu berufen, eine Wohnstätte der heiligsten Dreifaltigkeit zu sein. Der Herr sagt: "Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen" (Joh 14,23) (Vgl. dazu auch 1050, 1721, 1997).



"O mein Gott, Dreifaltiger, den ich anbete, hilf mir, mich ganz zu vergessen, um in dir, begründet zu sein, unbewegt und friedvoll, als weilte meine Seele schon in der Ewigkeit. Nichts vermöge meinen Frieden zu stören, mich herauszulocken aus dir, o mein Wandelloser; jeder Augenblick trage mich tiefer hinein in deines Geheimnisses Grund! Stille meine Seele, bilde deinen Himmel aus ihr, deine geliebte Bleibe und den Ort deiner Ruhe. Nie will ich dort dich alleinlassen, sondern als ganze anwesend sein, ganz wach im Glauben, ganz Anbetung, ganz Hingabe an dein erschaffendes Wirken ..."

(Elisabeth von der Dreifaltigkeit, Gebet) (Vgl. dazu auch 2565).







KURZTEXTE





261 Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit ist das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens. Einzig Gott kann uns von ihm Kenntnis geben, indem er sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart.



262 Die Menschwerdung des Sohnes Gottes offenbart, daß Gott der ewige Vater und daß der Sohn eines Wesen mit dem Vater ist, das heißt, daß er in ihm und mit ihm der einzige Gott ist.



263 Die Sendung des Heiligen Geistes, der vom Vater im Namen des Sohnes [Vgl. Joh 14,26] und vom Sohn "vom Vater aus" (Joh 15,26) gesandt wird, offenbart, daß er zusammen mit ihnen der gleiche einzige Gott ist. Er wird "mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht".



264 "Der Heilige Geist geht vom Vater als dem ersten Ursprung aus und da dieser es ohne zeitlichen Abstand [auch] dem Sohn schenkt, vom Vater und vom Sohn gemeinsam" (Augustinus, Trin. 15, 26, 47).



265 Durch die Gnade der Taufe "im Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes" sind wir dazu berufen, am Leben der glückseligen Dreifaltigkeit teilzuhaben, hier auf Erden im Dunkel des Glaubens und jenseits des Todes im ewigen Licht [Vgl. SPF 9].



266 "Der katholische Glaube ... besteht darin, daß wir den einen Gott in der Dreifaltigkeit in der Einheit verehren, indem wir weder die Personen vermischen noch die Substanz trennen: Eine andere nämlich ist die Person des Vaters, eine andere die [Person] des Sohnes, eine andere die [Person] des Heiligen Geistes; aber Vater, Sohn und Heiliger Geist besitzen eine Gottheit, gleiche Herrlichkeit, gleich ewige Erhabenheit" (Symbolum "Quicumque": DS 75).



267 Unzertrennlich in dem, was sie sind, sind die göttlichen Personen auch unzertrennlich in dem, was sie tun. Doch im gemeinsamen göttlichen Handeln äußert jede Person der Trinität ihre Eingenart, vor allem in den göttlichen Sendungen der Menschwerdung des Sohnes und der Gabe des Heiligen Geistes.













ABSATZ 3 DER ALLMÄCHTIGE



268 Von den Attributen Gottes wird im Symbolum einzig die Allmacht angeführt; sie zu bekennen, ist für unser Leben von großer Bedeutung. Wir glauben, daß sie sich auf alles erstreckt, denn Gott, der alles erschaffen hat [Vgl. Gen 1,1; Joh 1,3], lenkt alles und vermag alles. Wir glauben auch, daß sie liebend ist, denn Gott ist unser Vater [Vgl. Mt 6,9] ferner, daß sie geheimnisvoll ist, denn einzig der Glaube vermag sie auch dann wahrzunehmen, wenn sie "ihre Kraft in der Schwachheit" erweist (2 Kor 12,9) [Vgl. 1 Kor 1,18]. (Vgl. dazu auch 222)





"Alles, was ihm gefällt, das vollbringt er"



269 Die Heiligen Schriften bekennen wiederholt, daß sich die Macht Gottes auf alles erstreckt. Sie nennen ihn den "Starken Jakobs" [Vgl. Jes 1,24], den "Herrn der Heerscharen" (Ps 24, 10), "stark und gewaltig" (Ps 24,8). Gott ist "im Himmel" und "auf der Erde" allmächtig (Ps 135,6), denn er hat sie erschaffen. Für ihn ist darum "nichts unmöglich" [Vgl. Jer 32,17; Lk 1,37], und er waltet über sein Werk nach seinem Ermessen [Vgl. Jer 27,5]. Er ist der Herr des Alls, dessen Ordnung er festgesetzt hat und das ihm gänzlich untersteht und gehorcht; er ist der Herr der Geschichte; er lenkt die Herzen und die Geschehnisse nach seinem Willen [Vgl. Est 4,17 b; Spr 21,1; Tob 13,2]: "Du bist immer imstande, deine große Macht zu entfalten. Wer könnte der Kraft deines Arms widerstehen?" (Weish 11,21). (Vgl. dazu auch 303)





"Du hast mit allen Erbarmen, weil du alles vermagst"



270 Gott ist der allmächtige Vater. Seine Vaterschaft und seine Macht erhellen sich gegenseitig. Er zeigt ja seine väterliche Allmacht dadurch, daß er für uns sorgt [Vgl. Mt 6,32], daß er uns als seine Kinder annimmt (ich will "euer Vater sein, und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Herrscher über die ganze Schöpfung": 2 Kor 6,18); er zeigt seine Allmacht auch durch sein unendliches Erbarmen, denn er erweist sie vor allem dadurch, daß er uns aus freien Stücken die Sünden vergibt. (Vgl. dazu auch 2777, 1441)



271 Die göttliche Allmacht ist keineswegs Willkür: "In Gott ist Macht und Wesenheit und Wille und Verstand und Weisheit und Gerechtigkeit dasselbe. Daher kann nichts in Gottes Macht stehen, was nicht auch in seinem gerechten Willen und in seinem weisen Verstande sein kann" (Thomas v. A., s. th. 1,25,5, ad 1).







Das Mysterium der scheinbaren Ohnmacht Gottes



272 Durch die Erfahrung des Bösen und des Leides kann der Glaube an den allmächtigen Vater auf eine harte Probe gestellt werden. Zuweilen erscheint Gott abwesend und nicht imstande, Schlimmes zu verhüten. Nun aber hat Gott der Vater seine Allmacht auf geheimnisvollste Weise in der freiwilligen Erniedrigung und in der Auferstehung seines Sohnes gezeigt, durch die er das Böse besiegt hat. Somit ist der gekreuzigte Christus "Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen" (1 Kor 1,24-25). In der Auferweckung und Erhöhung Christi hat der Vater "das Wirken seiner Kraft und Stärke" entfaltet und zeigt, "wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist" (Eph 1,19) (Vgl. dazu auch 309, 412, 609, 648).



273 Einzig der Glaube kann den geheimnisvollen Wegen der Allmacht Gottes zustimmen. Dieser Glaube rühmt sich der Schwachheiten und zieht so die Kraft Christi auf sich [Vgl. 2 Kor 12,9; Phil 4,13]. Das leuchtendste Beispiel dieses Glaubens ist die Jungfrau Maria. Sie glaubte, daß "für Gott ... nichts unmöglich" ist (Lk 1,37), und konnte den Herrn lobpreisen: "Der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig" (Lk 1,49) (Vgl. dazu auch 148).



274 "Nichts vermag daher unseren Glauben und unsere Hoffnung so zu bestärken als wenn wir es in unseren Herzen verankert tragen, daß Gott alles vermag. Was darüber hinaus zu glauben ist - so groß, so wunderbar, so sehr es auch alle Ordnung und alles Maß der Dinge übertrifft - dem wird die menschliche Vernunft leicht und ohne jedes Zögern zustimmen, wenn sie die Kunde vom allmächtigen Gott erfaßt hat" (Catech. R. 1,2,13) (Vgl. dazu auch 1814, 1817, 2119).







KURZTEXTE





275 Mit Ijob, dem Gerechten, bekennen wir: "Ich hab' erkannt, daß du alles vermagst; kein Vorhaben ist dir verwehrt" (Ijob 42,2).



276 Treu dem Zeugnis der Schrift richtet die Kirche ihr Gebet oft an den "allmächtigen, ewigen Gott" [omnipotens sempiterne Deus..], denn sie glaubt fest, daß für Gott nichts unmöglich ist [Vgl. Gen 18, 14; Lk 1,37; Mt 19,26].



277 Gott zeigt seine Allmacht darin, daß er uns von unseren Sünden bekehrt und durch die Gnade wieder zu seinen Freunden macht ("Gott, du offenbarst deine Macht vor allem im Erbarmen und im Verschonen": MR, Tagesgebet, 26. Sonntag).



278 Wie sollen wir glauben, daß der Vater uns erschaffen, der Sohn uns erlösen, der Heilige Geist uns heiligen kann, ohne zu glauben, daß die Liebe Gottes allmächtig ist?

















ABSATZ 4 DER SCHÖPFER





279 "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" (Gen 1,1). Mit diesen feierlichen Worten beginnt die Heilige Schrift. Das Glaubensbekenntnis übernimmt diese Worte, indem es Gott, den Vater, den Allmächtigen, als den "Schöpfer des Himmels und der Erde" bekennt, "der die sichtbare und die unsichtbare Welt" geschaffen hat. Wir werden zunächst über den Schöpfer, dann über die Schöpfung und schließlich über den Sündenfall sprechen, von dem Jesus Christus, der Sohn Gottes, uns durch sein Kommen wieder aufgerichtet hat.



280 Die Schöpfung ist "der Beginn der Heilsökonomie", "der Anfang der Heilsgeschichte" (DCG 51), die in Christus gipfelt. Umgekehrt ist das Christusmysterium die entscheidende Erhellung des Schöpfungsmysteriums; es enthüllt das Ziel, auf das hin Gott "im Anfang ... Himmel und Erde" schuf (Gen 1,1). Schon von Anfang an hatte Gott die Herrlichkeit der Neuschöpfung in Christus vor Augen [Vgl. Röm 8,18-23] (Vgl. dazu auch 288, 1043).



281 Aus diesem Grund beginnen die Lesungen der Osternacht, der Feier der Neuschöpfung in Christus, mit dem Schöpfungsbericht. Desgleichen bildet in der byzantinischen Liturgie der Schöpfungsbericht stets die erste Lesung der Vigilien der Hochfeste des Herrn. Nach dem Zeugnis der frühen Christenheit folgt die Belehrung der Katechumenen über die Taufe dem gleichen Weg von der Schöpfung zur Neuschöpfung [Vgl. Egeria, pereg. 46; Augustinus, catech. 3,5] (Vgl. dazu auch 1095).





I Die Katechese über die Schöpfung



282 Die Katechese über die Schöpfung ist entscheidend wichtig. Sie betrifft ja die Grundlagen des menschlichen und des christlichen Lebens, denn sie formuliert die Antwort des christlichen Glaubens auf die Grundfragen, die sich die Menschen aller Zeiten gestellt haben: "Woher kommen wir?", "wohin gehen wir?", "woher stammen wir?", "wozu sind wir da?", "woher kommt alles, was da ist, und wohin ist es unterwegs?" Die beiden Fragen, die nach dem Ursprung und die nach dem Ziel, lassen sich nicht voneinander trennen. Sie sind für den Sinn und die Ausrichtung unseres Lebens und Handelns entscheidend. (Vgl. dazu auch 1730)



283 Die Frage nach den Ursprüngen der Welt und des Menschen ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Forschungen, die unsere Kenntnis über das Alter und die Ausmaße des Universums, über das Werden der Lebensformen und das Auftreten des Menschen unerhört bereichert haben. Diese Entdeckungen sollten uns anregen, erst recht die Größe des Schöpfers zu bewundern, ihm für all seine Werke und für die Einsicht und Weisheit zu danken, die er den Gelehrten und Forschern gibt. Mit Salomo können diese sagen: "Er verlieh mir untrügliche Kenntnis der Dinge, so daß ich den Aufbau der Welt und das Wirken der Elemente verstehe ..., denn es lehrte mich die Weisheit, die Meisterin aller Dinge" (Weish 7,17.21) (Vgl. dazu auch 159, 341).



284 Das große Interesse für diese Forschungen wird stark angespornt durch eine Frage anderer Ordnung, die über das eigentliche Feld der Naturwissenschaften hinausgeht. Es handelt sich nicht bloß um die Frage, wann und wie der Kosmos materiell entstanden und der Mensch aufgetreten ist, sondern es geht um den Sinn dieses Werdens: ob es durch Zufall, durch ein blindes Schicksal, eine namenlose Notwendigkeit bestimmt wird oder aber von einem intelligenten und guten höheren Wesen, das wir Gott nennen. Und wenn die Welt aus der Weisheit und Güte Gottes stammt, warum dann das Übel? Woher kommt es? Wer ist dafür verantwortlich? Und gibt es eine Befreiung von ihm?



285 Von Anfang an standen dem christlichen Glauben in der Frage nach den Ursprüngen Antworten gegenüber, die anders lauteten als die christliche Antwort. In den alten Religionen und Kulturen finden sich zahlreiche Mythen über die Ursprünge der Welt. Gewisse Philosophen sagten, alles sei Gott; die Welt sei Gott oder das Werden der Welt sei das Werden Gottes (Pantheismus). Andere sagten, die Welt sei ein notwendiger Ausfluß Gottes; sie entströme ihm und münde wieder in ihn. Wieder andere behaupteten, es gebe zwei ewige Prinzipien, das Gute und das Böse, das Licht und die Finsternis; diese würden beständig miteinander ringen (Dualismus; Manichäismus). Nach gewissen Auffassungen wäre die Welt (zumindest die materielle Welt) schlecht, eine Verfallserscheinung, und somit zurückzuweisen oder hinter sich zu lassen (Gnosis). Andere geben zwar zu, daß die Welt von Gott geschaffen ist, aber wie von einem Uhrmacher, der sie nach ihrer Herstellung sich selbst überlassen habe (Deismus). Andere schließlich anerkennen keinen höheren Ursprung der Welt, sondern erblicken in ihr bloß das Spiel einer Materie, die schon immer existiert habe (Materialismus). Alle diese Lösungsversuche zeugen davon, daß die Frage nach den Ursprüngen dauernd und überall gestellt wird. Dieses Suchen ist dem Menschen eigen (Vgl. dazu auch 295, 28).



286 Gewiß kann schon der menschliche Verstand eine Antwort auf die Frage nach den Ursprüngen finden. Das Dasein eines Schöpfergottes läßt sich dank dem Licht der menschlichen Vernunft aus seinen Werken mit Gewißheit erkennen [Vgl. DS 3026], wenn auch diese Erkenntnis oft durch Irrtum verdunkelt und entstellt wird. Darum bestärkt und erhellt der Glaube die Vernunft, damit sie diese Wahrheit richtig versteht: "Aufgrund des Glaubens erkennen wir, daß die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und daß so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist" (Hebr 11,3) (Vgl. dazu auch 32, 37).



287 Die Wahrheit von der Schöpfung ist für das ganze menschliche Leben so wichtig, daß Gott in seiner Güte seinem Volk alles offenbaren wollte, was hierüber zu wissen für das Heil bedeutsam ist. Über die jedem Menschen mögliche natürliche Erkenntnis des Schöpfers [Vgl. Apg 17,24-29; Röm 1,19-20] hinaus hat Gott dem Volk Israel nach und nach das Mysterium der Schöpfung geoffenbart. Er, der die Patriarchen berufen, das von ihm erwählte Volk Israel aus Ägypten herausgeführt, geschaffen und geformt hat [Vgl. Jes 43,1], offenbart sich als der, dem alle Völker der Erde und die ganze Welt gehören, als der, der ganz allein "Himmel und Erde gemacht hat" (Ps 115,15; 124,8; 134,3) (Vgl. dazu auch 107).



288 Somit läßt sich die Offenbarung der Schöpfung nicht trennen von der Offenbarung und Verwirklichung des Bundes, den Gott, der Einzige, mit seinem Volk geschlossen hat. Die Schöpfung wird geoffenbart als der erste Schritt zu diesem Bund, als das erste, universale Zeugnis der allmächtigen Liebe Gottes [Vgl. Gen 15,5; Jer 33,19-26]. Die Wahrheit von der Schöpfung kommt auch in der Botschaft der Propheten [Vgl. Jes 44,24], im Gebet der Psalmen [Vgl. Ps 104] und der Liturgie sowie in den Weisheitssprüchen [Vgl. Spr 8, 22-31] des auserwählten Volkes immer stärker zum Ausdruck (Vgl. dazu auch 280, 2569).



289 Unter allen Aussagen der Heiligen Schrift über die Schöpfung nehmen die drei ersten Kapitel des Buches Genesis einen einzigartigen Platz ein. Literarisch können diese Texte verschiedene Quellen haben. Die inspirierten Autoren haben sie an den Anfang der Schrift gestellt. In ihrer feierlichen Sprache bringen sie so die Wahrheit über die Schöpfung, deren Ursprung und Ziel in Gott, deren Ordnung und Gutsein, über die Berufung des Menschen und schließlich über das Drama der Sünde und über die Hoffnung auf Heil zum Ausdruck. Im Lichte Christi, in der Einheit der Heiligen Schrift und in der lebendigen Überlieferung der Kirche gelesen, bleiben diese Aussagen die Hauptquelle für die Katechese über die Mysterien des "Anfangs": Schöpfung, Sündenfall, Heilsverheißung (Vgl. dazu auch 390, 111).





II Die Schöpfung - Werk der heiligsten Dreifaltigkeit



290 "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" (Gen 1,1). Drei Dinge werden in diesen ersten Worten der Schrift ausgesagt: Der ewige Gott hat alles, was außer ihm existiert, ins Dasein gerufen; er allein ist Schöpfer (das Zeitwort "erschaffen" [hebr. "bara"] hat stets Gott zum Subjekt); alles, was existiert - "Himmel und Erde" -, hängt von Gott ab, der das Dasein gibt (Vgl. dazu auch 326).



291 "Im Anfang war das Wort ... und das Wort war Gott ... Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist" (Joh 1,1-3). Das Neue Testament offenbart, daß Gott alles durch das ewige Wort, seinen geliebten Sohn, erschaffen hat. "In ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden ... alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand" (Kol 1,16-17). Der Glaube der Kirche bezeugt auch das Schöpferwirken des Heligen Geistes: Dieser ist der, der "lebendig macht" (Credo von Nizäa-Konstantinopel), der "Schöpfergeist" ("Veni, Creator Spiritus": LH, Hymnus), der "Quell alles Guten" (Byzantinische Liturgie, Tropar der Pfingstvesper) (Vgl. dazu auch 241, 331, 703).



292 Die unzertrennliche Einheit des Schöpferwirkens des Sohnes und des Geistes mit dem des Vaters wird im Alten Testament angedeutet [Vgl. Ps 33,6; 104,30; Gen 1,2-3], im Neuen Bund geoffenbart, in der Glaubensregel der Kirche schließlich klar ausgesprochen: "Nur einer ist Gott und Schöpfer ... er ist der Vater, er ist Gott, er der Schöpfer, der Urheber, der Bildner, der durch sich selbst, das heißt durch sein Wort und seine Weisheit ... alles gemacht hat" (Irenäus, hær. 2,30,9), "durch den Sohn und den Geist", die gleichsam "seine Hände" sind (ebd., 4,20,1). Die Schöpfung ist das gemeinsame Werk der heiligsten Dreifaltigkeit (Vgl. dazu auch 699, 257).





III "Die Welt ist zur Ehre Gottes geschaffen"



293 Die Schrift und die Überlieferung lehren und preisen stets die Grundwahrheit: "Die Welt ist zur Ehre Gottes geschaffen" (1. Vatikanisches K.: DS 3025). Wie der hl. Bonaventura erklärt, hat Gott alles erschaffen "nicht um seine Herrlichkeit zu mehren, sondern um seine Herrlichkeit zu bekunden und mitzuteilen" (sent. 2,1,2,2,1). Gott hat nämlich keinen anderen Grund zum Erschaffen als seine Liebe und Güte: "Die Geschöpfe gingen aus der mit dem Schlüssel der Liebe geöffneten Hand [Gottes] hervor" (Thomas v. A., sent. 2, prol.). Und das Erste Vatikanische Konzil erklärt (Vgl. dazu auch 337, 344, 1361):



"Dieser alleinige wahre Gott hat in seiner Güte und ,allmächtigen Kraft' - nicht um seine Seligkeit zu vermehren, noch um [Vollkommenheit] zu erwerben, sondern um seine Vollkommenheit zu offenbaren durch die Güter, die er den Geschöpfen gewährt - aus völlig freiem Entschluß ,von Anfang der Zeit an aus nichts zugleich beide Schöpfungen geschaffen, die geistige und die körperliche"' (DS 3002) (Vgl. dazu auch 759).



294 Gottes Ehre ist es, daß sich seine Güte zeigt und mitteilt. Dazu ist die Welt geschaffen. "Er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen, zum Lob seiner herrlichen Gnade" (Eph 1,5-6). "Denn Gottes Ruhm ist der lebendige Mensch; das Leben des Menschen aber ist die Anschauung Gottes. Wenn ja schon die Offenbarung Gottes durch die Schöpfung allen, die auf Erden leben, das Leben verleiht, wieviel mehr muß dann die Kundgabe des Vaters durch das Wort denen, die Gott schauen, Leben verleihen" (Irenäus, hær. 4,20,7). Das letzte Ziel der Schöpfung ist es, daß Gott "der Schöpfer von allem, endlich ,alles in allem' (1 Kor 15,28) sein wird, indem er zugleich seine Herrlichkeit und unsere Seligkeit bewirkt" (AG 2) (Vgl. dazu auch 2809, 1722, 1992).







IV Das Mysterium der Schöpfung





Gott erschafft in Weisheit und Liebe



295 Wir glauben, daß Gott die Welt nach seiner Weisheit erschaffen hat [Vgl. Weish 9,9]. Sie ist nicht das Ergebnis irgendeiner Notwendigkeit, eines blinden Schicksals oder des Zufalls. Wir glauben, daß sie aus dem freien Willen Gottes hervorgeht, der die Geschöpfe an seinem Sein, seiner Weisheit und Güte teilhaben lassen wollte: "Denn du bist es, der die Welt erschaffen hat, durch deinen Willen war sie und wurde sie erschaffen" (Offb 4,11). "Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht" (Ps 104,24). "Der Herr ist gütig zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken" (Ps 145,9) (Vgl. dazu auch 216, 1951).





Gott erschafft "aus nichts"



296 Wir glauben, daß Gott zum Erschaffen nichts schon vorher Existierendes und keinerlei Hilfe benötigt [Vgl. 1. Vatikanisches K.: DS 3022]. Die Schöpfung ist auch nicht zwangsläufig aus der göttlichen Substanz ausgeflossen [Vgl. 1. Vatikanisches K.: OS 3023-3024]. Gott erschafft in Freiheit "aus nichts" (DS 800; 3025) (Vgl. dazu auch 285).



"Falls Gott die Welt aus einem schon vorher existierenden Stoff gezogen hätte, was wäre dann dabei außerordentlich? Wenn man einem menschlichen Handwerker das Material gibt, macht er daraus alles, was er will. Die Macht Gottes hingegen zeigt sich gerade darin, daß er vom Nichts ausgeht, um alles zu machen, was er will" (Theophil v. Antiochien, Autol. 2,4).



297 Der Glaube an die Schöpfung "aus nichts" wird in der Schrift als eine verheißungs- und hoffnungsvolle Wahrheit bezeugt. So ermutigt im zweiten Buch der Makkabäer eine Mutter ihre sieben Söhne zum Martyrium mit den Worten (Vgl. dazu auch 338):



"Ich weiß nicht, wie ihr in meinem Leib entstanden seid, noch habe ich euch Atem und Leben geschenkt; auch habe ich keinen von euch aus den Grundstoffen zusammengefügt. Nein, der Schöpfer der Welt hat den werdenden Menschen geformt, als er entstand; er kennt die Entstehung aller Dinge. Er gibt euch gnädig Atem und Leben wieder, weil ihr jetzt um seiner Gesetze willen nicht auf euch achtet ... Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt, und erkenne: Gott hat das aus dem Nichts erschaffen, und so entstehen auch die Menschen" (2 Makk 7,22-23.28).



298 Weil Gott aus nichts erschaffen kann, kann er durch den Heiligen Geist Sündern das Leben der Seele schenken, indem er in ihnen ein reines Herz erschafft [Vgl. Ps 51,12], und den Verstorbenen das Leben des Leibes, indem er diesen auferweckt, denn er ist der "Gott, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft" (Röm 4,17). Und da er imstande war, durch sein Wort aus dem Dunkel das Licht erstrahlen zu lassen [Vgl. Gen 1,3], kann er auch denen, die ihn nicht kennen, das Licht des Glaubens schenken [Vgl. 2 Kor 4,6] (Vgl. dazu auch 1375, 992).





Gott erschafft eine geordnete und gute Welt



299 Weil Gott mit Weisheit erschafft, ist die Schöpfung geordnet: "Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet" (Weish 11,20). Im ewigen Wort und durch das ewige Wort, "das Ebenbild des unsichtbaren Gottes" (Kol 1,15), ist die Schöpfung erschaffen. Für den Menschen, der nach Gottes Bild ist [Vgl. Gen 1,26], ist sie bestimmt; an ihn, der zu einer persönlichen Beziehung zu Gott berufen ist, richtet sie sich. Was uns Gott durch seine Schöpfung sagt [Vgl. Ps 19,2-5], kann unser Verstand, der am Licht des göttlichen Verstandes teilhat, vernehmen, allerdings nicht ohne große Mühe und nur in einer demütigen, ehrfürchtigen Haltung gegenüber dem Schöpfer und seinem Werk [Vgl. Ijob 42,3]. Weil die Schöpfung aus der göttlichen Güte hervorgegangen ist, hat sie an dieser Güte teil ["Gott sah, daß es gut war..., sehr gut": Gen 1,4.10.12.18.21.31]. Die Schöpfung ist von Gott gewollt als ein Geschenk an den Menschen, als ein Erbe, das für ihn bestimmt und ihm anvertraut ist. Die Kirche mußte wiederholt dafür einstehen, daß die Schöpfung, einschließlich der materiellen Welt, gut ist [Vgl. DS 286; 455-463; 800; 1333; 3002] (Vgl. dazu auch 339, 41, 1147, 358, 2415).



Gott ist über die Schöpfung erhaben und in ihr zugegen



300 Gott ist unendlich größer als all seine Werke [Vgl. Sir 43,28]. "Über den Himmel breitest du deine Hoheit aus" (Ps 8,2); "seine Größe ist unerforschlich" (Ps 145,3). Doch weil er der erhabene, freie Schöpfer, die Erstursache von allem ist, was existiert, ist er im Innersten seiner Geschöpfe zugegen: "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17,28). Nach dem hl. Augustinus ist Gott "höher als mein Höchstes und innerlicher als mein Innerstes" (conf. 3,6,11) (Vgl. dazu auch 42, 223).





Gott erhält und trägt die Schöpfung



301 Nach der Schöpfung überläßt Gott sein Geschöpf nicht einfach sich selbst. Er gibt ihm nicht nur das Sein und das Dasein, sondern er erhält es auch in jedem Augenblick im Sein, gibt ihm die Möglichkeit zu wirken und bringt es an sein Ziel. Diese völlige Abhängigkeit vom Schöpfer zu erkennen, fuhrt zu Weisheit und Freiheit, zu Freude und Vertrauen (Vgl. dazu auch 396, 1951).



"Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehaßt, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist' Herr, du Freund des Lebens" (Weish 11,24-26).





V Gott verwirklicht seinen Plan: die göttliche Vorsehung



302 Die Schöpfung hat ihre eigene Güte und Vollkommenheit. Sie ging jedoch aus den Händen des Schöpfers nicht ganz fertig hervor. Sie ist so geschaffen, daß sie noch "auf dem Weg" [in statu viæ] zu einer erst zu erreichenden letzten Vollkommenheit ist, die Gott ihr zugedacht hat. Wir nennen die Fügungen, durch die Gott seine Schöpfung dieser Vollendung entgegenführt, die "göttliche Vorsehung".



"Alles, was er geschaffen hat, schützt und lenkt Gott durch seine Vorsehung, ,sich kraftvoll von einem Ende bis zum anderen erstreckend und alles milde ordnend' (Weish 8,1). ,Alles nämlich ist nackt und bloß vor seinen Augen' (Hebr 4,13), auch das, was durch die freie Tat der Geschöpfe geschehen wird" (1. Vatikanisches K.: DS 3003).



303 Das Zeugnis der Schrift lautet einstimmig: Die Fürsorge der Vorsehung ist konkret und unmittelbar; sie kümmert sich um alles, von den geringsten Kleinigkeiten bis zu den großen weitgeschichtlichen Ereignissen. Die heiligen Bücher bekräftigen entschieden die absolute Souveränität Gottes im Lauf der Ereignisse: "Unser Gott ist im Himmel; alles, was ihm gefällt, das vollbringt er" (Ps 115,3). Und Christus ist der, "der öffnet, so daß niemand mehr schließen kann, der schließt, so daß niemand mehr öffnen kann" (Offb 3,7). "Viele Pläne faßt das Herz des Menschen, doch nur der Ratschluß des Herrn hat Bestand" (Spr 19,21) (Vgl. dazu auch 269).



304 So schreibt der Heilige Geist, der Hauptautor der Heiligen Schrift, Taten oft Gott zu, ohne Zweitursachen zu erwähnen. Das ist nicht eine primitive Redeweise, sondern eine tiefsinnige Art, an den Vorrang Gottes und seine absolute Herrschaft über die Geschichte und die Welt zu erinnern [Vgl. Jes 10,5-15; 45,5-7; Dtn 32,39; Sir 11,14] und so zum Vertrauen auf ihn zu erziehen. Das Psalmengebet ist die große Schule dieses Vertrauens [Vgl. z. B. Ps 22; 32; 35; 103; 138] (Vgl. dazu auch 2589).



305 Jesus verlangt eine kindliche Hingabe an die Vorsehung des himmlischen Vaters, der sich um die geringsten Bedürfnisse seiner Kinder kümmert: "Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? ... Euer himmlischer Vater weiß, daß ihr das alles braucht. Euch aber muß es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben" (Mt 6,31-33) [Vgl. Mt 10, 29-31] (Vgl. dazu auch 2115).





Die Vorsehung und die Zweitursachen



306 Gott ist souverän Herr über seinen Ratschluß. Aber um ihn auszuführen, bedient er sich auch der Mitwirkung der Geschöpfe. Das ist nicht ein Zeichen von Schwäche, sondern der Größe und Güte Gottes. Denn Gott gibt seinen Geschöpfen nicht nur das Dasein, sondern auch die Würde, selbst zu handeln, Ursache und Ursprung voneinander zu sein und so an der Ausführung seines Ratschlusses mitzuarbeiten (Vgl. dazu auch 1884, 1951).



307 Den Menschen gewährt Gott sogar die Möglichkeit, in Freiheit an seiner Vorsehung teilzunehmen, indem er ihnen die Verantwortung anvertraut, sich die Erde zu "unterwerfen" und über sie zu herrschen [Vgl. Gen 1,26-28]. Gott ermöglicht so den Menschen, vernünftige, freie Ursachen zu sein, um das Schöpfungswerk zu vervollständigen und zu ihrem und der Mitmenschen Wohl seine Harmonie zu vervollkommnen. Die Menschen sind oft unbewußt Mitarbeiter Gottes, können jedoch auch bewußt auf den göttlichen Plan eingehen durch ihre Taten, ihre Gebete, aber auch durch ihre Leiden [Vgl. Kol 1,24]. Dadurch werden sie voll und ganz "Mitarbeiter Gottes" (1 Kor 3,9; 1 Thess 3,2) und seines Reiches [Vgl. Kol 4,11] (Vgl. dazu auch 106, 373, 1954, 2427, 2738, 618, 1505).



308 Vom Glauben an Gott den Schöpfer läßt sich somit die Wahrheit nicht trennen, daß in jedem Tun seiner Geschöpfe Gott tätig ist. Er ist die Erstursache, die in und durch die Zweitursachen wirkt. "Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, nach seinem Wohlgefallen" (Phil 2, 13) [Vgl. 1 Kor 12,6]. Diese Wahrheit beeinträchtigt die Würde des Geschöpfes keineswegs, sondern erhöht sie. Durch die Macht, Weisheit und Güte Gottes aus dem Nichts gehoben, vermag das Geschaffene nichts, wenn es von seinem Ursprung abgeschnitten ist, denn "das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts" (GS 36,3). Erst recht kann es ohne die Hilfe der Gnade sein letztes Ziel nicht erreichen [Vgl. Mt 19,26; Joh 15,5; Phil 4, 13] (Vgl. dazu auch 970).





Die Vorsehung und das Ärgernis des Bösen



309 Wenn doch Gott, der allmächtige Vater, der Schöpfer einer geordneten und guten Welt, sich aller seiner Geschöpfe annimmt, warum gibt es dann das Böse? Jede vorschnelle Antwort auf diese ebenso bedrängende wie unvermeidliche, ebenso schmerzliche wie geheimnisvolle Frage wird unbefriedigt lassen. Der christliche Glaube als ganzer ist die Antwort auf diese Frage: Das Gutsein der Schöpfung, das Drama der Sünde, die geduldige Liebe Gottes, der dem Menschen entgegenkommt. Er tut dies durch seine Bundesschlüsse, durch die erlösende Menschwerdung seines Sohnes und die Gabe des Geistes; er tut es durch das Versammeln der Kirche und die Kraft der Sakramente; er tut es schließlich durch die Berufung zu einem glückseligen Leben. Die freien Geschöpfe sind im voraus eingeladen, diese Berufung anzunehmen. Sie können diese aber auch - ein erschreckendes Mysterium - im voraus ausschlagen. Es gibt kein Element der christlichen Botschaft, das nicht auch Antwort auf das Problem des Bösen wäre (Vgl. dazu auch 164, 385, 2850).



310 Warum aber hat Gott nicht eine so vollkommene Welt erschaffen, daß es darin nichts Böses geben könnte? In seiner unendlichen Macht könnte Gott stets etwas Besseres schaffen [Vgl. Thomas v. A., s. th. 1,25,6]. In seiner unendlichen Weisheit und Güte jedoch wollte Gott aus freiem Entschluß eine Welt erschaffen, die "auf dem Weg" zu ihrer letzten Vollkommenheit ist. Dieses Werden bringt nach Gottes Plan mit dem Erscheinen gewisser Daseinsformen das Verschwinden anderer, mit dem Vollkommenen auch weniger Vollkommenes mit sich, mit dem Aufbau auch den Abbau in der Natur. Solange die Schöpfung noch nicht zur Vollendung gelangt ist, gibt es mit dem physisch Guten folglich auch das physische Übel [Vgl. Thomas v. A., s. gent. 3,71] (Vgl. dazu auch 412, 1042-1050, 342).



311 Die Engel und die Menschen, intelligente und freie Geschöpfe, müssen ihrer letzten Bestimmung aus freier Wahl entgegengehen und ihr aus Liebe den Vorzug geben. Sie können darum auch vom Weg abirren und sie haben auch tatsächlich gesündigt. So ist das moralische Übel in die Welt gekommen, das unvergleichlich schlimmer ist als das physische Übel. Gott ist auf keine Weise, weder direkt noch indirekt, die Ursache des moralischen Übels [Vgl. Augustinus, lib. 1,1,1; Thomas v. A., s. th. 1-2,79, 1]. Er läßt es jedoch zu, da er die Freiheit seines Geschöpfes achtet, und er weiß auf geheimnisvolle Weise Gutes daraus zu ziehen (Vgl. dazu auch 396, 1849):



"Der allmächtige Gott ... könnte in seiner unendlichen Güte unmöglich irgend etwas Böses in seinen Werken dulden, wenn er nicht dermaßen allmächtig und gut wäre, daß er auch aus dem Bösen Gutes zu ziehen vermöchte" (Augustinus, enchir. 11,3).



312 So kann man mit der Zeit entdecken, daß Gott in seiner allmächtigen Vorsehung sogar aus den Folgen eines durch seine Geschöpfe verursachten moralischen Übels etwas Gutes zu ziehen vermag. Josef sagt zu seinen Brüdern: "Nicht ihr habt mich hierher geschickt, sondern Gott ... Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn ... um ... viel Volk am Leben zu erhalten" (Gen 45,8; 50,20) [Vgl. Tob 2, 12-18 Vg]. Aus dem schlimmsten moralischen Übel, das je begangen worden ist, aus der durch die Sünden aller Menschen verschuldeten Verwerfung und Ermordung des Sohnes Gottes, hat Gott im Übermaß seiner Gnade [Vgl. Röm 5,20] das größte aller Güter gemacht: die Verherrlichung Christi und unsere Erlösung. Freilich wird deswegen das Böse nicht zu etwas Gutem (Vgl. dazu auch 598-600, 1994).



313 "Wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt" (Röm 8,28). Das bezeugen die Heiligen immer wieder (Vgl. dazu auch 227):



Die hl. Katharina von Siena sagt deshalb "zu denen, die an dem, was ihnen zustößt, Ärgernis nehmen und sich dagegen auflehnen": "Alles geht aus Liebe hervor, alles ist auf das Heil des Menschen hingeordnet. Gott tut nichts außer mit diesem Ziel" (dial. 4,138).



Der hl. Thomas Morus tröstet kurz vor seinem Martyrium seine Tochter: "Es kann nichts geschehen, was Gott nicht will. Was immer er aber will, so schlimm es auch scheinen mag, es ist für uns dennoch wahrhaft das Beste" (Brief).



Und Juliana von Norwich sagt: "Durch die Gnade Gottes wurde ich inne, daß ich mich fest an den Glauben halten und nicht weniger fest sehen muß, daß alles, wie es auch sein mag, gut sein wird. ... Und du wirst sehen, daß alles, alles gut sein wird" (rev. 32).



314 Wir glauben fest, daß Gott der Herr der Welt und der Geschichte ist. Die Wege seiner Vorsehung sind uns jedoch oft unbekannt. Erst am Schluß, wenn unsere Teilerkenntnis zu Ende ist und wir Gott "von Angesicht zu Angesicht" schauen werden (1 Kor 13,12), werden wir voll und ganz die Wege erkennen, auf denen Gott sogar durch das Drama des Bösen und der Sünde hindurch seine Schöpfung zur endgültigen Sabbatruhe [Vgl. Gen 2,2] führt, auf die hin er Himmel und Erde erschaffen hat (Vgl. dazu auch 1040, 2550).







KURZTEXTE



315 Mit der Erschaffung der Welt und des Menschen hat Gott das erste und allumfassende Zeugnis seiner allmächtigen Liebe und Weisheit sowie die erste Ankündigung seines "gnädigen Ratschlusses" gegeben, welcher sich in der Neuschöpfung durch Christus verwirklicht.



316 Das Schöpfungswerk wird insbesondere dem Vater zugeschrieben, doch ist es ebenfalls eine Glaubenswahrheit, daß der Vater, der Sohn und der Heilige Geist das einzige, unteilbare Schöpfungsprinzip sind.



317 Gott allein hat das Universum frei, direkt und ohne irgendeine Hilfe erschaffen.



318 Kein Geschöpf hat die unendliche Macht, die notwendig ist, um im eigentlichen Sinn des Wortes zu "erschaffen", das heißt etwas, das überhaupt nicht existierte, hervorzubringen und ihm das Sein zu geben, es "aus nichts" [ex nihilo] ins Dasein zu rufen [Vgl. DS 3624].



319 Gott hat die Welt erschaffen, um seine Herrlichkeit zu zeigen und mitzuteilen. Daß seine Geschöpfe an seiner Wahrheit, Güte und Schönheit teilhaben - das ist die Herrlichkeit, für die sie Gott erschaffen hat.



320 Gott, der das Weltall erschaffen hat, erhält es im Dasein durch sein Wort, den Sohn, der "das All durch sein machtvolles Wort" trägt (Hebr 1, 3), und durch seinen Schöpfergeist, der das Leben spendet.



321 Die göttliche Vorsehung besteht in den Fügungen, durch die Gott alle Geschöpfe mit Weisheit und Liebe ihrem letzten Ziel entgegenführt.



322 Christus fordert uns auf, uns kindlich auf die Vorsehung unseres himmlischen Vaters zu verlassen [Vgl. Mt 6,26 -34] und der Apostel Petrus nimmt dies auf:"Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch" (1 Petr 5,7) [Vgl. Ps 55,23].



323 Die göttliche Vorsehung handelt auch durch das Handeln der Geschöpfe. Den Menschen gibt Gott die Möglichkeit, in Freiheit an seinen Plänen mitzuwirken.



324 Daß Gott das physische und das moralische Böse zuläßt, ist ein Mysterium, das er durch seinen Sohn Jesus Christus erhellt, der gestorben und auferstanden ist, um das Böse zu besiegen. Der Glaube gibt uns die Gewißheit, daß Gott das Böse nicht zuließe, wenn er nicht auf Wegen, die wir erst im ewigen Leben vollständig erkennen werden, sogar aus dem Bösen Gutes hervorgehen ließe.









ABSATZ 5 HIMMEL UND ERDE





325 Das Apostolische Credo bekennt, daß Gott "der Schöpfer des Himmels und der Erde" ist, und das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel verdeutlicht: "der sichtbaren und der unsichtbaren Welt".



326 In der Heiligen Schrift bezeichnet das Wortpaar "Himmel und Erde" alles, was existiert: die gesamte Schöpfung. Es gibt auch das Band an, das innerhalb der Schöpfung Himmel und Erde zugleich vereint und unterscheidet: "die Erde" ist die Welt der Menschen [Vgl. Ps 115,16] "der Himmel" oder "die Himmel" kann das Firmament bezeichnen [Vgl. Ps 19,2], aber auch den eigentlichen "Ort" Gottes - er ist ja unser "Vater im Himmel" (Mt 5, 16) [Vgl. Ps 115,16] - und folglich auch den Himmel, der die endzeitliche Herrlichkeit ist. Schließlich bezeichnet das Wort "Himmel" den "Ort" der geistigen Geschöpfe - der Engel -, die Gott umgeben (Vgl. dazu auch 290, 1023, 2794).



327 Das Glaubensbekenntnis des Vierten Laterankonzils sagt: Gott "schuf am Anfang der Zeit aus nichts zugleich beide Schöpfungen, die geistige und die körperliche, nämlich die der Engel und die der Welt: und danach die menschliche, die gewissermaßen zugleich aus Geist und Körper besteht" (DS 800) [Vgl. DS 3002; SPE 8] (Vgl. dazu auch 296).







I Die Engel





Die Existenz der Engel - eine Glaubenswahrheit



328 Daß es geistige, körperlose Wesen gibt, die von der Heiligen Schrift für gewöhnlich "Engel" genannt werden, ist eine Glaubenswahrheit. Das bezeugt die Schrift ebenso klar wie die Einmütigkeit der Überlieferung (Vgl. dazu auch 150).





Wer sind sie?



329 Der hl. Augustinus sagt: ",Engel' bezeichnet das Amt, nicht die Natur. Fragst du nach seiner Natur, so ist er ein Geist; fragst du nach dem Amt, so ist er ein Engel: seinem Wesen nach ist er ein Geist, seinem Handeln nach ein Engel" (Psal. 103,1,15). Ihrem ganzen Sein nach sind die Engel Diener und Boten Gottes. Weil sie "beständig das Antlitz meines Vaters sehen, der im Himmel ist" (Mt 18,10), sind sie "Vollstrecker seiner Befehle, seinen Worten gehorsam" (Ps 103,20).



330 Als rein geistige Geschöpfe haben sie Verstand und Willen; sie sind personale [Vgl. Pius XII.: DS 3891] und unsterbliche [Vgl. Lk 20,36] Wesen. Sie überragen alle sichtbaren Geschöpfe an Vollkommenheit. Der Glanz ihrer Herrlichkeit zeugt davon [Vgl. Dtn 10,9-12].





Christus "mit all seinen Engeln"



331 Christus ist das Zentrum der Engelwelt. Es sind seine Engel: "Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm .. (Mt 25,31). Sie sind sein, weil sie durch ihn und auf ihn hin erschaffen sind: "Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen" (Kol 1,16). Sie sind erst recht deshalb sein, weil er sie zu Boten seines Heilsplanes gemacht hat: "Sind sie nicht alle nur dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen?" (Hebr 1,14) (Vgl. dazu auch 291).



332 Sie sind da, seit der Welterschaffung [Vgl. Ijob 38,7, wo die Engel "Gottessöhne" genannt werden] und im Laufe der ganzen Heilsgeschichte; sie künden von ferne oder von nahe das Heil in und dienen dem göttlichen Plan, es zu verwirklichen. Sie schließen das irdische Paradies ab [Vgl. Gen 3,24], beschützen Lot [Vgl. Gen 19], retten Hagar und ihr Kind [Vgl. Gen 21,17], gebieten der Hand Abrahams Einhalt [Vgl. Gen 22,11], teilen dem Volk das Gesetz mit [Vgl. Apg 7,53], führen das Gottesvolk [Vgl. Ex 23,20-23], kündigen Geburten [Vgl. Ri 13] und Berufungen an [Vgl. Ri 6,11-24; Jes 6,6], stehen den Propheten bei [Vgl. 1 Kön 19,5], um nur einige Beispiele zu nennen. Schließlich erscheint der Engel Gabriel, um die Geburt des Vorläufers und die Geburt Jesu selbst anzukündigen [Vgl. Lk 1,11.26].



333 Von der Menschwerdung bis zur Himmelfahrt ist das Leben des fleischgewordenen Wortes von der Anbetung und dem Dienst der Engel umgeben. Als Gott "den Erstgeborenen in die Welt einführt, sagt er: ,Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen"' (Hebr 1,6). Ihr Lobgesang bei der Geburt Christi - "Ehre sei Gott ..." (Lk 2,14) - klingt im Lobpreis der Kirche weiter. Sie beschützen Jesus im Kindesalter [Vgl. Mt 1,20; 2,13.19], dienen ihm in der Wüste [Vgl. Mk,12; Mt 4,11], stärken ihn in der Todesangst [Vgl. Lk 22,43], und sie hätten ihn auch - wie einst Israel [Vgl. 2 Makk 10,29-30; 11,8] - aus der Hand der Feinde retten können [Vgl. Mt 26,53]. Die Engel sind es auch, die "evangelisieren" (Lk 2, 10), indem sie die frohe Botschaft der Menschwerdung [Vgl. Lk 2,8-14] und der Auferstehung [Vgl. Mk 16,5-7] Christi verkünden. Bei der Wiederkunft Christi, die sie ankündigen [Vgl. Apg 1,10-11], werden sie ihn begleiten und ihm bei seinem Gericht dienen [Vgl. Mt 13,41; 25,31; Lk 12,8-9] (Vgl. dazu auch 559).





Die Engel im Leben der Kirche



334 Bis zur Wiederkunft Christi kommt die geheimnisvolle, mächtige Hilfe der Engel dem ganzen Leben der Kirche zugute [Vgl. Apg 5, 18-20; 8,26-29; 10,3-8; 12, 6-11; 27,23-25].



335 In ihrer Liturgie vereint sich die Kirche mit den Engeln, um den dreimal heiligen Gott anzubeten [Vgl. MR, "Sanctus"]; sie bittet um deren Beistand [So im "Supplices te rogamus ..." des römischen Hochgebetes, im "In paradisum deducant te angeli ..." der Bestattungsliturgie und auch im "Cherubinischen Hymnus" der Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus] und feiert insbesondere das Gedächtnis gewisser Engel (der heiligen Michael, Gabriel und Raphael und der heiligen Schutzengel). (Vgl. dazu auch 1138)



336 Von seinem Beginn [Vgl. Mt 18,10] bis zum Tod [Vgl. Lk 16,22] umgeben die Engel mit ihrer Hut [Vgl. Ps 34,8; 91,10-13] und Fürbitte das Leben des Menschen [Vgl. Ijob 33,23-24; Sach 1,12; Tob 12,12]. "Einem jeden der Gläubigen steht ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite, um ihn zum Leben zu führen" (Basilius, Eun. 3,1). Schon auf dieser Erde hat das christliche Leben im Glauben an der glückseligen Gemeinschaft der in Gott vereinten Engel und Menschen teil (Vgl. dazu auch 1020).





II Die sichtbare Welt



337 Gott selbst hat die sichtbare Welt mit all ihrem Reichtum, ihrer Vielfalt, ihrer Ordnung erschaffen. Die Schrift stellt das Schöpfungswerk sinnbildlich als eine Reihe von sechs göttlichen "Arbeitstagen" dar, die mit der "Ruhe" des siebten Tages abschließen [Vgl. Gen 1,1-2,4]. Die Heilige Schrift lehrt in bezug auf die Schöpfung Wahrheiten, die Gott um unseres Heiles willen geoffenbart hat [Vgl. DV 11] und die "das innerste Wesen der ganzen Schöpfung, ihren Wert und ihre Hinordnung auf das Lob Gottes anerkennen" lassen (LG 36) (Vgl. dazu auch 290, 293).



338 Es gibt nichts, was nicht dem Schöpfer sein Dasein verdankt. Die Welt begann, als sie durch das Wort Gottes aus dem Nichts geschaffen wurde. Alle existierenden Wesen, die ganze Natur, die ganze Menschheitsgeschichte wurzeln in diesem Urereignis; durch diese "Genesis" ist die Welt gebildet worden und hat die Zeit begonnen [Vgl. Augustinus, Gen. Man. 1,2,4] (Vgl. dazu auch 297).



339 Jedes Geschöpf besitzt seine eigene Güte und Vollkommenheit. Von jedem Werk der "sechs Tage" heißt es: "Und Gott sah, daß es gut war". "Aufgrund ihres Geschaffenseins selbst nämlich werden alle Dinge mit einer eigenen Beständigkeit, Wahrheit, Gutheit sowie mit eigenen Gesetzen und [einer eigenen] Ordnung ausgestattet" (GS 36,2). Die unterschiedlichen Geschöpfe widerspiegeln in ihrem gottgewollten Eigensein, jedes auf seine Art, einen Strahl der unendlichen Weisheit und Güte Gottes. Deswegen muß der Mensch die gute Natur eines jeden Geschöpfes achten und sich hüten, die Dinge gegen ihre Ordnung zu gebrauchen. Andernfalls wird der Schöpfer mißachtet und es entstehen für die Menschen und ihre Umwelt verheerende Folgen (Vgl. dazu auch 2501, 299, 226).



340 Die gegenseitige Abhängigkeit der Geschöpfe ist gottgewollt. Die Sonne und der Mond, die Zeder und die Feldblume, der Adler und der Sperling - all die unzähligen Verschiedenheiten und Ungleichheiten besagen, daß kein Geschöpf sich selbst genügt, daß die Geschöpfe nur in Abhängigkeit voneinander existieren, um sich im Dienst aneinander gegenseitig zu ergänzen (Vgl. dazu auch 1937).



341 Die Schönheit des Universums: Ordnung und Harmonie der erschaffenen Welt ergeben sich aus der Verschiedenheit der Seinsformen und der Beziehungen unter diesen. Der Mensch entdeckt sie nach und nach als Naturgesetze. Sie rufen die Bewunderung der Wissenschaftler hervor. Die Schönheit der Schöpfung widerspiegelt die unendliche Schönheit des Schöpfers. Sie soll Ehrfurcht wecken und den Menschen dazu anregen, seinen Verstand und seinen Willen dem Schöpfer unterzuordnen (Vgl. dazu auch 283, 2500).



342 Die Rangordnung der Geschöpfe wird durch die Abfolge der "sechs Tage" zum Ausdruck gebracht, die vom weniger Vollkommenen zum Vollkommeneren fortschreitet. Gott liebt alle seine Geschöpfe [Vgl. Ps 145,9], nimmt sich eines jeden an, selbst der Sperlinge. Und doch sagt Jesus: "Ihr seid mehr wert als viele Spatzen" (Lk 12,7) und: "Ein Mensch ist viel mehr wert als ein Schaf" (Mt 12,12) (Vgl. dazu auch 310).



343 Der Mensch ist der Gipfel des Schöpfungswerkes. Der inspirierte Bericht bringt dies dadurch zum Ausdruck, daß er die Erschaffung des Menschen von der der anderen Geschöpfe deutlich abhebt [Vgl. Gen 1,26] (Vgl. dazu auch 355).



344 Zwischen allen Geschöpfen besteht eine Solidarität, denn sie alle haben den gleichen Schöpfer, und sie alle sind auf seine Herrlichkeit hingeordnet (Vgl. dazu auch 293, 1939, 2416).



Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,

vornehmlich durch die Herrin, die Schwester Sonne,

die uns den Tag heraufführt und uns erhellt durch ihr Licht.

Schön ist sie und strahlend mit großem Glanz:

sie bietet uns ein Gleichnis von dir, du Höchster ...



Gelobt seist du, mein Herr, durch die Schwester, das Wasser,

das gar sehr nützlich und demütig ist,

kostbar und keusch ...



Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, die Mutter Erde,

die uns trägt und nährt

und mancherlei Früchte hervorbringt

und vielfarbene Blumen und Kräuter ...



Lobet und preiset meinen Herrn,

sagt ihm Dank und dienet ihm

in großer Ergebung.



(Franz von Assisi, Sonnengesang) (Vgl. dazu auch 1218)



345 Der Sabbat - der Abschluß der "sechs Tage". Die Heilige Schrift sagt: "Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte" - so "wurden Himmel und Erde vollendet" - "und er ruhte am siebten Tag ... Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig" (Gen 2,1-3). Diese inspirierten Worte sind sehr aufschlußreich (Vgl. dazu auch 2168):



346 In der Schöpfung hat Gott eine Grundlage und Gesetze gelegt, die bestehen bleiben [Vgl. Hebr 4,3-4]. Der Glaubende kann sich auf sie verlassen; sie sind ihm Zeichen und Gewähr der unerschütterlichen Treue, mit der Gott an seinem Bund festhält [Vgl. Jer 31,35-37; 33,19-26]. Der Mensch muß sich seinerseits treu an diese Grundlage halten und die Gesetze, die Gott in die Schöpfung eingeschrieben hat, achten (Vgl. dazu auch 2169).



347 Die Schöpfung geschah im Hinblick auf den Sabbat und somit auf die Verehrung und Anbetung Gottes. Der Gottesdienst ist in die Schöpfungsordnung eingeschrieben [Vgl. Gen 1,14]. "Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden", sagt die Regel des hl. Benedikt, die uns so auf die richtige Ordnung der menschlichen Anliegen hinweist (Vgl. dazu auch 1145-1152).



348 Der Sabbat bildet im Gesetz Israels die Mitte. Die Gebote halten heißt der Weisheit und dem Willen Gottes entsprechen, die in seinem Schöpfungswerk zum Ausdruck kommen (Vgl. dazu auch 2172).



349 Der achte Tag. Für uns aber ist ein neuer Tag angebrochen: der Tag der Auferstehung Christi. Der siebte Tag vollendet die erste Schöpfung. Am achten Tag beginnt die Neuschöpfung. So gipfelt das Schöpfungswerk im noch größeren Werk der Erlösung. Die erste Schöpfung findet ihren Sinn und Höhepunkt in der Neuschöpfung in Christus, welche die erste an Glanz übertrifft [Vgl. MR, Osternacht 24: Gebet nach der ersten Lesung] (Vgl. dazu auch 2174, 1046).







KURZTEXTE





350 Die Engel sind geistige Geschöpfe, die Gott unablässig verherrlichen und seinem Heilsplan für die anderen Geschöpfe dienen:"Bei allen unseren guten Werken wirken die Engel mit" (Thomas v. A., s. th. 1,114, 3 ad 3).



351 Die Engel umgeben Christus, ihren Herrn. Sie dienen ihm insbesondere bei der Erfüllung seiner Heilssendung für die Menschen.



352 Die Kirche verehrt die Engel, die der Kirche auf ihrem irdischen Pilgerweg beistehen und jeden Menschen beschützen.



353 Gott hat gewollt, daß seine Geschöpfe voneinander verschieden sind, daß sie ihre je eigene Güte haben, daß sie voneinander abhängen und daß sie in einer Ordnung stehen. Er hat alle materiellen Geschöpfe zum Wohl des Menschengeschlechtes bestimmt. Der Mensch und durch ihn die ganze Schöpfung ist zur Verherrlichung Gottes bestimmt.



354 Die in die Schöpfung eingeschriebenen Gesetze und die Beziehungen zu achten, die sich aus der Natur der Dinge ergeben, ist ein Grundsatz der Weisheit und eine Grundlage der Sittlichkeit.





ABSATZ 6 DER MENSCH





355 "Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde; nach dem Bilde Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie" (Gen 1,27). Der Mensch nimmt in der Schöpfung eine einzigartige Stellung ein: er ist "nach Gottes Bild" geschaffen (I); in seiner Natur vereint er die geistige mit der materiellen Welt (II); er ist "als Mann und Frau" geschaffen (III); Gott hat ihn zu seinem Freund gemacht (IV) (Vgl. dazu auch 1700, 343).





I "Nach dem Bilde Gottes"



356 Von allen sichtbaren Geschöpfen ist einzig der Mensch "fähig, seinen Schöpfer zu erkennen und zu lieben" (GS 12,3); er ist "auf Erden das einzige Geschöpf ... das Gott um seiner selbst willen gewollt hat" (GS 24,3); er allein ist berufen, in Erkenntnis und Liebe am Leben Gottes teilzuhaben. Auf dieses Ziel hin ist er geschaffen worden, und das ist der Hauptgrund für seine Würde (Vgl. dazu auch 1703, 2258, 225):



"Was war der Grund, weshalb du den Menschen zu einer so großen Würde erhoben hast? Die unschätzbare Liebe, mit der du dein Geschöpf in dir selbst angeblickt und dich in es verliebt hast, denn du hast es aus Liebe erschaffen, aus Liebe hast du ihm eine Natur gegeben, die an dir, dem ewigen Gut, Freude zu empfinden vermag" (Katharina v. Siena, dial. 4,13) (Vgl. dazu auch 295).



357 Weil er nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, hat der Mensch die Würde, Person zu sein; er ist nicht bloß etwas, sondern jemand. Er ist imstande, sich zu erkennen, über sich Herr zu sein, sich in Freiheit hinzugeben und in Gemeinschaft mit anderen Personen zu treten, und er ist aus Gnade zu einem Bund mit seinem Schöpfer berufen, um diesem eine Antwort des Glaubens und der Liebe zu geben, die niemand anderer an seiner Stelle geben kann (Vgl. dazu auch 1935, 1877).



358 Gott hat alles für den Menschen erschaffen [Vgl. GS 12,1; 24,2; 39,1], aber der Mensch selbst ist erschaffen worden, um Gott zu dienen, ihn zu lieben und ihm die ganze Schöpfung darzubringen (Vgl. dazu auch 299, 901):



"Welches ist das Wesen, das in solchem Ansehen geschaffen ist? Es ist der Mensch, die große, bewundernswerte lebendige Gestalt, die in den Augen Gottes wertvoller ist als alle Geschöpfe. Es ist der Mensch; für ihn sind der Himmel und die Erde und das Meer und die gesamte Schöpfung da. Auf sein Heil legt Gott sosehr Wert, daß er sogar seinen eingeborenen Sohn für ihn nicht verschont hat. Gott zögerte ja nicht, alles ins Werk zu setzen, um den Menschen zu ihm aufsteigen und zu seiner Rechten sitzen zu lassen" (Johannes Chrysostomus, serm. in Gen. 2,1).



359 "Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf" (GS 22, 1) (Vgl. dazu auch 1701).



"Der heilige Apostel Paulus spricht von zwei Menschen, von denen das Menschengeschlecht abstamme: von Adam und von Christus ... Paulus sagt: ,Adam, der erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der letzte Adam wurde lebendigmachender Geist'. Jener Erste ist von diesem Letzten geschaffen worden und hat auch von ihm die Seele erhalten, damit er lebendig wurde ... Dieser letzte Adam ist es, der bei der Formung dem ersten sein Bild aufprägte. Daher kam es, daß er seine Gestalt annahm und seinen Namen empfing, damit ihm nicht verlorenging, was er nach seinem Bild gemacht hatte. Der erste Adam, der letzte Adam: Der Erste hat einen Anfang, der Letzte hat kein Ende, weil dieser Letzte in Wirklichkeit der Erste ist. Sagt er doch: ,Ich bin das Alpha und das Omega"' (Petrus Chrysologus, sermo 117) (Vgl. dazu auch 388, 411).



360 Das Menschengeschlecht bildet aufgrund des gemeinsamen Ursprungs eine Einheit. Denn Gott "hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen" (Apg 17,26) [Vgl. Tob 8,6] (Vgl. dazu auch 225, 404, 775, 831, 842).



"Wunderbare Schau, die uns das Menschengeschlecht sehen läßt in der Einheit eines gemeinsamen Ursprungs in Gott ... in der Einheit der Natur, bei allen gleich gefügt aus stofflichem Leib und geistiger, unsterblicher Seele; in der Einheit des unmittelbaren Ziels und seiner Aufgabe in der Welt; in der Einheit der Siedlung auf dem Erdboden, dessen Güter zu nutzen alle Menschen naturrechtlich befugt sind, um so ihr Leben zu erhalten und zu entwickeln; in der Einheit des übernatürlichen Endziels, Gottes selbst, nach dem zu streben alle verpflichtet sind; in der Einheit der Mittel, um dieses Ziel zu erreichen; ... in der Einheit des Loskaufs, den Christus für alle gewirkt hat" (Pius XII., Enz. "Summi Pontificatus") [Vgl. NA 1].



361 Dieses "Gesetz der Solidarität und Liebe" (ebd.) versichert uns, daß bei aller reichen Vielfalt der Personen, Kulturen und Völker alle Menschen wahrhaft Brüder und Schwestern sind (Vgl. dazu auch 1939).





II "In Leib und Seele einer"



362 Die nach dem Bilde Gottes erschaffene menschliche Person ist ein zugleich körperliches und geistiges Wesen. Der biblische Bericht bringt das in einer sinnbildlichen Sprache zum Ausdruck, wenn er sagt: "Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen" (Gen 2,7). Der ganze Mensch ist von Gott gewollt (Vgl. dazu auch 1146, 2332).



363 In der Heiligen Schrift bedeutet der Ausdruck Seele oft das Leben des Menschen [Vgl. Mt 16,25-26; Joh 15,13] oder die ganze menschliche Person [Vgl. Apg 2,41]. Er bezeichnet aber auch das Innerste im Menschen [Vgl. Mt 26,38; Joh 12,27], das Wertvollste an ihm [Vgl. Mt 10,28; 2 Makk 6,30], das, wodurch er am meisten nach dem Bild Gottes ist: "Seele" benennt das geistige Lebensprinzip im Menschen (Vgl. dazu auch 1703).



364 Der Leib des Menschen hat an der Würde des Seins "nach dem Bilde Gottes" teil: er ist eben deswegen menschlicher Leib, weil er durch die geistige Seele beseelt wird. Die menschliche Person ist als ganze dazu bestimmt, im Leibe Christi zum Tempel des Geistes zu werden [Vgl. 1 Kor 6,19-20; 15,44-45] (Vgl. dazu auch 1004).



"In Leib und Seele einer, vereint der Mensch durch seine leibliche Verfaßtheit die Elemente der stofflichen Welt in sich, so daß sie durch ihn ihren Höhepunkt erreichen und ihre Stimme zum freien Lob des Schöpfers erheben. Das leibliche Leben darf also der Mensch nicht geringachten; er muß im Gegenteil seinen Leib als von Gott geschaffen und zur Auferweckung am Jüngsten Tag bestimmt für gut und der Ehre würdig halten" (GS 14,1) (Vgl. dazu auch 2289).



365 Die Einheit von Seele und Leib ist so tief, daß man die Seele als die "Form" des Leibes [Vgl. K. v. Vienne 1312: DS 902] zu betrachten hat, das heißt die Geistseele bewirkt, daß der aus Materie gebildete Leib ein lebendiger menschlicher Leib ist. Im Menschen sind Geist und Materie nicht zwei vereinte Naturen, sondern ihre Einheit bildet eine einzige Natur.



366 Die Kirche lehrt, daß jede Geistseele unmittelbar von Gott geschaffen ist [Vgl. Pius XII., Enz. "Humani generis" 1950: DS 3896; SPF 8] - sie wird nicht von den Eltern "hervorgebracht" - und daß sie unsterblich ist [Vgl. 5. K. im Lateran 1513: DS 1440]: sie geht nicht zugrunde, wenn sie sich im Tod vom Leibe trennt, und sie wird sich bei der Auferstehung von neuem mit dem Leib vereinen (Vgl. dazu auch 1085, 997).



367 Manchmal wird die Seele vom Geist unterschieden. So betet der hl. Paulus: "Gott ... heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid" bei der Wiederkunft des Herrn (1 Thess 5,23). Die Kirche lehrt, daß diese Unterscheidung die Seele nicht zweiteilt [Vgl. 4. K. v. Konstantinopel 870: DS 657]. Mit "Geist" ist gemeint, daß der Mensch von seiner Erschaffung an auf sein übernatürliches Ziel hingeordnet ist [Vgl. 1. Vatikanisches K.: DS 3005; GS 22,5] und daß seine Seele aus Gnade zur Gemeinschaft mit Gott erhoben werden kann [Vgl. Pius XII., Enz. "Humani generis", 1950: DS 3891] (Vgl. dazu auch 2083).



368 Die geistliche Tradition der Kirche legt auch Wert auf das Herz im biblischen Sinn des "Wesensgrundes" oder "Inneren" (Jer 31,33), worin sich die Person für oder gegen Gott entscheidet [Vgl. Dtn 6,5; 29,3; Jes 29,13;Ez 36,26; Mt6,21; Lk 8,15; Röm 5,5] (Vgl. dazu auch 478, 582, 1431, 1764, 2517, 2562, 2843).







III "Als Mann und Frau schuf er sie"





Gottgewollte Gleichheit und Verschiedenheit



369 Mann und Frau sind erschaffen, das heißt gottgewollt in vollkommener Gleichheit einerseits als menschliche Personen, andererseits in ihrem Mannsein und Frausein. "Mann sein" und "Frau sein" ist etwas Gutes und Gottgewolltes: beide, der Mann und die Frau, haben eine unverlierbare Würde, die ihnen unmittelbar von Gott, ihrem Schöpfer zukommt [Vgl. Gen 2,7.22]. Beide, der Mann und die Frau, sind in gleicher Würde "nach Gottes Bild". In ihrem Mannsein und ihrem Frausein spiegeln sie die Weisheit und Güte des Schöpfers wider.



370 Gott ist keineswegs nach dem Bild des Menschen. Er ist weder Mann noch Frau. Gott ist reiner Geist, in dem es keinen Geschlechtsunterschied geben kann. In den "Vollkommenheiten" des Mannes und der Frau spiegelt sich jedoch etwas von der unendlichen Vollkommenheit Gottes wider: die Züge einer Mutter [Vgl. Jes 49,14-15; 66,13; Ps 131,2-3] und diejenigen eines Vaters und Gatten [Vgl. Hos 11,1-4; Jer 3,4-19] (Vgl. dazu auch 42, 239).





"Füreinander" - eine "Zwei-Einheit"



371 Miteinander erschaffen, sind der Mann und die Frau von Gott auch füreinander gewollt. Das Wort Gottes gibt uns das durch verschiedene Stellen der Heiligen Schrift zu verstehen: "Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht" (Gen 2, 18). Keines der Tiere kann für den Menschen eine solche Entsprechung sein (Gen 2,19-20). Die Frau, die Gott aus einer Rippe des Mannes "baut" und dem Mann zuführt, läßt diesen, über die Gemeinschaft mit ihr beglückt, voll Bewunderung und Liebe ausrufen: "Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!" (Gen 2,23). Der Mann entdeckt die Frau als ein anderes Ich, als Mitmenschen (Vgl. dazu auch 1605).



372 Der Mann und die Frau sind "füreinander" geschaffen, nicht als ob Gott sie nur je zu einem halben, unvollständigen Menschen gemacht hätte. Vielmehr hat er sie zu einer personalen Gemeinschaft geschaffen, in der die beiden Personen füreinander eine "Hilfe" sein können, weil sie einerseits als Personen einander gleich sind ("Bein von meinem Bein") und andererseits in ihrem Mannsein und Frausein einander ergänzen. In der Ehe vereint Gott sie so eng miteinander, daß sie, "nur ein Fleisch bildend" (Gen 2,24), das menschliche Leben weitergeben können: "Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde!" (Gen 1,28). Indem sie das menschliche Leben ihren Kindern weitergeben, wirken Mann und Frau als Gatten und Eltern auf einzigartige Weise am Werk des Schöpfers mit [Vgl. GS 50,1] (Vgl. dazu auch 1652, 2366).



373 Nach dem Plane Gottes haben Mann und Frau die Berufung, als von Gott bestellte "Verwalter" sich die Erde zu "unterwerfen". Diese Oberhoheit darf keine zerstörerische Willkürherrschaft sein. Nach dem Bild des Schöpfers geschaffen, "der alles, was da ist, liebt" (Weish 11,24), sind Mann und Frau berufen, an der göttlichen Vorsehung für die anderen Geschöpfe teilzunehmen. Sie sind deshalb für die Welt, die Gott ihnen anvertraut hat, verantwortlich (Vgl. dazu auch 307, 2415).





IV Der Mensch im Paradies



374 Der erste Mensch wurde als ein gutes Wesen erschaffen und in Freundschaft mit seinem Schöpfer und in Einklang mit sich selbst und mit der ihn umgebenden Schöpfung versetzt. Nur durch die Herrlichkeit der Neuschöpfung in Christus können diese Freundschaft und Harmonie noch übertroffen werden (Vgl. dazu auch 54).



375 Die Kirche legt die Symbolik der biblischen Sprache im Licht des Neuen Testamentes und der Überlieferung authentisch aus und lehrt, daß unsere Stammeltern Adam und Eva in einen ursprünglichen Stand der "Heiligkeit und Gerechtigkeit" eingesetzt wurden (K. v. Trient: DS 1511). Diese Gnade der ursprünglichen Heiligkeit war eine "Teilhabe am göttlichen Leben" (LG 2) (Vgl. dazu auch 1997).



376 Durch die Ausstrahlung dieser Gnade wurde das menschliche Leben in jeder Hinsicht gestärkt. Solange der Mensch in der engen Verbindung mit Gott blieb, mußte er weder sterben [Vgl. Gen 2,17; 3,19] noch leiden [Vgl. Gen 3,16]. Die innere Harmonie der menschlichen Person, die Harmonie zwischen Mann und Frau [Vgl. Gen 2,25] und die Harmonie zwischen dem ersten Menschenpaar und der gesamten Schöpfung bildete den Zustand der sogenannten "Urgerechtigkeit" (Vgl. dazu auch 1008, 1502).



377 Die von Gott dem Menschen von Anfang an gewährte "Herrschaft" über die Welt wirkte sich in erster Linie im Menschen als Herrschaft über sich selbst aus. Der Mensch war in seinem ganzen Wesen heil und geordnet, weil er von der dreifachen Begierlichkeit [Vgl. 1 Joh 2,16], die ihn zum Knecht der Sinneslust, der Gier nach irdischen Gütern und der Selbstbehauptung gegen die Weisungen der Vernunft macht, frei war (Vgl. dazu auch 2514)



378 Zeichen der Vertrautheit mit Gott ist es, daß Gott den Menschen in den "Garten" setzt [Vgl. Gen 2,8]. Er lebt darin, "um ihn zu hegen und zu pflegen" (Gen 2,15). Die Arbeit ist für Mann und Frau nicht Fron [Vgl. Gen 3,17-19], sondern Mitwirken mit Gott an der Vervollkommnung der sichtbaren Schöpfung (Vgl. dazu auch 2415, 2427).



379 Diese ganze Harmonie der Urgerechtigkeit, die der Plan Gottes für den Menschen vorgesehen hatte, ging durch die Sünde unserer Stammeltern verloren.





KURZTEXTE



380 "Den Menschen hast du nach deinem Bild geschaffen und ihm die Sorge für die ganze Welt anvertraut. Über alle Geschöpfe sollte er herrschen und allein dir, seinem Schöpfer, dienen" (MR, Viertes Hochgebet 118).



381 Der Mensch ist vorherbestimmt, das Bild des menschgewordenen Gottessohnes - "Ebenbild des unsichtbaren Gottes" (Kol 1,15) - treu wiederzugeben, damit Christus der Erstgeborene von vielen Brüdern und Schwestern sei [Vgl. Eph 1,3-6; Röm 8,29].



382 Der Mensch ist "in Leib und Seele einer" (GS 14,1). Die Glaubenslehre sagt, daß die geistige, unsterbliche Seele unmittelbar von Gott erschaffen ist.



383 "Gott hat den Menschen nicht allein geschaffen: denn von Anfang an, hat er sie als Mann und Frau geschaffen' (Gen 1,27), deren Verbindung die erste Form von Gemeinschaft unter Personen bewirkt" (GS 12,4).



384 Die Offenbarung läßt uns den Stand der Urheiligkeit und Urgerechtigkeit des Mannes und der Frau vor der Sünde erkennen. Ihrer Freundschaft mit Gott entsprang die Glückseligkeit ihres Daseins im Paradies.











ABSATZ 7 DER SÜNDENFALL





385 Gott ist unendlich gut und alle seine Werke sind gut. Niemand entgeht jedoch der Erfahrung des Leides, der natürlichen Übel - die mit den Grenzen der Geschöpfe gegeben zu sein scheinen - und vor allem kann niemand dem Problem des sittlich Schlechten ausweichen. Woher stammt das Böse? "Ich fragte nach dem Ursprung des Bösen, doch es fand sich kein Ausweg", sagt der hl. Augustinus (conf. 7,7,11), und sein schmerzliches Suchen wird erst in seiner Bekehrung zum lebendigen Gott einen Ausweg finden. "Die geheime Macht der Gesetzwidrigkeit" (2 Thess 2,7) enthüllt sich nämlich nur im Licht des "Geheimnisses des Glaubens" (1 Tim 3,16). Die in Christus geschehene Offenbarung der göttlichen Liebe zeigt zugleich die Größe der Sünde und die Übergröße der Gnade [Vgl. Röm 5,20]. Wenn wir uns der Frage nach dem Ursprung des Bösen stellen, müssen wir also den Blick unseres Glaubens auf den richten, der allein dessen Besieger ist [Vgl. Lk 11,21-11; Joh 16,11; 1 Joh 3,8] (Vgl. dazu auch 309, 457, 1848, 539).







I Wo die Sünde groß wurde, ist die Gnade übergroß geworden





Die Wirklichkeit der Sünde



386 In der Geschichte des Menschen ist die Sünde gegenwärtig. Man würde vergeblich versuchen, sie nicht wahrzunehmen oder diese dunkle Wirklichkeit mit anderen Namen zu versehen. Um zu verstehen, was die Sünde ist, muß man zunächst den tiefen Zusammenhang des Menschen mit Gott beachten. Sieht man von diesem Zusammenhang ab, wird das Böse der Sünde nicht in ihrem eigentlichen Wesen - als Ablehnung Gottes, als Widerstand gegen ihn - entlarvt, obwohl sie weiterhin auf dem Leben und der Geschichte des Menschen lastet (Vgl. dazu auch 1847).



387 Was die Sünde, im besonderen die Erbsünde, ist, sieht man nur im Licht der göttlichen Offenbarung. Diese schenkt uns eine Erkenntnis Gottes, ohne die man die Sünde nicht klar wahrnehmen kann und ohne die man versucht ist, Sünde lediglich als eine Wachstumsstörung, eine psychische Schwäche, einen Fehler oder als die notwendige Folge einer unrichtigen Gesellschaftsstruktur zu erklären. Nur in Kenntnis dessen, wozu Gott den Menschen bestimmt hat, erfaßt man, daß die Sünde ein Mißbrauch der Freiheit ist, die Gott seinen vernunftbegabten Geschöpfen gibt, damit sie ihn und einander lieben können (Vgl. dazu auch 1848, 1739).





Die Erbsünde - eine wesentliche Glaubenswahrheit



388 Mit dem Fortschreiten der Offenbarung wird auch die Wirklichkeit der Sünde erhellt. Obwohl das Gottesvolk des Alten Bundes im Licht der im Buche Genesis erzählten Geschichte vom Sündenfall die menschliche Daseinsverfassung irgendwie erkannte, konnte es den letzten Sinn dieser Geschichte nicht erfassen; dieser tritt erst im Licht des Todes und der Auferstehung Jesu Christi zutage [Vgl. Röm 5, 12-21]. Man muß Christus als den Quell der Gnade kennen, um Adam als den Quell der Sünde zu erkennen. Der Heilige Geist, den der auferstandene Christus uns sendet, ist gekommen, um "die Welt der Sünde zu überführen" (Joh 16,8), indem er den offenbart, der von der Sünde erlöst (Vgl. dazu auch 431, 208, 359, 729).



389 Die Lehre von der Erbsünde [oder Ursünde] ist gewissermaßen die "Kehrseite" der frohen Botschaft, daß Jesus der Retter aller Menschen ist, daß alle des Heils bedürfen und daß das Heil dank Christus allen angeboten wird. Die Kirche, die den "Sinn Christi" [Vgl. 1 Kor 2,16] hat, ist sich klar bewußt, daß man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten (Vgl. dazu auch 422).





Die Erzählung vom Sündenfall



390 Der Bericht vom Sündenfall [Gen 3] verwendet eine bildhafte Sprache, beschreibt jedoch ein Urereignis, das zu Beginn der Geschichte des Menschen stattgefunden hat [Vgl. GS 13,1]. Die Offenbarung gibt uns die Glaubensgewißheit, daß die ganze Menschheitsgeschichte durch die Ursünde gekennzeichnet ist, die unsere Stammeltern freiwillig begangen haben [Vgl. K. v. Trient: DS 1513; Pius XII., Enz. "Humani Generis": DS 3897; Paul VI., Ansprache vom 11. Juli 1966] (Vgl. dazu auch 289).





II Der Fall der Engel



391 Hinter der Entscheidung unserer Stammeltern zum Ungehorsam steht eine verführerische widergöttliche Stimme [Vgl. Gen 3,1-5], die sie aus Neid in den Tod fallen läßt [Vgl. Weish 2,24]. Die Schrift und die Überlieferung der Kirche erblicken in diesem Wesen einen gefallenen Engel, der Satan oder Teufel genannt wird [Vgl. Joh 8,44; Offb 12,9]. Die Kirche lehrt, daß er zuerst ein von Gott erschaffener guter Engel war. "Die Teufel und die anderen Dämonen wurden zwar von Gott ihrer Natur nach gut geschaffen, sie wurden aber selbst durch sich böse" (4. K. im Lateran 1215: DS 800) (Vgl. dazu auch 2538).



392 Die Schrift spricht von einer Sünde der gefallenen Engel [Vgl. 2 Petr 2,4]. Ihr "Sündenfall" besteht in der freien Entscheidung dieser geschaffenen Geister, die Gott und sein Reich von Grund auf und unwiderruflich zurückwiesen. Wir vernehmen einen Widerhall dieser Rebellion in dem, was der Versucher zu unseren Stammeltern sagte: "Ihr werdet sein wie Gott" (Gen 3,5). Der Teufel ist "Sünder von Anfang an" (1 Joh 3,8), "der Vater der Lüge" (Joh 8,44) (Vgl. dazu auch 1850, 2482).



393 Wegen des unwiderruflichen Charakters ihrer Entscheidung und nicht wegen eines Versagens des unendlichen göttlichen Erbarmens kann die Sünde der Engel nicht vergeben werden. "Es gibt für sie nach dem Abfall keine Reue, so wenig wie für die Menschen nach dem Tode" (Johannes v. Damaskus, f. o. 2,4) (Vgl. dazu auch 1022).



394 Die Schrift bezeugt den unheilvollen Einfluß dessen, den Jesus den "Mörder von Anfang an" nennt (Joh 8,44) und der sogar versucht hat, Jesus von seiner vom Vater erhaltenen Sendung abzubringen [Vgl. Mt 4,1-11]. "Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören" (1 Joh 3,8). Das verhängnisvollste dieser Werke war die lügnerische Verführung, die den Menschen dazu gebracht hat, Gott nicht zu gehorchen (Vgl. dazu auch 538-540, 550, 2846-2849).



395 Die Macht Satans ist jedoch nicht unendlich. Er ist bloß ein Geschöpf; zwar mächtig, weil er reiner Geist ist, aber doch nur ein Geschöpf: er kann den Aufbau des Reiches Gottes nicht verhindern. Satan ist auf der Welt aus Haß gegen Gott und gegen dessen in Jesus Christus grundgelegtes Reich tätig. Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft. Und doch wird dieses sein Tun durch die göttliche Vorsehung zugelassen, welche die Geschichte des Menschen und der Welt kraftvoll und milde zugleich lenkt. Daß Gott das Tun des Teufels zuläßt, ist ein großes Geheimnis, aber "wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt" (Röm 8,28) (Vgl. dazu auch 309, 1673, 412, 2850-2854).







III Die Erbsünde





Die Prüfung der Freiheit



396 Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen und in seine Freundschaft aufgenommen. Als geistbeseeltes Wesen kann der Mensch diese Freundschaft nur in freier Unterordnung unter Gott leben. Das kommt darin zum Ausdruck, daß den Menschen verboten wird, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, "denn sobald du davon ißt, wirst du sterben" (Gen 2,17). Dieser "Baum der Erkenntnis von Gut und Böse" erinnert sinnbildlich an die unüberschreitbare Grenze, die der Mensch als Geschöpf freiwillig anerkennen und vertrauensvoll achten soll. Der Mensch hängt vom Schöpfer ab, er untersteht den Gesetzen der Schöpfung und den sittlichen Normen, die den Gebrauch der Freiheit regeln (Vgl. dazu auch 1730, 311, 301).





Die erste Sünde des Menschen



397 Vom Teufel versucht, ließ der Mensch in seinem Herzen das Vertrauen zu seinem Schöpfer sterben [Vgl. Gen3,1], mißbrauchte seine Freiheit und gehorchte dem Gebot Gottes nicht. Darin bestand die erste Sünde des Menschen [Vgl. Röm 5,19]. Danach wird jede Sünde Ungehorsam gegen Gott und Mangel an Vertrauen auf seine Güte sein (Vgl. dazu auch 1707, 2541, 1850, 215).



398 In dieser Sünde zog der Mensch sich selbst Gott vor und mißachtete damit Gott: er entschied sich für sich selbst gegen Gott, gegen die Erfordernisse seines eigenen Geschöpfseins und damit gegen sein eigenes Wohl. In den Stand der Heiligkeit gestellt, war der Mensch dazu bestimmt, von Gott in der Herrlichkeit völlig "vergöttlicht" zu werden. Vom Teufel versucht, wollte er "wie Gott sein" [Vgl. Gen3,5], aber "ohne Gott und vor Gott und nicht Gott gemäß" (Maximus der Bekenner, ambig.). (Vgl. dazu auch 2084, 2113)



399 Die Schrift zeigt die verhängnisvollen Folgen dieses ersten Ungehorsams. Adam und Eva verlieren sogleich die Gnade der ursprünglichen Heiligkeit [Vgl. Röm 3,23]. Sie fürchten sich vor Gott [Vgl. Gen 3,9-10], von dem sie sich das Zerrbild eines Gottes gemacht haben, der auf seine Vorrechte eifersüchtig bedacht ist [Vgl. Gen 3,5].



400 Die Harmonie, die sie der ursprünglichen Gerechtigkeit verdankten, ist zerstört; die Herrschaft der geistigen Fähigkeiten der Seele über den Körper ist gebrochen [Vgl. Gen 3,7] die Einheit zwischen Mann und Frau ist Spannungen unterworfen [Vgl. Gen 3,11-13] ihre Beziehungen sind gezeichnet durch Begierde und Herrschsucht. Auch die Harmonie mit der Schöpfung ist zerbrochen: die sichtbare Schöpfung ist dem Menschen fremd und feindlich geworden [Vgl. Gen 3,17.19]. Wegen des Menschen ist die Schöpfung der Knechtschaft "der Vergänglichkeit unterworfen" (Röm 8,20). Schließlich wird es zu der Folge kommen, die für den Fall des Ungehorsams ausdrücklich vorhergesagt worden war: der Mensch "wird zum Erdboden zurückkehren, von dem er genommen ist" (Gen 3,19). Der Tod hält Einzug in die Menschheitsgeschichte [Vgl. Röm 5,12] (Vgl. dazu auch 1607, 2514, 602, 1008).



401 Seit dieser ersten Sünde überschwemmt eine wahre Sündenflut die Welt: Kain ermordet seinen Bruder Abel [Vgl. Gen 4,3-15]; infolge der Sünde werden die Menschen ganz allgemein verdorben [Vgl. Gen 6,5.12; Röm 1,18-32] in der Geschichte Israels äußert sich die Sünde oft - vor allem als Untreue gegenüber dem Gott des Bundes und als Übertretung des mosaischen Gesetzes; und selbst nach der Erlösung durch Christus sündigen auch die Christen auf vielerlei Weisen [Vgl. 1 Kor 1-6; Offb 2-3]. Die Schrift und die Überlieferung der Kirche erinnern immer wieder daran, daß es Sünde gibt und daß sie in der Geschichte des Menschen allgemein verbreitet ist (Vgl. dazu auch 1865, 2259, 1739).



"Was uns aufgrund der göttlichen Offenbarung bekannt wird, stimmt mit der Erfahrung selbst überein. Denn der Mensch erfährt sich, wenn er in sein Herz schaut, auch zum Bösen geneigt und in vielfältige Übel verstrickt, die nicht von seinem guten Schöpfer herkommen können. Oft weigert er sich, Gott als seinen Ursprung anzuerkennen; er durchbricht dadurch auch die gebührende Ausrichtung auf sein letztes Ziel, zugleich aber auch seine ganze Ordnung gegenüber sich selbst wie gegenüber den anderen Menschen und allen geschaffenen Dingen" (GS 13,1).





Folgen der Sünde Adams für die Menschheit



402 Alle Menschen sind in die Sünde Adams verwickelt. Der hl. Paulus sagt: "Durch den Ungehorsam des einen Menschen" wurden "die vielen [das heißt alle Menschen] zu Sündern" (Röm 5,19). "Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten" (Röm 5,12). Der Universalität der Sünde und des Todes setzt der Apostel die Universalität des Heils in Christus entgegen: "Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen [die Tat Christi] für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt" (Röm 5,18) (Vgl. dazu auch 430, 605).



403 Im Anschluß an den hl. Paulus lehrte die Kirche stets, daß das unermeßliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams und mit dem Umstand, daß dieser uns eine Sünde weitergegeben hat, von der wir alle schon bei der Geburt betroffen sind und "die der Tod der Seele" ist [Vgl. K. v. Trient: DS 1512]. Wegen dieser Glaubensgewißheit spendet die Kirche die Taufe zur Vergebung der Sünden selbst kleinen Kindern, die keine persönliche Sünde begangen haben [Vgl. K. v. Trient: DS 1514] (Vgl. dazu auch 2606, 1250).



404 Wieso ist die Sünde Adams zur Sünde aller seiner Nachkommen geworden? Das ganze Menschengeschlecht ist in Adam "wie der eine Leib eines einzelnen Menschen" (Thomas v. A., mal. 4,1). Wegen dieser "Einheit des Menschengeschlechtes" sind alle Menschen in die Sünde Adams verstrickt, so wie alle in die Gerechtigkeit Christi einbezogen sind. Die Weitergabe der Erbsünde ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht völlig verstehen können. Durch die Offenbarung wissen wir aber, daß Adam die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht für sich allein erhalten hatte, sondern für die ganze Menschennatur. Indem Adam und Eva dem Versucher nachgeben, begehen sie eine persönliche Sünde, aber diese Sünde trifft die Menschennatur, die sie in der Folge im gefallenen Zustand weitergeben [Vgl. K. v. Trient: DS 1511-1512]. Sie ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weitergegeben wird, nämlich durch die Weitergabe einer menschlichen Natur, die der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelt. Deswegen ist die Erbsünde "Sünde" in einem übertragenen Sinn: Sie ist eine Sünde, die man "miterhalten", nicht aber begangen hat, ein Zustand, keine Tat (Vgl. dazu auch 360, 50).



405 Obwohl "einem jeden eigen" [Vgl. K. v. Trient: DS 1513], hat die Erbsünde bei keinem Nachkommen Adams den Charakter einer persönlichen Schuld. Der Mensch ermangelt der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, aber die menschliche Natur ist nicht durch und durch verdorben, wohl aber in ihren natürlichen Kräften verletzt. Sie ist der Verstandesschwäche, dem Leiden und der Herrschaft des Todes unterworfen und zur Sünde geneigt; diese Neigung zum Bösen wird "Konkupiszenz" genannt. Indem die Taufe das Gnadenleben Christi spendet, tilgt sie die Erbsünde und richtet den Menschen wieder auf Gott aus, aber die Folgen für die Natur, die geschwächt und zum Bösen geneigt ist, verbleiben im Menschen und verpflichten ihn zum geistlichen Kampf (Vgl. dazu auch 2515, 1264).



406 Die Lehre der Kirche über die Weitergabe der Ursünde ist vor allem im 5. Jahrhundert geklärt worden, besonders unter dem Anstoß des antipelagianischen Denkens des hl. Augustinus, und im 16. Jahrhundert im Widerstand gegen die Reformation. Pelagius vertrat die Ansicht, der Mensch könne allein schon durch die natürliche Kraft seines freien Willens, ohne der Gnadenhilfe Gottes zu bedürfen, ein sittlich gutes Leben führen, und beschränkte so den Einfluß der Sünde Adams auf den eines schlechten Beispiels. Die ersten Reformatoren dagegen lehrten, der Mensch sei durch die Erbsünde von Grund auf verdorben und seine Freiheit sei zunichte gemacht worden. Sie identifizierten die von jedem Menschen ererbte Sünde mit der Neigung zum Bösen, der Konkupiszenz, die unüberwindbar sei. Die Kirche hat sich insbesondere 529 auf der zweiten Synode von Orange [Vgl. DS 371-372] und 1546 auf dem Konzil von Trient [Vgl. DS 1510-1516] über den Sinngehalt der Offenbarung von der Erbsünde ausgesprochen.





Ein harter Kampf ...



407 Die Lehre von der Erbsünde - in Verbindung mit der Lehre von der Erlösung durch Christus - gibt einen klaren Blick dafür, wie es um den Menschen und sein Handeln in der Welt steht. Durch die Sünde der Stammeltern hat der Teufel eine gewisse Herrschaft über den Menschen erlangt, obwohl der Mensch frei bleibt. Die Erbsünde führt zur "Knechtschaft unter der Gewalt dessen, der danach ,die Herrschaft des Todes innehatte, das heißt des Teufels' (Hebr 2,14)" (K. v. Trient: DS 1511). Zu übersehen, daß der Mensch eine verwundete, zum Bösen geneigte Natur hat, führt zu schlimmen Irrtümern im Bereich der Erziehung, der Politik, des gesellschaftlichen Handelns [Vgl. CA25] und der Sittlichkeit (Vgl. dazu auch 2015, 2852, 1888).



408 Die Folgen der Erbsünde und aller persönlichen Sünden der Menschen bringen die Welt als Ganze in eine sündige Verfassung, die mit dem Evangelisten Johannes "die Sünde der Welt" (Joh 1,29) genannt werden kann. Mit diesem Ausdruck bezeichnet man den negativen Einfluß, den die Gemeinschaftssituationen und Gesellschaftsstrukturen, die aus den Sünden der Menschen hervorgegangen sind, auf die Menschen ausüben [Vgl. RP16] (Vgl. dazu auch 1869).



409 Diese dramatische Situation der "ganzen Welt", die "unter der Gewalt des Bösen" steht (1 Joh 5,19) [Vgl. 1 Petr 5,8], macht das Leben des Menschen zu einem Kampf (Vgl. dazu auch 2516):



"Die gesamte Geschichte der Menschen durchzieht nämlich ein hartes Ringen gegen die Mächte der Finsternis, ein Ringen, das schon am Anfang der Welt begann und nach dem Wort des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird. In diesen Streit hineingezogen, muß sich der Mensch beständig darum bemühen, dem Guten anzuhangen, und er kann nicht ohne große Anstrengung in sich mit Gottes Gnadenhilfe die Einheit erlangen" (GS 37,2).





IV "Du hast ihn nicht der Macht des Todes überlassen"



410 Nach seinem Fall wurde der Mensch von Gott nicht aufgegeben. Im Gegenteil, Gott ruft ihn [Vgl. Gen 3,9] und kündigt ihm auf geheimnisvolle Weise den Sieg über das Böse und die Erhebung aus seinem Fall an. Diese Stelle des Buches Genesis [Gen 3,15] wird "Protoevangelium" genannt, da sie die erste Ankündigung des erlösenden Messias sowie eines Kampfes zwischen der Schlange und der Frau und des Endsieges eines Nachkommens der Frau ist (Vgl. dazu auch 55, 705, 1609, 2568).



411 Die christliche Überlieferung sieht in dieser Stelle die Ankündigung des "neuen Adam" [Vgl. 1 Kor 15,21-22.45], der durch seinen "Gehorsam bis zum Tod am Kreuz" (Phil 2,8) den Ungehorsam Adams mehr als nur wiedergutmacht [Vgl. Röm 5,19-20]. Übrigens sehen zahlreiche Kirchenväter und -lehrer in der im "Protoevangelium" angekündigten Frau die Mutter Christi, Maria, als die "neue Eva". Ihr ist als erster und auf einzigartige Weise der von Christus errungene Sieg über die Sünde zugute gekommen: sie wurde von jeglichem Makel der Erbsünde unversehrt bewahrt [Vgl. Pius IX.: DS 2803] und beging durch eine besondere Gnade Gottes während ihres ganzen Erdenlebens keinerlei Sünde [Vgl. K. v. Trient: DS 1573] (Vgl. dazu auch 359, 615, 491).



412 Aber warum hat Gott den ersten Menschen nicht daran gehindert, zu sündigen? Der hl. Leo der Große antwortet: "Wertvoller ist das, was uns durch die unbeschreibliche Gnade des Herrn zuteil wurde, als was wir durch des Teufels Neid verloren hatten" (serm. 73,4). Und der hl. Thomas von Aquin: "Auch nach der Sünde blieb die Möglichkeit einer Höherführung der Natur. Gott läßt ja das Böse nur zu, um etwas Besseres daraus entspringen zu lassen: ,Wo die Sünde mächtig wurde, ist die Gnade übergroß geworden' (Röm 5,20). Darum wird bei der Weihe der Osterkerze gesungen: ,O glückliche Schuld, die einen solchen großen Erlöser zu haben verdient hat!"' (s. th. 3,1,3 ad 3) (Vgl. dazu auch 310, 395, 272, 1994).







KURZTEXTE





413 "Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden ... Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt" (Weish 1,13; 2,24).



414 Satan oder der Teufel und die weiteren Dämonen waren einst Engel, sind aber gefallen, weil sie sich aus freiem Willen weigerten, Gott und seinem Ratschluß zu dienen. Ihre Entscheidung gegen Gott ist endgültig. Sie suchen, den Menschen in ihren Aufstand gegen Gott hineinzuziehen.



415 "Obwohl in Gerechtigkeit von Gott begründet, hat der Mensch dennoch auf Anraten des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an seine Freiheit mißbraucht, indem er sich gegen Gott erhob und sein Ziel außerhalb Gottes erreichen wollte" (GS 13,1).



416 Durch seine Sünde hat Adam als der erste Mensch die ursprüngliche Heiligkeit verloren, die er von Gott nicht nur für sich, sondern für alle Menschen erhalten hatte.



417 Adam und Eva haben ihren Nachkommen die durch ihre erste Sünde verwundete, also der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelnde menschliche Natur weitergegeben. Dieser Mangel wird "Erbsünde" genannt.



418 Infolge der Erbsünde ist die menschliche Natur in ihren Kräften geschwächt, der Unwissenheit, dem Leiden und der Herrschaft des Todes unterworfen und zur Sünde geneigt. Diese Neigung heißt "Konkupiszenz".



419 "Wir halten, dem Konzil von Trient folgend, daran fest, daß die Erbsünde zusammen mit der menschlichen Natur durch Fortpflanzung übertragen wird und nicht etwa bloß durch Nachahmung, und daß sie jedem Menschen als ihm eigen innewohnt" (SPF 16).



420 Der Sieg Christi über die Sünde hat uns bessere Güter gegeben als die, welche die Sünde uns weggenommen hatte. "Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden" (Röm 5,20).



421 "Nach dem Glauben der Christen wird die Welt von der Liebe des Schöpfers begründet und erhalten. Sie steht zwar unter der Knechtschaft der Sünde, wurde aber von Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, durch Brechung der Macht des Bösen befreit" (GS 2,2).













ZWEITES KAPITEL





ICH GLAUBE AN JESUS CHRISTUS,
GOTTES EINGEBORENEN SOHN





Die frohe Botschaft: Gott hat seinen Sohn gesandt





422 "Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen" (Gal 4,4-5). Das ist "die Frohbotschaft von Jesus Christus, dem Sohn Gottes" (Mk 1,1): Gott hat sein Volk besucht [Vgl. Lk 1,68]; er hat die Verheißungen erfüllt, die er Abraham und seinen Nachkommen gegeben hatte [Vgl. Lk 1,55] er hat weit mehr getan, als man je erwarten durfte: er hat seinen "geliebten Sohn" (Mk 1,11) gesandt (Vgl. dazu auch 389, 2763).



423 Wir glauben und bekennen: Jesus von Nazaret, ein Jude, zur Zeit des Königs Herodes des Großen und des Kaisers Augustus von einer Tochter Israels in Betlehem geboren, von Beruf Zimmermann und während der Herrschaft des Kaisers Tiberius unter dem Statthalter Pontius Pilatus in Jerusalem am Kreuz hingerichtet, ist der menschgewordene ewige Sohn Gottes. Er ist "von Gott ausgegangen" (Joh 13,3), "vom Himmel herabgestiegen" (Joh 3,13; 6,33), "im Fleisch gekommen" (1 Joh 4,2). Denn "das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit ... Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade um Gnade" (Joh 1,14.16).



424 Durch die Gnade des Heiligen Geistes bewegt und vom Vater angezogen, glauben und bekennen wir von Jesus: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes" (Mt 16,16). Auf den Felsen dieses Glaubens, den der hl. Petrus bekannte, hat Christus seine Kirche gebaut [Vgl. Mt 16,18; Leo d. Gr., serm. 4,3; 51,1; 62,2; 83,3] (Vgl. dazu auch 683, 552).





"Den unergründlichen Reichtum Christi verkünden" (Eph 3,8)



425 Die Weitergabe des christlichen Glaubens besteht in erster Linie in der Verkündigung Jesu Christi: sie soll zum Glauben an ihn führen. Von Anfang an brannten die ersten Jünger vor Verlangen, Christus zu verkünden: "Wir können unmöglich von dem schweigen, was wir gesehen und gehört haben" (Apg 4,20). Und sie laden die Menschen aller Zeiten ein, in die Freude ihrer Gemeinschaft mit Christus einzutreten (Vgl. dazu auch 850, 858):



"Was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefaßt haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist" (1 Joh 1,1-4).





Christus ist die Mitte der Katechese



426 "Im Kern der Katechese finden wir wesentlich eine Person vor, nämlich Jesus von Nazaret, einziger Sohn vom Vater ..., der für uns gelitten hat und gestorben ist und der jetzt als der Auferstandene immer für uns lebt ... Katechisieren heißt ... in der Person Christi den gesamten ewigen Plan Gottes aufzuzeigen, der sich in ihr erfüllt. Es ist das Bemühen, die Bedeutung der Taten und Worte Christi und der von ihm gewirkten Zeichen zu verstehen" (CT 5). "Ziel der Katechese" ist es, die Menschen "in Lebenseinheit mit Jesus Christus zu bringen; er allein kann zur Liebe des Vaters im Heiligen Geiste hinführen und uns Anteil am Leben der heiligsten Dreifaltigkeit geben" (ebd.) (Vgl. dazu auch 1698, 513, 260).



427 "In der Katechese wird nur Christus, das fleischgewordene Wort und der Sohn Gottes, gelehrt - und alles andere im Hinblick auf ihn. Und Christus allein ist Lehrer, jeder andere nur in dem Maße, wie er Christi Wort weitergibt und so Christus ermöglicht, durch seinen Mund zu lehren ... Jeder Katechet müßte auf sich selber die geheimnisvollen Worte Jesu anwenden können: ,Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat' (Joh 7,16)" (CT 6) (Vgl. dazu auch 2145. 876).



428 Wer den Auftrag hat, "Christus zu lehren", muß somit zuerst nach der "alles überbietenden Erkenntnis Christi Jesu" suchen; er muß bereit sein, "alles aufzugeben, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein", ihn zu "erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden", von seinem Tod geprägt zu werden, um "auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen" (Phil 3,8-11).



429 Diese liebende Erkenntnis Christi weckt das Verlangen, zu verkünden, zu "evangelisieren" und andere zum Ja des Glaubens an Jesus Christus zu führen. Gleichzeitig wird das Bedürfnis verspürt, diesen Glauben immer besser kennenzulernen. Zu diesem Zweck werden dem Aufbau des Glaubensbekenntnisses entsprechend zunächst die Hoheitstitel Jesu dargelegt: Christus, der Sohn Gottes, der Herr (Artikel 2). Das Credo bekennt sodann die Hauptmysterien des Lebens Christi: seine Menschwerdung (Artikel 3), sein Pascha (Artikel 4 und 5) und schließlich seine Verherrlichung (Artikel 6 und 7).









ARTIKEL 2 "UND AN JESUS CHRISTUS,

SEINEN EINGEBORENEN SOHN,

UNSEREN HERRN"





I Jesus



430 "Jesus" bedeutet auf hebräisch "Gott rettet". Bei der Verkündigung gibt der Engel Gabriel ihm den Namen Jesus, der besagt, wer er ist, und zugleich, wozu er gesandt ist [Vgl. Lk 1,31]. Weil niemand "Sünden vergeben" kann "außer dem einen Gott" (Mk 2,7), ist er es, der in Jesus, seinem menschgewordenen ewigen Sohn, "sein Volk von seinen Sünden erlösen" wird (Mt 1,21). In Jesus faßt also Gott sein ganzes Heilswirken für die Menschen zusammen (Vgl. dazu auch 210, 402).



431 In der Geschichte des Heils begnügte Gott sich nicht damit, Israel aus dem "Sklavenhaus" zu befreien (Dtn 5,6), indem er es aus Ägypten herausführte. Er rettet Israel auch aus seiner Sünde. Weil die Sünde stets eine Beleidigung Gottes ist [Vgl. Ps 51,6], kann allein er von ihr lossprechen [Vgl. Ps 51,12]. Darum wird Israel, das sich der allgemeinen Verbreitung der Sünde immer mehr bewußt wird, das Heil nur darin finden, daß es den Namen des Erlösergottes anruft [Vgl. Ps 79,9] (Vgl. dazu auch 1850, 1441, 388).



432 Der Name Jesus besagt, daß der Name Gottes in der Person seines Sohnes zugegen ist [Vgl. Apg 5,41; 3 Joh 7]. Er wurde Mensch, um alle endgültig von den Sünden zu erlösen. Jesus ist der göttliche Name, der allein Heil bringt [Vgl. Joh 3,18; Apg 2,21]. Er kann nunmehr von allen angerufen werden, weil Gott sich durch die Fleischwerdung seines Sohnes mit allen Menschen sosehr vereint hat [Vgl. Röm 10,6-13], daß "uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben ist, durch den wir gerettet werden sollen" (Apg 4, 12) [Vgl. Apg 9,14; Jak 2,7] (Vgl. dazu auch 589, 2666, 389, 161).



433 Der Name des Rettergottes wurde zur Sühnung der Sünden Israels nur einmal im Jahr vom Hohenpriester angerufen, wenn er die Sühneplatte des Allerheiligsten mit dem Blut des Opfertieres besprengte [Vgl. Lev 16,15-16; Sir 50,20; Hebr 9,7]. Die Sühneplatte war die Stätte der Gegenwart Gottes [Vgl. Ex 25,22; Lev l6,2; Num 7,89; Hebr 9,5]. Wenn der hl. Paulus von Jesus sagt: "Ihn hat Gott als Sühne hingestellt in seinem eigenen Blut" (Röm 3,25), meint er damit, daß es in dessen Menschennatur "Gott war ... der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat" (2 Kor 5, 19) (Vgl. dazu auch 615).



434 Die Auferstehung Jesu verherrlicht den Namen des Rettergottes [Vgl. Joh 12,28], denn von nun an bekundet der Name Jesus voll und ganz die erhabene Macht des Namens, "der größer ist als alle Namen" (Phil 2,9). Die bösen Geister haben vor seinem Namen Angst [Vgl. Apg l6,16], und die Jünger Jesu wirken in seinem Namen Wunder [Vgl. Mk l6,17], denn alles, worum sie den Vater in seinem Namen bitten, wird er ihnen gewähren. [Vgl. Joh 15,16] (Vgl. dazu auch 1812, 2614).



435 Der Name Jesu ist das Herz des christlichen Betens. Liturgische Gebete schließen mit der Formel "durch [Jesus] Christus, [deinen Sohn,] unseren Herrn .. ." Das "Ave Maria" gipfelt in "Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes: Jesus". Das ostkirchliche Herzensgebet, das sogenannte Jesusgebet, lautet: "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, hab' Erbarmen mit mir Sünder!". Viele Christen sterben, wie die hl. Jeanne d'Arc, mit dem Wort "Jesus" auf den Lippen (Vgl. dazu auch 2667-2668, 2676).





II Christus



436 "Christus" ist das griechische Wort für den hebräischen Ausdruck "Messias", der "Gesalbter" bedeutet. Zum Eigennamen Jesu wird es deshalb, weil Jesus die göttliche Sendung, die "Christus" bedeutet, vollkommen erfüllt. In Israel wurden nämlich im Namen Gottes die Menschen gesalbt, die vom Herrn für eine erhaltene Sendung geweiht ,wurden. Das war bei den Königen der Fall [Vgl. 1 Sam 9,16; 10,1; 16,1.12-13; 1 Kön 1,39], bei den Priestern [Vgl. Ex 29,7; Lev 8,12] und in seltenen Fällen bei den Propheten [Vgl. 1 Kön 19,16]. Vor allem sollte dies der Fall sein beim Messias, den Gott senden würde, um sein Reich endgültig zu errichten [Vgl. Ps 2,2; Apg 4,26-27]. Der Messias sollte durch den Geist des Herrn [Vgl. Jes 11,2] zugleich zum König und zum Priester [Vgl. Sach 4,14; 6,13], aber auch zum Propheten [Vgl. Jes 61,1; Lk 4,16-21] gesalbt werden. Jesus hat in seinem dreifachen Amt als Priester, Prophet und König die messianische Hoffnung Israels erfüllt. (Vgl. dazu auch 690, 695,783,711-716)



437 Der Engel verkündete den Hirten die Geburt Jesu, des für Israel verheißenen Messias: "Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr" (Lk 2,11). Von Anfang an ist Jesus der, "den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat" (Joh 10,36), da er im jungfräulichen Schoß Marias als "heilig" [Vgl. Lk l,35] empfangen wurde. Josef wird von Gott aufgefordert, Maria als seine Frau zu sich zu nehmen - "denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist" (Mt 1,20) -, damit Jesus, "der der Christus genannt wird", von der Frau Josefs als messianischer Nachkomme Davids geboren werde (Mt 1, 16) [Vgl. Röm l,3; 2 Tim 2,8; Offb 22,16] (Vgl. dazu auch 525, 486).



438 Die Weihe Jesu zum Messias bekundet seine göttliche Sendung. "Der Name Christus bedeutet den, der salbt, den, der gesalbt wurde, und die Salbung selbst, mit der er gesalbt wurde. Es salbte aber der Vater, gesalbt wurde der Sohn in dem Geiste, der die Salbung ist" (Irenäus, hæer. 3, 18,3). Seine ewige messianische Salbung wurde in der Zeit seines Erdenlebens bei seiner Taufe durch Johannes geoffenbart, als ihn Gott salbte "mit dem Heiligen Geist und mit Kraft" (Apg 10,38), "damit er Israel offenbar würde" (Joh 1,31) als sein Messias. Seine Werke und seine Worte bekunden, daß er "der Heilige Gottes" ist (Mk 1,24; Joh 6,69; Apg 3,14) (Vgl. dazu auch 727, 535).



439 Viele Juden und selbst einzelne Heiden, die ihre Hoffnung teilten, erkannten in Jesus die Grundzüge des messianischen "Davidssohnes", den Gott Israel verheißen hatte [Vgl. Mt 2,2; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30; 21,9.15]. Jesus hat den Titel Messias, auf den er Anspruch hatte [Vgl. Joh 4,25-26; 11,27], gelten lassen, aber nicht vorbehaltlos, denn dieser Titel war mißverständlich, wurde er doch von einem Teil seiner Zeitgenossen allzumenschlich [Vgl. Mt 22,41-46], im Grunde politisch [Vgl. Joh 6,15; Lk 24,21] aufgefaßt (Vgl. dazu auch 528-529, 547).



440 Jesus nahm das Glaubensbekenntnis des Petrus, der ihn als Messias anerkannte, entgegen, kündigte aber im Anschluß daran das dem Menschensohn bevorstehende Leiden an [Vgl. Mt 16, 16-23]. Er offenbarte, daß sein Messiaskönigtum sowohl in seiner göttlichen Herkunft als Menschensohn liege, "der vom Himmel herabgestiegen ist" (Joh 3, 13) [Vgl. Joh 6,62; Dan 7,13], als auch in seiner Erlösersendung als leidender Gottesknecht: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mt 20,28) [Vgl. Jes 53,10-12]. Darum wird der wahre Sinn seines Königtums erst vom Kreuz herab kundgetan [Vgl. Joh 19,19-22; Lk 23,39-43]. Erst nach seiner Auferstehung kann sein Messiaskönigtum von Petrus vor dem .Gottesvolk verkündet werden: "Mit Gewißheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt" (Apg 2,36) (Vgl. dazu auch 552, 550, 445).





III Gottes eingeborener Sohn



441 "Gottessohn" ist im Alten Testament ein Titel, der den Engeln gegeben wird [Vgl. Dtn 32,8 LXX; Ijob 1,6], dem auserwählten Volk [Vgl. Ex 4,22; Hos 11,1; Jer 3,19; Sir 36,11; Weish 18,3], den Kindern Israels [Vgl. Dtn 14,1; Hos 2,1] und seinen Königen [Vgl. 2 Sam 7,14; Ps 82,6]. Er bedeutet eine Adoptivsohnschaft, die zwischen Gott und seinem Geschöpf eine besonders innige Verbindung herstellt. Wenn der verheißene MessiasKönig "Sohn Gottes" genannt wird [Vgl. 1 Chr 17,13; Ps 2,7], so heißt das dem wörtlichen Sinn dieser Texte nach nicht unbedingt, daß er mehr als ein bloßer Mensch ist. Jene, die Jesus als den Messias Israels [Vgl. Mt 27,54] so bezeichneten, wollten vielleicht damit nicht mehr sagen [Vgl. Lk 23,47-18].



442 Das gilt nicht für Petrus, wenn er Jesus als den "Messias, den Sohn des lebendigen Gottes" bekennt (Mt 16,16), denn dieser antwortet darauf feierlich: "Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel" (Mt 16,17). Ebenso sagt Paulus im Blick auf seine Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus: "Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate ..." (Gal 1,15-16). "Und sogleich verkündete er Jesus in den Synagogen und sagte: Er ist der Sohn Gottes" (Apg 9,20). Dieses Bekenntnis war von Anfang an [Vgl. 1 Thess 1,10] das Zentrum des apostolischen Glaubens [Vgl. Joh 20,31]. Als erster hat Petrus diesen Glauben als Fundament der Kirche bekannt [Vgl. Mt 16,18] (Vgl. dazu auch 552, 424).



443 Petrus konnte den transzendenten Charakter der Gottessohnschaft Jesu, des Messias, deshalb erkennen, weil Jesus diesen deutlich zu verstehen gegeben hatte. Auf die Frage seiner Ankläger: "Du bist also der Sohn Gottes?" antwortete Jesus vor dem Hohen Rat: "Ihr sagt es - ich bin es" (Lk 22,70) [Vgl. Mt 26,64; Mk 14,61]. Schon lange vorher hatte er sich als den "Sohn" bezeichnet, der den Vater kennt [Vgl. Mt 11,27; 21,37-38] und sich von den "Knechten" unterscheidet, die Gott früher seinem Volk geschickt hatte [Vgl. Mt 21,34-36], und der sogar höher steht als die Engel [Vgl. Mt 24,36]. Er unterschied seine Sohnschaft von derjenigen der Jünger, indem er nie "unser Vater" sagte [Vgl. Mt 5,48; 6,8; 7,21; Lk 11,13], außer um ihnen aufzutragen: "So sollt ihr beten: Unser Vater" (Mt 6,9). Ja, er hob den Unterschied deutlich hervor. "mein Vater und euer Vater (Joh 20,17) (Vgl. dazu auch 2786).



444 Wie die Evangelien berichten, ertönte in zwei feierlichen Momenten, bei der Taufe und der Verklärung Christi, die Stimme des Vaters, der ihn als seinen "geliebten Sohn" bezeichnete [Vgl. Mt 3,17; 17,5]. Jesus nennt sich Gottes "eingeborenen [einziggezeugten] Sohn" (Joh 3,16) und bekräftigt damit seine ewige Präexistenz [Vgl. Joh 10,36]. Er verlangt, "an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes" (Joh 3,18) zu glauben. Dieses christliche Bekenntnis erscheint schon im Ausruf des Hauptmanns angesichts des am Kreuze hängenden Jesus: "Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!" (Mk 15,39). Denn erst im Pascha-Mysterium kann der Glaubende dem Titel "Sohn Gottes" seine volle Bedeutung geben (Vgl. dazu auch 536, 554).



445 Nach der Auferstehung Jesu tritt seine Gottessohnschaft in der Macht seiner verherrlichten Menschennatur zutage: Er ist "dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ... als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten" (Röm 1,4) [Vgl. Apg 13,33]. Die Apostel können dann bekennen: "Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit" (Joh 1,14) (Vgl. dazu auch 653).





IV Herr



446 In der griechischen Übersetzung der Bücher des Alten Testamentes [LXX] wird der nicht auszusprechende Name JHWH, unter dem sich Gott offenbart hat [Vgl. Ex 3,14], mit "Kyrios" [Herr] wiedergegeben. "Herr" wird somit zur gebräuchlichsten Bezeichnung für die Gottheit des Gottes Israels. In diesem strengen Sinn verwendet das Neue Testament den Titel "Herr" für den Vater, aber auch zugleich - und das ist das Neue - für Jesus, der so als Gott selbst anerkannt wird [Vgl. 1 Kor 2,8] (Vgl. dazu auch 209).



447 Jesus selbst nahm auf verhüllte Weise diesen Titel in Anspruch, als er mit den Pharisäern über den Sinn des Psalmes 110 diskutiert [Vgl. Mt 22,41-46 sowie Apg 2,34-36; Hebr 1,13]. Ausdrücklich gebraucht er den Titel "Herr" im Gespräch mit den Jüngern [Vgl. Joh 13,13]. Während seines ganzen öffentlichen Lebens zeigen seine Taten, daß er Herr ist über die Natur, die Krankheiten, die Dämonen, den Tod und die Sünde und somit göttliche Herrschaft besitzt (Vgl. dazu auch 548).



448 In den Berichten der Evangelien nennen Menschen, die sich an Jesus wenden, ihn sehr oft "Herr". In dieser Betitelung äußern sich die Hochachtung und das Vertrauen derer, die sich Jesus nahen und von ihm Hilfe und Heilung erwarten [Vgl. z. B. Mt 8,2; 14,30; 15,22]. Wenn vom Heiligen Geist eingegeben, spricht aus dieser Anrede die Erkenntnis des göttlichen Mysteriums Jesu [Vgl. Lk 1,43; 2,11]. In der Begegnung mit dem auferweckten Jesus wird sie zur Anbetung: "Mein Herr und mein Gott!" (Joh 20,28). "Herr" erhält dann einen Klang von Liebe und Zuneigung, der in der christlichen Tradition immer mitschwingen wird: "Es ist der Herr!" (Joh 21,7) (Vgl. dazu auch 208, 683, 641).



449 Die ersten Glaubensbekenntnisse der Kirche legen Jesus von Anfang an den göttlichen Würdetitel "Herr" bei [Vgl. Apg 2,34-36]. Damit sagen sie, daß die Macht, die Ehre und Herrlichkeit, die Gott gebühren, auch Jesus zukommen [Vgl. Röm 9,5; Tit 2,13; Offb 5,13], weil er "Gott gleich" ist (Phil 2,6). Der Vater hat diese Herrscherwürde Jesu kundgetan, indem er ihn von den Toten auferweckte und in seine Herrlichkeit erhob [Vgl. Röm 10,9; 1 Kor 12,3; Phil 2,9-11] (Vgl. dazu auch 461, 653).



450 Vom Beginn der christlichen Geschichte an bedeutet die Aussage, daß Jesus Herr über die Welt und die Geschichte ist [Vgl. Offb 11,15], auch, daß der Mensch seine personale Freiheit keiner irdischen Gewalt absolut unterwerfen darf, sondern einzig Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus: Nicht Cäsar ist "der Herr" [Vgl. Mk 12,17; Apg 5,29]. "Die Kirche glaubt ..., daß in ihrem Herrn und Meister der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte zu finden ist" (GS 10,2) [10 Vgl. GS 45,2] (Vgl. dazu auch 668-672, 2242).



451 Der Titel "Herr" gibt dem christlichen Gebet sein Gepräge. Denken wir an die Gebetseinladung "Der Herr sei mit euch" oder an den Gebetsschluß "durch Jesus Christus, ... unseren Herrn" oder auch an den vertrauens- und hoffnungsvollen Ruf "Maran atha" [Der Herr kommt] oder "Marána tha" [Komm, Herr!] (1 Kor 16,22). "Amen. Komm, Herr Jesus!" (Offb 22,20). (Vgl. dazu auch 2664-2665, 2817).







KURZTEXTE





452 Der Name "Jesus" bedeutet "Gott rettet". Das Kind der Jungfrau Maria wird "Jesus" genannt, "denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen" (Mt 1,21). "Es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen" (Apg 4,12).



453 "Christus" bedeutet "Gesalbter", "Messias". Jesus ist der Christus, weil "Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft" (Apg 10,38). Er war "der, der da kommen soll" (Lk 7,19), die "Hoffnung Israels" (Apg 28,20).



454 "Sohn Gottes" besagt die einzigartige, ewige Beziehung Jesu Christi zu Gott, seinem Vater: Er ist der eingeborene Sohn des Vaters [Vgl. Joh 1,14. 18; 3, 16. 18], ja Gott selbst [Vgl. Joh 1,1]. Um Christ zu sein, muß man glauben, daß Jesus Christus der Sohn Gottes ist [Vgl. Apg 8,37; 1 Joh 2,23].



455 "Herr" bezeichnet die göttliche Herrschergewalt. Jesus als Herrn bekennen oder anrufen heißt an seine Gottheit glauben. "Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet" (1 Kor 12,3).













ARTIKEL 3 "JESUS CHRISTUS IST

EMPFANGEN DURCH DEN

HEILIGEN GEIST, GEBOREN

VON DER JUNGFRAU MARIA"







ABSATZ 1 DER SOHN GOTTES IST MENSCH GEWORDEN





I Warum ist das Wort Fleisch geworden?



456 Wir antworten, indem wir mit dem Credo von Nizäa-Konstantinopel bekennen: "Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden".



457 Das Wort ist Fleisch geworden, um uns mit Gott zu versöhnen und uns so zu retten: Gott hat "uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt" (1 Joh 4,10). Wir wissen, daß "der Vater den Sohn gesandt hat als den Retter der Welt" (1 Joh 4,14), "daß er erschienen ist, um die Sünde wegzunehmen" (1 Joh 3,5)(Vgl. dazu auch 607):



"Es bedurfte des Arztes unsere kranke Natur; es bedurfte des Aufhebers der gefallene Mensch; es bedurfte des Lebendigmachers der des Lebens Verlustige; es bedurfte des Zurückführers zum Guten der der Verbindung mit dem Guten Beraubte; es sehnte sich nach der Ankunft des Lichtes der in Finsternis Gehüllte; es verlangte nach dem Retter der Gefangene, nach dem Erlöser der Gebundene, nach dem Befreier der vom Sklavenjoch Niedergedrückte. Sind das zu geringfügige und zu unbedeutende Dinge, als daß sie hätten Gott bestimmen dürfen, wie ein Arzt zum Besuch der menschlichen Natur herabzusteigen, nachdem nun einmal die Menschheit sich in einer so kläglichen und armseligen Lage befand?" (Gregor v. Nyssa, or. catech. 14) (Vgl. dazu auch 385).



458 Das Wort ist Fleisch geworden, damit wir so die Liebe Gottes erkennen: "Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, daß Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben" (1 Joh 4,9). "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat" (Joh 3,16) (Vgl. dazu auch 219).



459 Das Wort ist Fleisch geworden, um für uns Vorbild der Heiligkeit zu sein: "Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir ..." (Mt 11,29). "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich" (Joh 14,6). Und auf dem Berg der Verklärung gebietet der Vater: "Hört auf ihn!" (Mk 9,7) [Vgl. Dtn 6,4-5]. Jesus ist ja das Inbild der Seligpreisungen und die Norm des neuen Gesetzes: "Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe!" (Joh 15,12). Diese Liebe verlangt, in seiner Nachfolge sich selbst hinzugeben [Vgl. Mk 8,34] (Vgl. dazu auch 520, 823, 2012, 1717, 1965).



460 Das Wort ist Fleisch geworden, um uns "Anteil an der göttlichen Natur" zu geben (2 Petr 1,4): "Dazu ist das Wort Gottes Mensch geworden und der Sohn Gottes zum Menschensohn, damit der Mensch das Wort in sich aufnehme und, an Kindesstatt angenommen, zum Sohn Gottes werde" (Irenäus, hæer. 3,19,1). Das Wort Gottes "wurde Mensch, damit wir vergöttlicht würden" (Athanasius, inc. 54,3). "Weil uns der eingeborene Sohn Gottes Anteil an seiner Gottheit geben wollte, nahm er unsere Natur an, wurde Mensch, um die Menschen göttlich zu machen" (Thomas v. A., opusc. 57 in festo Corp. Chr. 1) (Vgl. dazu auch 1265, 1391, 1988).





II Die Menschwerdung



461 Im Anschluß an die Sprechweise des hl. Johannes ("Verbum caro factum est - das Wort ist Fleisch geworden": Joh 1,14) nennt die Kirche das Geschehnis, daß der Sohn Gottes eine menschliche Natur annahm, um in ihr unser Heil zu wirken, "Inkarnation" [Fleisch- oder Menschwerdung]. In einem beim hl. Paulus bezeugten Hymnus besingt die Kirche das Inkarnationsgeheimnis (Vgl. dazu auch 653, 661, 449):



"Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest' wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz" (Phil 2,5-8) [Vgl. LH, Canticum 1. Sonntagsvesper].



462 Der Hebräerbrief sagt vom gleichen Mysterium:



"Darum spricht Christus bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen; an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. Da sagte ich: Ja, ich komme ..., um deinen Willen, Gott, zu tun" (Hebr 10,5-7; Ps 40,7-9 LXX anführend).



463 Der Glaube an die tatsächliche Menschwerdung des Sohnes Gottes ist das entscheidende Kennzeichen des christlichen Glaubens: "Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus sei im Fleisch gekommen, ist aus Gott" (1 Joh 4,2). Das ist von Anfang an die freudige Überzeugung der Kirche. Sie besingt "das große Geheimnis der Frömmigkeit": "Er wurde offenbart im Fleisch" (1 Tim 3,16) (Vgl. dazu auch 90).





III Wahrer Gott und wahrer Mensch



464 Das ganz einzigartige und einmalige Ereignis der Menschwerdung des Sohnes Gottes bedeutet nicht, daß Jesus Christus zum Teil Gott und zum Teil Mensch wäre oder daß er das Ergebnis einer unklaren Vermischung von Göttlichem und Menschlichem wäre. Er ist wahrhaft Mensch geworden und dabei doch wahrhaft Gott geblieben. Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Im Laufe der ersten Jahrhunderte mußte die Kirche diese Glaubenswahrheit gegenüber mißdeutenden Irrlehren verteidigen und klären (Vgl. dazu auch 88).



465 Die ersten Häresien haben weniger die Gottheit Christi als sein wahres Menschsein geleugnet [gnostischer Doketismus]. Schon zur Zeit der Apostel betonte der christliche Glaube die wahre Menschwerdung des Sohnes Gottes, der "im Fleisch gekommen" ist [Vgl. 1 Joh 4,2-3;2 Joh 7]. Bereits im 3. Jahrhundert aber mußte die Kirche auf einem in Antiochien versammelten Konzil gegenüber Paul von Samosata bekräftigen, daß Jesus Christus von Natur aus und nicht durch Adoption Sohn Gottes ist. In seinem Credo bekannte im Jahr 325 das erste Ökumenische Konzil, das Konzil von Nizäa, daß der Sohn Gottes "gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit [homoúsios] dem Vater" ist. Es verurteilte Arius, der behauptete, "der Sohn Gottes [sei] aus nichts" (DS 130) und "aus einer anderen Substanz oder Wesenheit" als der Vater (DS 126) (Vgl. dazu auch 242).



466 Die nestorianische Häresie erblickte in Christus eine mit der göttlichen Person des Sohnes Gottes verbundene menschliche Person. Dieser Irrlehre gegenüber bekannten der hl. Cyrill von Alexandrien und das dritte Ökumenische Konzil, das 431 in Ephesus versammelt war, "daß das Wort, indem es das mit einer vernunftbegabten Seele beseelte Fleisch mit sich selbst der Hypostase [Person] nach einte, ... Mensch geworden" ist (DS 250). Die menschliche Natur Christi hat kein anderes Subjekt als die göttliche Person des Sohnes Gottes, die sie angenommen und schon bei der Empfängnis sich zu eigen gemacht hat. Deswegen hat das gleiche Konzil verkündet, daß Maria dadurch, daß sie den Sohn Gottes in ihrem Schoß empfing, wirklich "Gottesgebärerin" geworden ist, "nicht etwa, weil die Natur des Wortes beziehungsweise seine Gottheit den Anfang des Seins aus der heiligen Jungfrau genommen hätte, sondern weil der vernünftig beseelte heilige Leib aus ihr geboren wurde; mit ihm hat sich das Wort der Hypostase [Person] nach geeint, und deshalb wird von ihm gesagt, es sei dem Fleische nach geboren worden" (DS 251) (Vgl. dazu auch 495).



467 Die sogenannten Monophysiten behaupteten, die menschliche Natur habe als solche in Christus zu bestehen aufgehört, als sie von seiner göttlichen Person, dem Sohne Gottes, angenommen wurde. Gegenüber dieser Häresie hat 451 das vierte Ökumenische Konzil, das von Chalkedon, erklärt:



"In der Nachfolge der heiligen Väter lehren wir alle übereinstimmend, unseren Herrn Jesus Christus als ein und denselben Sohn zu bekennen; derselbe ist vollkommen in der Gottheit und derselbe ist vollkommen in der Menschheit; derselbe ist wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch aus vernunftbegabter Seele und Leib; derselbe ist der Gottheit nach dem Vater wesensgleich und der Menschheit nach uns wesensgleich, ,in allem uns gleich außer der Sünde' (Hebr 4,15). Derselbe wurde einerseits der Gottheit nach vor den Zeiten aus dem Vater gezeugt, andererseits der Menschheit nach in den letzten Tagen unsertwegen und um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau [und] Gottesgebärerin, geboren.



Ein und derselbe ist Christus, der einziggeborene Sohn und Herr, der in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar erkannt wird, wobei nirgends wegen der Einung der Unterschied der Naturen aufgehoben ist, vielmehr die Eigentümlichkeit jeder der beiden Naturen gewahrt bleibt und sich in einer einzigen Person und einer einzigen Hypostase vereinigt" (DS 301-302).



468 Nach dem Konzil von Chalkedon faßten einige die menschliche Natur Christi als eine Art eigenständige Person auf. Ihnen gegenüber bekannte 553 das fünfte Ökumenische Konzil, das von Konstantinopel, in bezug auf Christus "eine einzige Hypostase [Person] ..., die der Herr Jesus Christus ist, einer der heiligen Dreifaltigkeit" (DS 424). Alles an der Menschennatur Christi ist somit seiner göttlichen Person als ihrem eigentlichen Träger zuzuschreiben [so schon das K. v. Ephesus: DS 255], nicht nur die Wunder, sondern auch die Leiden [Vgl. DS 424] und sogar der Tod, weil unser "im Fleisch gekreuzigter Herr Jesus Christus wahrer Gott und Herr der Herrlichkeit und einer der heiligen Dreifaltigkeit ist" (DS 432) (Vgl. dazu auch 254. 616).



469 Die Kirche bekennt so, daß Jesus untrennbar wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Er ist wirklich der Sohn Gottes, Mensch geworden, unser Bruder, und dies ohne aufzuhören, Gott, unser Herr zu sein (Vgl. dazu auch 212):



"Er blieb, was er war, und nahm an, was er nicht war", singt die römische Liturgie (LH, Antiphon der Laudes vom 1. Januar) [Vgl. hl. Leo d. Gr., serm. 21, 2-3]. Und die Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus verkündet und singt: "O eingeborener Sohn und Wort Gottes, obwohl unsterblich, hast du dich um unseres Heiles willen gewürdigt, Fleisch anzunehmen von der heiligen Gottesmutter und allzeit jungfräulichen Maria. Du bist ohne Veränderung Mensch geworden und gekreuzigt worden, o Christus, Gott; du hast durch deinen Tod den Tod vernichtet; du bist einer der heiligen Dreifaltigkeit, mit dem Vater und dem Heiligen Geist verherrlicht; rette uns!" (Troparion "O monogenis").





IV Wie der Sohn Gottes Mensch ist



470 Da in der Fleischwerdung, dieser geheimnisvollen Vereinigung, "die menschliche Natur angenommen, nicht aufgehoben wurde" (GS 22,2), sah sich die Kirche im Lauf der Jahrhunderte veranlaßt, die volle Wirklichkeit der menschlichen Seele Christi, mit ihren Verstandes- und Willenstätigkeiten, wie auch seines menschlichen Leibes zu bekennen. Doch gleichzeitig mußte sie jeweils daran erinnern, daß die menschliche Natur Christi der göttlichen Person des Sohnes Gottes angehört, von der sie angenommen worden ist. Alles, was Christus in seiner Person ist und tut, ist und tut "einer der Dreifaltigkeit". Der Sohn Gottes teilt also seiner Menschennatur seine eigene, persönliche Daseinsweise in der Trinität mit. In seiner Seele wie in seinem Leibe bringt folglich Christus das Leben der heiligsten Dreifaltigkeit menschlich zum Ausdruck [Vgl. Joh 14, 9-10] (Vgl. dazu auch 516, 626):



"Denn er, der Sohn Gottes, hat ... mit menschlichen Händen ... gearbeitet, mit menschlichem Geist gedacht, mit einem menschlichen Willen gehandelt, mit einem menschlichen Herzen geliebt. Geboren von Maria, der Jungfrau, ist er in Wahrheit einer aus uns geworden, in allem uns gleich außer der Sünde" (GS 22,2) (Vgl. dazu auch 2599).





Die menschliche Seele und die menschliche Erkenntnis Christi



471 Apollinaris von Laodizäa behauptete, in Christus sei das Wort an die Stelle der Seele oder des Geistes getreten. Gegenüber diesem Irrtum hat die Kirche bekannt, daß der ewige Sohn auch eine vernunftbegabte menschliche Seele angenommen hat [Vgl. DS 149] (Vgl. dazu auch 363).



472 Diese menschliche Seele, die der Sohn Gottes angenommen hat, ist mit wahrhaft menschlicher Erkenntnisfähigkeit begabt. Diese kann an sich nicht unbegrenzt sein: sie betätigte sich in den geschichtlichen Verhältnissen seines Daseins in Raum und Zeit. Deshalb wollte der Sohn Gottes, als er Mensch wurde, auch "an Weisheit und Alter und Gnade" zunehmen (Lk 2,52). Er wollte das erfragen, was man als Mensch durch Erfahrung lernen muß [Vgl. z. B. Mk 6,38; 8,27; Joh 11,34]. Das entsprach seiner freiwilligen Annahme der "Knechtsgestalt" (Phil 2,7).



473 Gleichzeitig aber kam in dieser wahrhaft menschlichen Erkenntnis des Sohnes Gottes das göttliche Leben seiner Person zum Ausdruck [Vgl. Gregor d. Gr.: DS 475]. "Die menschliche Natur des Sohnes Gottes kannte und bekundete in sich - nicht von sich aus, sondern aufgrund ihrer Vereinigung mit dem Wort - alles, was Gott zukommt" (Maximus der Bekenner, qu. dub. 66). Das gilt in erster Linie von der unmittelbaren, innigen Kenntnis, die der menschgewordene Gottessohn von seinem Vater hat [Vgl. z. B. Mk 14,36; Mt 11,27; Joh 1,18; 8,55]. Der Sohn zeigte auch in seinem menschlichen Erkennen göttlichen Einblick in die geheimen Gedanken des Menschenherzens [Vgl. z.B. Mk 2,8; Joh 2,25; 6,61] (Vgl. dazu auch 240).



474 Weil Christus in der Person des menschgewordenen Wortes mit der göttlichen Weisheit vereint war, wußte seine menschliche Erkenntnis voll und ganz um die ewigen Ratschlüsse, die zu enthüllen er gekommen war [Vgl. Mk 8,31; 9,31; 10, 33-34; 14, 18-20. 26-30]. Von dem, was er in dieser Hinsicht nicht zu wissen gesteht [Vgl. Mk 13,32], erklärt er an anderer Stelle, er sei nicht beauftragt, es zu enthüllen [Vgl. Apg 1,7].





Der menschliche Wille Christi



475 Dementsprechend hat die Kirche auf dem sechsten Ökumenischen Konzil (3. K. v. Konstantinopel 681) ihren Glauben daran bekannt, daß Christus von Natur aus zwei Weisen des Wollens und Handelns - eine göttliche und eine menschliche - besitzt. Diese widerstreben einander nicht, sondern wirken so zusammen, daß das menschgewordene Wort im Gehorsam gegenüber seinem Vater als Mensch alles wollte, was es als Gott zusammen mit dem Vater und dem Heiligen Geist zu unserem Heil beschlossen hatte [Vgl. DS 556-559]. Der menschliche Wille Christi ist "folgsam und widerstrebt und widersetzt sich nicht, sondern ordnet sich seinem göttlichen und allmächtigen Willen unter" (DS 556) (Vgl. dazu auch 2008, 2824).





Der wahre Leib Christi



476 Da das Wort Fleisch wurde und eine wahre Menschennatur annahm, war Christus "im Leib begrenzt" [Vgl. Syn. im Lateran 649: DS 504]. Infolgedessen läßt sich das menschliche Antlitz Jesu "vor Augen stellen" (Gal 3, 1). Auf dem siebten Ökumenischen Konzil (2. K. v. Nizäa 787) [Vgl. DS 600-603] hat die Kirche es als berechtigt anerkannt, Christus auf heiligen Bildern darzustellen.

(Vgl. dazu auch 1159-1162, 2129-2132)



477 Die Kirche hat auch von jeher anerkannt, daß wir "in der sichtbaren Gestalt des Erlösers den unsichtbaren Gott erkennen" (MR, Präfation von Weihnachten). In der Tat bringen die individuellen Besonderheiten des Leibes Christi die göttliche Person des Gottessohnes zum Ausdruck. Dieser hat sich die Züge seines menschlichen Leibes sosehr zu eigen gemacht, daß sie in einer Abbildung auf einem heiligen Bild verehrt werden dürfen, denn der Gläubige, der sein Bild verehrt, "verehrt in ihm die Person des darin Abgebildeten" (2. K. v. Nizäa: DS 601).







Das Herz des menschgewordenen Wortes



478 Jesus hat während seines Lebens, seiner Todesangst am Ölberg und seines Leidens uns alle und jeden einzelnen gekannt und geliebt und sich für jeden von uns hingegeben: Der "Sohn Gottes" hat "mich geliebt und sich für mich hingegeben" (Gal 2,20). Er hat uns alle mit einem menschlichen Herzen geliebt. Aus diesem Grund wird das heiligste Herz Jesu, das durch unsere Sünden und um unseres Heiles willen durchbohrt wurde [Vgl. Joh 19,34], "als vorzügliches Kennzeichen und Symbol für jene .... Liebe angesehen, mit der der göttliche Erlöser den ewigen Vater und alle Menschen beständig liebt" (Pius XII., Enz. "Haurietis aquas": DS 3924) [Vgl. DS 3812] (Vgl. dazu auch 487, 368, 2669, 766).







KURZTEXTE





479 Zu der von Gott festgesetzten Zeit ist der eingeborene Sohn des Vaters, das ewige Wort und Wesensbild des Vaters, Fleisch geworden: er hat, ohne die göttliche Natur zu verlieren, die menschliche Natur angenommen.



480 Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch in der Einheit seiner göttlichen Person; deshalb ist er der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen.



481 Jesus Christus hat zwei Naturen, die göttliche und die menschliche; sie sind nicht miteinander vermischt, sondern in der einzigen Person des Sohnes Gottes vereint.



482 Da Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, hat er einen menschlichen Verstand und einen menschlichen Willen. Diese stehen mit seinem göttlichen Verstand und göttlichen Willen, die er mit dem Vater und dem Heiligen Geist gemeinsam hat, völlig in Einklang und sind ihnen untergeordnet.



483 Die Inkarnation [Menschwerdung] ist somit das Mysterium der wunderbaren Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in der einen Person des Wortes.











ABSATZ 2 "... EMPFANGEN DURCH DEN

HEILIGEN GEIST, GEBOREN VON

DER JUNGFRAU MARIA"





I Empfangen durch den Heiligen Geist ...



484 Die Verkündigung an Maria eröffnet die "Fülle der Zeit" (Gal 4,4): Die Verheißungen gehen in Erfüllung, die Vorbereitungen sind vollendet. Maria ist berufen, den zu empfangen, in dem "die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig" wohnen wird (Kol 2,9). Die göttliche Antwort auf ihre Frage: "Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?" (Lk 1,34) verweist auf die Macht des Geistes: "Der Heilige Geist wird über dich kommen" (Lk 1,35) (Vgl. dazu auch 461, 721).



485 Die Sendung des Heiligen Geistes ist stets mit der des Sohnes verbunden und auf sie hingeordnet [Vgl. Joh 16,14-15]. Der Heilige Geist wird gesandt, um den Schoß der Jungfrau zu heiligen und göttlich zu befruchten; er, "der Herr ist und lebendig macht", bewirkt, daß sie den ewigen Sohn des Vaters empfängt, der aus ihr die menschliche Natur annimmt (Vgl. dazu auch 689, 723).



486 Der eingeborene Sohn des Vaters, der im Schoß der Jungfrau Maria als Mensch empfangen wird, ist "Christus", das heißt gesalbt durch den Heiligen Geist [Vgl. Mt 1,20; Lk 1,35], von Beginn seines menschlichen Daseins an, auch wenn das nur schrittweise kundgetan wird: zuerst den Hirten [Vgl. Lk2,8-20], dann den Sterndeutern [Vgl. Mt 2,1-12], Johannes dem Täufer [Vgl. Joh 1,31-34] und den Jüngern [Vgl. Joh 2,11]. Das ganze Leben Jesu wird offenbaren, daß ihn "Gott ... gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft" (Apg 10,38) (Vgl. dazu auch 437).





II ... geboren von der Jungfrau Maria



487 Was der katholische Glaube von Maria glaubt und lehrt, gründet auf dem Glauben an Christus, es erhellt aber auch den Glauben an Christus (Vgl. dazu auch 963).





Die Vorherbestimmung Marias



488 "Gott hat seinen Sohn gesandt" (Gal 4,4). Um aber diesem "einen Leib zu bereiten" (Hebr 10,5), sollte nach seinem Willen ein Geschöpf in Freiheit mitwirken. Zu der Aufgabe, Mutter seines Sohnes zu sein, hat Gott von aller Ewigkeit her eine Tochter Israels, eine junge Jüdin aus Nazaret in Galiläa, auserwählt, eine Jungfrau, die "mit einem Mann namens Josef verlobt [war], der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria" (Lk 1,26-27).



"Der Vater der Erbarmungen wollte, daß vor der Menschwerdung die vorherbestimmte Mutter ihr empfangendes Ja sagte, damit auf diese Weise so, wie eine Frau zum Tode beigetragen hat, auch eine Frau zum Leben beitrüge" (LG 56) [Vgl. LG 61].



489 Während des ganzen Alten Bundes wurde die Berufung Marias durch die Sendung heiliger Frauen vorbereitet. Trotz ihres Ungehorsams wird Eva schon zu Beginn verheißen, sie werde einen Nachkommen erhalten, der den Bösen besiegen [Vgl. Gen 3,15] werde, und die Mutter aller Lebendigen sein [Vgl. Gen 3,20]. Kraft dieser Verheißung empfängt Sara trotz ihres hohen Alters einen Sohn [Vgl. Gen 18,10-14; 21,1-2]. Wider alle menschliche Erwartung wählt Gott das, was als machtlos und schwach gilt [Vgl. 1 Kor 1,27], um zu zeigen daß er seiner Verheißung treu bleibt: Hanna, die Mutter Samuels [10 Vgl. 1 Sam 1], Debora, Rut, Judit und Ester sowie viele andere Frauen. Maria "ragt unter den Demütigen und Armen des Herrn hervor, die das Heil mit Vertrauen von ihm erhoffen und empfangen. Mit ihr als der erhabenen Tochter Sion ist schließlich nach langer Erwartung der Verheißung die Zeit erfüllt und hat die neue Heilsökonomie begonnen" (LG 55) (Vgl. dazu auch 722, 410, 145, 64).





Die unbefleckte Empfängnis



490 Da Maria zur Mutter des Erlösers ausersehen war, "ist sie von Gott mit den einer solchen Aufgabe entsprechenden Gaben beschenkt worden" (LG 56). Bei der Verkündigung grüßt sie der Engel als "voll der Gnade" (Lk 1,28). Um zur Ankündigung ihrer Berufung ihre freie Glaubenszustimmung geben zu können, mußte sie ganz von der Gnade Gottes getragen sein (Vgl. dazu auch 2676, 2853, 2001).



491 Im Laufe der Jahrhunderte wurde sich die Kirche bewußt, daß Maria, von Gott "mit Gnade erfüllt" (Lk 1,28), schon bei ihrer Empfängnis erlöst worden ist. Das bekennt das Dogma von der unbefleckten Empfängnis, das 1854 von Papst Pius IX. verkündigt wurde (Vgl. dazu auch 411):



"... daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch die einzigartige Gnade und Bevorzugung des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jeglichem Makel der Urschuld unversehrt bewahrt wurde"(DS 2803).



492 Daß sie "vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an im Glanz einer einzigartigen Heiligkeit" erstrahlt (LG 56), kommt ihr nur Christi wegen zu: Sie wurde im "Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst" (LG 53). Mehr als jede andere erschaffene Person hat der Vater sie "mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch [die] Gemeinschaft mit Christus im Himmel" (Eph 1,3). Er hat sie erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit sie in Liebe heilig und untadelig vor ihm lebe [Vgl. Eph 1,4] (Vgl. dazu auch 2011, 1077).



493 Die ostkirchlichen Väter nennen die Gottesmutter "die Ganzheilige" [Panhagia]; sie preisen sie als "von jeder Sündenmakel frei, gewissermaßen vom Heiligen Geist gebildet und zu einer neuen Kreatur gemacht" (LG 56). Durch die Gnade Gottes ist Maria während ihres ganzen Lebens frei von jeder persönlichen Sünde geblieben.





"Mir geschehe nach deinem Wort ...



494 Auf die Ankündigung, daß sie durch die Kraft des Heiligen Geistes den "Sohn des Höchsten" gebären werde, ohne einen Mann zu erkennen [Vgl. Lk 1,28-37], antwortete Maria im "Gehorsam des Glaubens" (Röm 1,5), in der Gewißheit, daß "für Gott nichts unmöglich" ist: "Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort" (Lk 1,37-38). Indem Maria dem Worte Gottes ihre Zustimmung gab, wurde sie zur Mutter Jesu. Sie machte sich aus ganzem Herzen, ohne daß eine Sünde sie davon abgehalten hätte, den göttlichen Heilswillen zu eigen und gab sich ganz der Person und dem Werk ihres Sohnes hin, um mit der Gnade Gottes in Abhängigkeit vom Sohn und in Verbundenheit mit ihm dem Erlösungsgeheimnis zu dienen [Vgl. LG 56] (Vgl. dazu auch 2617, 148, 968).



"Der hl. Irenäus sagt, daß sie ,in ihrem Gehorsam für sich und das ganze Menschengeschlecht Ursache des Heils geworden ist'. Deshalb sagen nicht wenige der alten Väter gern, ,daß der Knoten des Ungehorsams der Eva gelöst worden sei durch den Gehorsam Marias; und was die Jungfrau Eva durch den Unglauben gebunden hat, das habe die Jungfrau Maria durch den Glauben gelöst'. Im Vergleich mit Eva nennen sie Maria ,die Mutter der Lebendigen' und öfters betonen sie: ,Der Tod kam durch Eva, das Leben durch Maria"' (LG 56) (Vgl. dazu auch 726).





Die Gottesmutterschaft Marias



495 In den Evangelien wird Maria "die Mutter Jesu" genannt (Joh 2,1;19,25) [Vgl. Mt 13,55 u.a]. Weil der Heilige Geist dazu anregt, wird sie schon vor der Geburt ihres Sohnes als "die Mutter meines Herrn" bejubelt (Lk 1,43). Der, den sie durch den Heiligen Geist als Menschen empfangen hat und der dem Fleische nach wirklich ihr Sohn geworden ist, ist ja kein anderer als der ewige Sohn des Vaters, die zweite Person der heiligsten Dreifaltigkeit. Die Kirche bekennt, daß Maria wirklich Mutter Gottes [Theotokos, Gottesgebärerin] ist [Vgl. DS 251] (Vgl. dazu auch 466, 2677).









Die Jungfräulichkeit Marias



496 Schon in den ersten Formulierungen des Glaubens [Vgl. DS 10-64] hat die Kirche bekannt, daß Jesus einzig durch die Kraft des Heiligen Geistes im Schoß der Jungfrau Maria empfangen wurde. Auch der leibliche Aspekt dieses Geschehens wurde mitausgesagt: Sie hat Jesus "ohne Samen aus Heiligem Geist empfangen" (Syn. im Lateran 649: DS 503). Die Väter sehen in der jungfräulichen Empfängnis das Zeichen dafür, daß wirklich der Sohn Gottes in eine uns gleiche menschliche Natur kam.



So sagt der hl. Ignatius von Antiochien [zu Beginn des 2. Jahrhunderts]: "Ihr seid vollkommen überzeugt von unserem Herrn, der wirklich aus dem Geschlecht Davids stammt nach dem Fleische [Vgl. Röm 1,3], Sohn Gottes nach Gottes Willen und Macht [Vgl. Joh 1,13], wirklich geboren aus einer Jungfrau ..., wirklich unter Pontius Pilatus ... angenagelt für uns im Fleische ..., und wirklich litt er, wie er sich auch wirklich auferweckte" (Smyrn. 1-2).



497 Die Berichte in den Evangelien [Vgl. Mt 1,18-25; Lk 1,26-38] fassen die jungfräuliche Empfängnis als ein Werk Gottes auf, das über jedes menschliche Verständnis und Vermögen hinausgeht [Vgl. Lk 1,34]. Der Engel sagt zu Josef von Maria, seiner Braut: "Das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist" (Mt 1,20). Die Kirche erblickt darin die Erfüllung der Verheißung, die Gott durch den Propheten Jesaja gegeben hat: "Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären" (Jes 7,14) [Nach der griechischen Übersetzung in Mt 1,23].



498 Man war manchmal verunsichert, weil das Markusevangelium und die Briefe des Neuen Testamentes nichts von der jungfräulichen Empfängnis Marias sagen. Man hat auch gefragt, ob es sich hier nicht um Legenden oder um theologische Konstrukte handelt, die nicht Anspruch auf Geschichtlichkeit erheben. Darauf ist zu antworten:



Der Glaube an die jungfräuliche Empfängnis ist bei Nichtchristen, Juden wie Heiden, auf lebhaften Widerspruch, Gespött und Unverständnis gestoßen [Vgl. etwa Justin, dial. 99,7; Origenes, Cels. 1,32.69]; er war also nicht durch die heidnische Mythologie oder irgendeine Angleichung an zeitgenössische Ideen motiviert. Der Sinn dieses Geschehens ist nur für den Glauben erfaßbar, der es "aufgrund des Zusammenhanges der Geheimnisse selbst untereinander" (DS 3016) im Ganzen der Mysterien Christi, von seiner Menschwerdung bis Ostern, sieht. Schon der hl. Ignatius von Antiochien bezeugt diesen Zusammenhang: "Es blieb dem Fürsten dieser Welt die Jungfrauschaft Marias und ihre Niederkunft verborgen, ebenso auch der Tod des Herrn - drei laut rufende Geheimnisse, die in Gottes Stille geschahen" (Eph. 19, 1) [Vgl. 1 Kor 2,8] (Vgl. dazu auch 90, 2717).





Maria - "allzeit Jungfrau"



499 Ein vertieftes Verständnis ihres Glaubens an die jungfräuliche Mutterschaft Marias führte die Kirche zum Bekenntnis, daß Maria stets wirklich Jungfrau geblieben ist [Vgl. DS 427], auch bei der Geburt des menschgewordenen Gottessohnes [Vgl. DS 291; 294; 442; 503; 571; 1880]. Durch seine Geburt hat ihr Sohn "ihre jungfräuliche Unversehrtheit nicht gemindert, sondern geheiligt" (LG 57). Die Liturgie der Kirche preist Maria als die "allzeit Jungfräuliche" [Aeiparthenos] [Vgl. LG 52].



500 Man wendet manchmal dagegen ein, in der Schrift sei von Brüdern und Schwestern Jesu die Rede [Vgl. Mk 3,31-35; 6,3;1 Kor 9,5; Gal 1,19]. Die Kirche hat diese Stellen immer in dem Sinn verstanden, daß sie nicht weitere Kinder der Jungfrau Maria betreffen. In der Tat sind Jakobus und Josef, die als "Brüder Jesu" bezeichnet werden (Mt 13,55), die Söhne einer Maria, welche Jüngerin Jesu war [Vgl. Mt 27,56] und bezeichnenderweise "die andere Maria" genannt wird (Mt 28,1). Gemäß einer bekannten Ausdrucksweise des Alten Testamentes [Vgl. z.B. Gen 13,8; 14,16; 29,15] handelt es sich dabei um nahe Verwandte Jesu.



501 Jesus ist der einzige Sohn Marias. Die geistige Mutterschaft Marias aber [Vgl. Joh 19,26-27; Offb 12,17] erstreckt sich auf alle Menschen, die zu retten Jesus gekommen ist: "Sie gebar einen Sohn, den Gott zum ,Erstgeborenen unter vielen Brüdern' (Röm 8,29) gesetzt hat, den Gläubigen nämlich, bei deren Geburt und Erziehung sie in mütterlicher Liebe mitwirkt" (LG 63) (Vgl. dazu auch 969, 970).





Die jungfräuliche Mutterschaft Marias im Ratschluß Gottes



502 Im Zusammenhang mit der Gesamtheit der Offenbarung kann der Blick des Glaubens die geheimnisvollen Gründe dafür entdecken, warum Gott in seinem Heilsplan gewollt hat, daß sein Sohn von einer Jungfrau geboren werde. Diese Gründe betreffen sowohl die Person und die Erlösungssendung Christi als auch die Annahme dieser Sendung durch Maria für alle Menschen (Vgl. dazu auch 90).



503 Die Jungfräulichkeit Marias zeigt, daß Gott bei der Menschwerdung die absolute Initiative hat. Jesus hat nur Gott zum Vater [Vgl. Lk 2,48-49]. Er war "niemals wegen des Menschen, den er angenommen hat, dem Vater fremd ...: [Er ist] natürlicher [Sohn] dem Vater der Gottheit nach, natürlicher [Sohn] der Mutter der Menschheit nach, jedoch eigentlicher [Sohn] dem Vater in beidem" (Syn. v. Friaul 696: DS 619) (Vgl. dazu auch 422)



504 Jesus ist im Schoß der Jungfrau Maria deshalb durch den Heiligen Geist empfangen, weil er der neue Adam [Vgl. 1 Kor 15,45] ist, der die neue Schöpfung eröffnet: "Der Erste Mensch stammt von der Erde und ist Erde; der Zweite Mensch stammt vom Himmel" (1 Kor 15,47). Die menschliche Natur Christi ist von seiner Empfängnis an vom Heiligen Geist erfüllt, denn Gott "gibt den Geist unbegrenzt" (Joh 3,34). "Aus seiner Fülle" - des Hauptes der erlösten Menschheit [Vgl. Kol 1,18] - "haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade" (Joh 1,16) (Vgl. dazu auch 359.



505 Jesus, der neue Adam, leitet durch seine jungfräuliche Empfängnis die neue Geburt ein, die im Heiligen Geist durch den Glauben Menschen zu Kindern Gottes macht. "Wie soll das geschehen?" (Lk 1,34) [Vgl. Joh 3,9]. Die Teilhabe am göttlichen Leben kommt "nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott" (Joh 1,13). Dieses Leben wird jungfräulich empfangen, denn es wird dem Menschen gänzlich durch den Geist geschenkt. Der bräutliche Charakter der Berufung des Menschen zu Gott [Vgl. 2 Kor 11,2] ist in der jungfräulichen Mutterschaft Marias vollkommen verwirklicht (Vgl. dazu auch 1265).



506 Maria ist Jungfrau, weil ihre Jungfräulichkeit Zeichen ihres Glaubens ist, "der durch keinen Zweifel verfälscht war" (LG 63), und wegen ihrer ungeteilten Hingabe an den Willen Gottes [Vgl. 1 Kor 7,34-35]. Dank ihres Glaubens kann sie die Mutter des Erlösers werden: "Seliger ist Maria im Empfangen des Glaubens an Christus als in der Empfängnis des Fleisches Christi" (Augustinus, virg. 3) (Vgl. dazu auch 148, 1814).



507 Maria ist Jungfrau und Mutter zugleich, weil sie das Inbild der Kirche und Kirche im Vollsinn ist [Vgl. LG 63]: Die Kirche wird "durch die gläubige Annahme des Wortes Gottes ... auch selbst Mutter: Denn durch Predigt und Taufe gebiert sie Kinder, die vom Heiligen Geist empfangen und aus Gott geboren sind, zu neuem und unsterblichem Leben. Auch sie selbst ist Jungfrau, die das Treuewort, das sie dem Bräutigam gegeben hat, unversehrt und rein hält" (LG 64) (Vgl. dazu auch 967, 149).









KURZTEXTE





508 Unter den Nachkommen Evas hat Gott die Jungfrau Maria zur Mutter seines Sohnes erwählt. "Voll der Gnade" ist sie "die erhabenste Frucht der Erlösung" (SC 103). Sie ist vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an von der Befleckung durch die Erbsünde gänzlich bewahrt worden und während ihres ganzen Lebens ohne jede persönliche Sünde geblieben.



509 Maria ist wahrhaft "Mutter Gottes", denn sie ist die Mutter des menschgewordenen ewigen Sohnes Gottes, der selbst Gott ist.



510 Maria "ist Jungfrau geblieben, als sie ihren Sohn empfing, Jungfrau, als sie ihn gebar, Jungfrau, als sie ihn trug, Jungfrau, als sie an ihrer Brust nährte. Allzeit Jungfrau" (Augustinus, serm. 186,1). Mit ihrem ganzen Wesen ist sie "die Magd des Herrn" (Lk 1,38).



511 Die Jungfrau Maria "hat in freiem Glauben und Gehorsam zum Heil der Menschen mitgewirkt" (LG 56). Sie hat "als Vertreterin der gesamten Menschennatur" (Thomas v. A., s. th. 3,30,1) ihr Jawort gesprochen. Durch ihren Gehorsam ist sie zur neuen Eva, zur Mutter der Lebendigen geworden.











ABSATZ 3 DIE MYSTERIEN DES LEBENS CHRISTI





512 Aus dem Leben Christi nennt das Glaubensbekenntnis nur die Mysterien der Menschwerdung (Empfängnis und Geburt) und des Pascha (Leiden, Kreuzigung, Tod, Begräbnis, Hinabstieg zu den Toten, Auferstehung, Himmelfahrt). Von den Mysterien des verborgenen und öffentlichen Lebens ist nicht ausdrücklich die Rede. Die Glaubensartikel aber, die die Menschwerdung und das Pascha Jesu betreffen, erhellen das ganze Erdenleben Christi; "alles ..., was Jesus von Anfang an getan und gelehrt hat, bis zu dem Tag, an dem er [in den Himmel] aufgenommen wurde" (Apg 1,1-2), ist im Licht des Weihnachts- und des Ostermysteriums zu sehen (Vgl. dazu auch 1163).



513 Die Katechese soll, den jeweiligen Umständen entsprechend, den ganzen reichen Sinngehalt der Mysterien Jesu entfalten. Hier ist nur auf einzelne Elemente hinzuweisen, die allen Mysterien des Lebens Christi gemeinsam sind (I); dann werden die Hauptmysterien des verborgenen (II) und des öffentlichen (III) Lebens Jesu kurz dargelegt (Vgl. dazu auch 426, 561).





I Das ganze Leben Christi ist Mysterium



514 Vieles, was menschliche Wißbegierde von Jesus erfahren möchte, findet sich in den Evangelien nicht. Über sein Leben in Nazaret wird fast nichts gesagt, und selbst von einem großen Teil seines öffentlichen Lebens ist nichts berichtet [Vgl. Joh 20,30]. Was in den Evangelien aufgezeichnet wurde, ist "aufgeschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen" (Joh 20,31).



515 Die Evangelien sind von Menschen geschrieben, die unter den ersten Glaubenden waren [Vgl. Mk 1,1; Joh 21,24] und den Glauben anderen mitteilen wollten. Da sie im Glauben wußten, wer Jesus ist, konnten sie in seinem ganzen Erdenleben die Spuren seines innersten Geheimnisses sehen und andere darauf hinweisen. Im Leben Jesu ist alles - von den Windeln bei seiner Geburt [Vgl. Lk 2,7] bis zum Essig bei seinem Leiden [Vgl. Mt 27,48] und zum Grabtuch bei seiner Auferstehung [Vgl. Joh 20,7] - Zeichen seines innersten Geheimnisses. Durch seine Taten, seine Wunder, seine Worte wurde offenbar, daß in ihm "die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig" wohnt (Kol 2,9). Sein Menschsein erscheint so als das "Sakrament", das heißt als Zeichen und Werkzeug seiner Gottheit und des Heils, das er bringt: Was in seinem Leben zu sehen war, verwies auf das unsichtbare Mysterium seiner Gottessohnschaft und seines Erlösungsauftrags (Vgl. dazu auch 126, 609, 774, 477).





Die gemeinsamen Grundzüge der Mysterien Jesu



516 Das ganze Leben Jesu - seine Worte und Taten, sein Schweigen und seine Leiden, seine Art, zu sein und zu sprechen - ist Offenbarung des Vaters. Jesus kann sagen: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9), und der Vater: "Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören" (Mk 9,7). Da Christus Mensch geworden war, um den Willen des Vaters zu erfüllen [Vgl. Hebr 10,5-7], offenbaren uns schon die geringsten Einzelheiten seines Daseins "die Liebe Gottes ... unter uns" (1 Joh 4,9) (Vgl. dazu auch 65, 2708).



517 Das ganze Leben Christi ist Erlösungsgeheimnis. Die Erlösung wird uns vor allem durch das am Kreuz vergossene Blut zuteil [Vgl. Eph 1,7; Kol 1, 13-14; 1 Petr 1,18-19], aber dieses Mysterium ist im ganzen Leben Jesu am Werk: schon in seiner Menschwerdung, in der er arm wird, um uns durch seine Armut zu bereichern [Vgl. 2 Kor 8,9]; in seinem verborgenen Leben, das durch seinen Gehorsam [Vgl. Lk 2,51] unseren Ungehorsam sühnt; in seinem Wort, das seine Zuhörer läutert [Vgl. Joh 15,3]; in seinen Heilungen und Exorzismen, in denen er "unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen" hat (Mt 8,17) [Vgl. Jes 53,4]; in seiner Auferstehung, durch die er uns gerecht macht [Vgl. Röm 4,25] (Vgl. dazu auch 606, 115).



518 Das ganze Leben Christi ist ein Mysterium der erneuten Zusammenfassung von allem unter ein Haupt. Alles, was Jesus getan, gesagt und gelitten hat, war dazu bestimmt, den gefallenen Menschen wieder in seine ursprüngliche Berufung zu versetzen (Vgl. dazu auch 668, 2748):



"Indem er durch die Inkarnation Mensch wurde, faßte er die lange Entwicklung der Menschen in sich zusammen und gab uns in dieser Zusammenfassung das Heil, damit wir unser Sein nach dem Bilde und Gleichnis Gottes, das wir in Adam verloren hatten, in Christus Jesus wiedererlangen würden" (Irenäus, hær. 3,18,1). "Deshalb durchlief Christus auch jede Altersstufe, um für alle die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen" (hær. 3,18,7) [Vgl. hær. 2,22,4].





Unsere Teilhabe an den Mysterien Jesu



519 Der ganze "Reichtum Christi soll jedem Menschen zur Verfügung stehen und zum Besitz jedes einzelnen werden" (RH 11). Christus hat sein Leben nicht für sich gelebt, sondern für uns - von seiner Fleischwerdung "für uns Menschen und zu unserem Heil" bis zu seinem Tod "für unsere Sünden" (1 Kor 15,3) und seiner Auferstehung "wegen unserer Gerechtmachung" (Röm 4,25). Auch jetzt noch ist er unser "Beistand beim Vater" (1 Joh 2,1), "denn er lebt allezeit, um für (uns) einzutreten" (Hebr 7,25). Mit allem, was er ein für allemal für uns gelebt und gelitten hat, weilt er nun für immer "für uns vor Gottes Angesicht" (Hebr 9,24) (Vgl. dazu auch 793, 602, 1085).



520 In seinem ganzen Leben erweist sich Jesus als unser Vorbild [Vgl. Röm 15,5; Phil 2,5]: Er ist der "vollkommene Mensch" (GS 38), der uns einlädt, seine Jünger zu werden und ihm nachzufolgen. Durch seinen demütigen Dienst hat er uns ein Beispiel zur Nachahmung gegeben [Vgl. Joh 13,15], durch sein Beten regt er uns zum Beten an [Vgl. Lk 11,1], durch seine Armut fordert er uns auf, Entbehrung und Verfolgungen bereitwillig auf uns zu nehmen [Vgl. Mt 5,11-12] (Vgl. dazu auch 459, 359, 2607).



521 Alles, was Christus gelebt hat, läßt er uns in ihm leben, und er lebt es in uns. "Denn er, der Sohn Gottes, hat sich in seiner Fleischwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt" (GS 22,2). Wir sollen mit ihm eines Wesens werden; er läßt uns als die Glieder seines Leibes an dem teilnehmen, was er in seinem Fleisch für uns und als unser Vorbild gelebt hat (Vgl. dazu auch 2715, 1391).



"Wir müssen die Zustände und Mysterien Jesu in uns weiter und zu Ende führen und ihn oft bitten, er solle sie in uns und in seiner ganzen Kirche vollenden und vollbringen ... Der Sohn Gottes hat nämlich vor, durch die Gnaden, die er durch diese Mysterien uns mitteilen, und durch die Wirkungen, die er durch sie in uns hervorbringen will, uns an seinen Mysterien teilhaben zu lassen, sie gleichsam auszudehnen und sie in uns und in seiner ganzen Kirche gewissermaßen weiterzuführen. Und auf diesem Weg will er sie in uns zu Ende führen" (Johannes Eudes, regn.).







II Die Mysterien der Kindheit und des Verborgenen Lebens Jesu





Die Vorbereitungen



522 Das Kommen des Gottessohnes auf die Erde ist ein so gewaltiges Ereignis, daß es Gott durch Jahrhunderte hindurch vorbereiten wollte. All die Riten und Opfer, die Gestalten und Sinnbilder des "ersten Bundes" (Hebr 9,15) läßt er auf Christus zulaufen; er kündigt ihn an durch den Mund der Propheten, die in Israel aufeinander folgen. Zudem weckt er im Herzen der Heiden eine dunkle Ahnung dieses Kommens (Vgl. dazu auch 711, 762).



523 Der hl. Johannes der Täufer ist der unmittelbare Vorläufer [Vgl. Apg 13,24] des Herrn; er ist gesandt, um ihm den Weg zu bereiten [Vgl. Mt 3,3]. Als "Prophet des Höchsten" (Lk 1,76) überragt er alle Propheten [Vgl. Lk 7,26]. Er ist der letzte von ihnen [Vgl. Mt 11,13] und leitet zum Evangelium über [Vgl. Apg 1,22; Lk 16,16]. Er frohlockt schon im Mutterschoß über das Kommen Christi [Vgl. Lk l,41] und findet seine Freude darin, "der Freund des Bräutigams" zu sein (Joh 3,29), den er als "das Lamm Gottes" bezeichnet, "das die Sünde der Welt hinwegnimmt" (Joh 1,29). Er geht Jesus voran "mit dem Geist und mit der Kraft des Elija" (Lk 1,17) und legt durch seine Predigt, seine Bußtaufe und schließlich durch sein Martyrium [Vgl. Mk 6,17-29] für ihn Zeugnis ab (Vgl. dazu auch 717-720).



524 In der alljährlichen Feier der Adventsliturgie läßt die Kirche diese Messiaserwartung wieder aufleben; die Gläubigen nehmen dadurch an der langen Vorbereitung auf das erste Kommen des Erlösers teil und erneuern in sich die Sehnsucht nach seiner zweiten Ankunft [Vgl. Offb 22,17] Durch die Feier der Geburt und des Martyriums des Vorläufers vereint sich die Kirche mit dessen Verlangen: "Er muß wachsen, ich aber muß kleiner werden" (Joh 3,30) (Vgl. dazu auch 1171).











Das Weihnachtsmysterium



525 Jesus kam in der Armseligkeit eines Stalles zur Welt, in einer unbegüterten Familie [Vgl. Lk 2,6-7]; schlichte Hirten sind die ersten Zeugen des Ereignisses. In dieser Armut erstrahlt die Herrlichkeit des Himmels [Vgl. Lk 2,8-20]. Die Kirche wird nicht müde, die Herrlichkeit dieser Nacht zu besingen (Vgl. dazu auch 437, 2443):



Die Jungfrau bringt heute den Ewigen zur Welt,

und die Erde bietet dem Unzugänglichen eine Höhle.

Die Engel und die Hirten preisen ihn

und die Weisen nahen sich mit dem Stern,

denn du bist für uns geboren,

du kleines Kind, du ewiger Gott!



(Kontakion von Romanos dem Meloden)



526 Vor Gott "Kind zu werden" ist die Voraussetzung, um in das Gottesreich einzutreten [Vgl. Mt l8,3-4]. Dazu muß man sich erniedrigen [Vgl. Mt 23,12], kleinwerden; mehr noch: man muß "von neuem geboren werden" (Joh 3,7), "aus Gott geboren" werden (Joh 1,13), um "Kind Gottes zu werden" (Joh 1,12). Das Weihnachtsgeheimnis vollzieht sich in uns, wenn Christus in uns "Gestalt annimmt" (Gal 4,19). Weihnachten ist das Mysterium des "wundersamen Tausches":



"O wunderbarer Tausch! Der den Menschen erschuf, nimmt menschliches Leben an und wird aus der Jungfrau geboren. Von keinem Mann gezeugt, kommt er in die Welt und schenkt uns göttliches Leben" (LH Antiphon der Vespern vom 1. Januar).





Die Mysterien der Kindheit Jesu



527 Die Beschneidung Jesu am achten Tag nach seiner Geburt [Vgl. Lk 2,21] ist Zeichen dafür, daß er in die Nachkommenschaft Abrahams, in das Bundesvolk eingegliedert, dem Gesetz unterworfen [Vgl. Gal 4,4] und zum Kult Israels bestellt ist, an dem er während seines ganzen Lebens teilnehmen wird. Sie ist ein Vorzeichen der "Beschneidung, die Christus gegeben hat": "der Taufe" (Kol 2,11-12) (Vgl. dazu auch 580, 1214).



528 Die Epiphanie [Erscheinung des Herrn] ist die Offenbarung Jesu als Messias Israels, als Sohn Gottes und Erlöser der Welt bei seiner Taufe im Jordan, bei der Hochzeit von Kana und bei der Anbetung Jesu durch die "Sterndeuter aus dem Osten" (Mt 2, 1) [Vgl. LH, Antiphonen vom Benedictus der Laudes und vom Magnificat der 2. Vesper von Epiphanie]. In diesen "Weisen", den Vertretern der heidnischen Religionen der Umwelt, sieht das Evangelium die Erstlinge der Nationen, welche die frohe Botschaft vom Heilsereignis der Menschwerdung empfangen. Daß die Weisen nach Jerusalem kommen, "um [dem König der Juden] zu huldigen" (Mt 2,2), zeigt, daß sie im messianischen Licht des Davidsterns [Vgl. Num 24,17; Offb 22,16] in Israel nach dem suchen, der König der Völker sein wird [Vgl. Num 24, 17-19]. Ihr Kommen bedeutet, daß die Heiden nur dann Jesus entdecken und ihn als Sohn Gottes und Heiland der Welt anbeten können, wenn sie sich an die Juden wenden [Vgl. Joh 4,22] und von ihnen die messianische Verheißung empfangen, wie sie im Alten Testament enthalten ist [Vgl. Mt 2,4-6]. Die Epiphanie bekundet, daß "alle Heiden in die Familie der Patriarchen eintreten" (Leo d. Gr., serm. 23) und die "Würde Israels" erhalten sollen (MR, Osternacht 26: Gebet nach der 3. Lesung) (Vgl. dazu auch 439, 711-716, 122).



529 Die Darstellung Jesu im Tempel [Vgl. Lk 2,22-29] zeigt ihn als den Erstgeborenen, der dem Herrn gehört [Vgl. Ex 13,12-13]. In Simeon und Anna kommt es zur Begegnung (so nennt die byzantinische Tradition dieses Fest) der ganzen Erwartung Israels mit seinem Erlöser. Jesus wird als der langerwartete Messias, als "Licht der Völker" und "Herrlichkeit Israels" erkannt, aber auch als "Zeichen, dem widersprochen wird". Das Schwert des Schmerzes, das Maria vorausgesagt wird, kündigt jene andere, vollkommene und einzigartige "Darbringung" am Kreuz an, die das Heil schenken wird, "das Gott vor allen Völkern bereitet hat" (Vgl. dazu auch 583, 439, 614).



530 Die Flucht nach Ägypten und die Ermordung der unschuldigen Kinder [Vgl. Mt 2,13-18] zeigen den Widerstand der Finsternis gegen das Licht: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf" (Joh 1,11). Das ganze Leben Christi wird unter dem Zeichen der Verfolgung stehen. Seine Jünger teilen dieses Los [Vgl. Joh 15,20]. Seine Rückkehr [Vgl. Mt 2,15] erinnert an den Auszug aus Ägypten [Vgl. Hos 11,1] und stellt Jesus als den endgültigen Befreier vor (Vgl. dazu auch 574).





Die Mysterien des verborgenen Lebens Jesu



531 Während des größten Teils seines Lebens hat Jesus das Los der meisten Menschen geteilt: ein alltägliches Leben ohne äußere Größe, ein Handwerkerleben, ein jüdisch religiöses Leben, das dem Gesetz Gottes unterstand [Vgl. Gal 4,4], ein Leben in einer Dorfgemeinschaft. Von dieser ganzen Periode ist uns nur das geoffenbart, daß Jesus seinen Eltern "untertan" war und zunahm "an Weisheit und Alter und Gnade vor Gott und den Menschen" (Lk 2,51-52) (Vgl. dazu auch 2427).



532 In seiner Unterordnung unter seine Mutter und seinen Pflegevater erfüllte Jesus das vierte Gebot voll und ganz. Sie war das irdische Bild seines Sohnesgehorsams gegenüber seinem himmlischen Vater. Die alltägliche Unterwerfung Jesu unter Josef und Maria kündigte seine Unterwerfung am Gründonnerstag an und nahm sie vorweg: "Nicht mein Wille ..." (Lk 22,42). Mit dem Gehorsam Christi im Alltag des verborgenen Lebens begann schon die Wiederherstellung dessen, was der Ungehorsam Adams zerstört hatte [Vgl. Röm 5,19] (Vgl. dazu auch 2214-2220, 612).



533 Das verborgene Leben in Nazaret ermöglicht jedem Menschen, in den alltäglichsten Dingen in Gemeinschaft mit Jesus zu sein:



"Das Haus von Nazaret ist eine Schule, in der man beginnt, das Leben Christi zu verstehen. Es ist die Schule des Evangeliums ... Sie lehrt zunächst das Schweigen. Möge in uns eine große Wertschätzung des Schweigens lebendig werden ... dieser bewundernswerten und notwendigen Geisteshaltung ... Hier lernen wir, wie wichtig das häusliche Leben ist. Nazaret gemahnt uns an das, was eine Familie ist, an ihre Gemeinschaft in Liebe, an ihre Würde, ihre strahlende Schönheit, ihre Heiligkeit und Unverletzlichkeit ... Schließlich lernen wir hier die zuchtvolle Ordnung der Arbeit. 0 Lehrstuhl von Nazaret, Haus des Handwerkersohnes! Hier möchte ich das strenge, aber erlösende Gesetz menschlicher Arbeit erkennen und feiern ... Schließlich möchte ich hier den Arbeitern der ganzen Welt Segen wünschen und ihnen das große Vorbild zeigen, den göttlichen Bruder" (Paul VI., Ansprache vom 5. Januar 1964 in Nazaret) (Vgl. dazu auch 2717, 2204, 2427).



534 Das Wiederfinden Jesu im Tempel [Vgl. Lk 2,41-52] ist das einzige Ereignis, das das Schweigen der Evangelien über die verborgenen Jahre Jesu unterbricht. Jesus läßt darin das Mysterium seiner ganzen Hingabe an die Sendung erahnen, die sich aus seiner Gottessohnschaft ergibt: "Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?" Maria und Josef verstanden diesen Ausspruch nicht, aber sie nahmen ihn im Glauben an, und Maria "bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen" - während all der Jahre, in denen Jesus in der Stille eines gewöhnlichen Lebens verborgen blieb (Vgl. dazu auch 583, 2599, 964).











III Die Mysterien des öffentlichen Lebens Jesu





Die Taufe Jesu



535 Zu Beginn [Vgl. Lk 3,23] seines öffentlichen Lebens ließ sich Jesus von Johannes im Jordan taufen [Vgl. Apg 1,22]. Johannes verkündete "Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden" (Lk 3,3). Eine Menge von Sündern: Zöllner und Soldaten [Vgl. Lk 3,10-14], Pharisäer und Sadduzäer [Vgl. Mt 3,7] und Dirnen [Vgl. Mt 21,32] ließen sich von ihm taufen. "Da kam Jesus." Der Täufer zögert, doch Jesus beharrt und empfängt die Taufe. In Gestalt einer Taube kommt der Heilige Geist auf Jesus herab und eine Stimme vom Himmel verkündet: "Das ist mein geliebter Sohn" [Vgl. Mt 3, 13-17]. Es ist die Erscheinung [Epiphanie] Jesu als Messias Israels und Sohn Gottes (Vgl. dazu auch 719, 720, 701, 438).



536 Die Taufe ist für Jesus die Annahme und der Beginn seiner Sendung als leidender Gottesknecht. Er läßt sich unter die Sünder rechnen [Vgl. Jes 53,12]. Er ist schon "das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt" (Joh 1,29). Er nimmt schon die "Taufe" seines blutigen Todes vorweg [Vgl. Mk 10,38; Lk 12,50]. Er kommt, um "alle Gerechtigkeit zu erfüllen" (Mt 3,15), das heißt er unterwirft sich ganz dem Willen seines Vaters: er nimmt aus Liebe die Taufe des Todes zur Vergebung unserer Sünden auf sich [Vgl. Mt 26,39]. Auf diese Bereitschaft antwortet die Stimme des Vaters, der an seinem Sohn Gefallen gefunden hat [Vgl. Lk 3,22; Jes 42,1]. Der Geist, den Jesus schon seit seiner Empfängnis in Fülle besitzt, kommt herab, um auf ihm zu "ruhen" (Joh 1, 32-33) [Vgl. Jes 11,2]. Jesus wird für die ganze Menschheit der Quell des Geistes sein. Bei seiner Taufe "öffnete sich der Himmel" (Mt 3,16), den die Sünde Adams verschlossen hatte, und da Jesus und der Geist sich in das Wasser hineinbegeben, wird es geheiligt - dies ist das Vorspiel der neuen Schöpfung (Vgl. dazu auch 606, 1224, 444, 727, 739).



537 Durch die Taufe wird der Christ sakramental Jesus gleichgestaltet, der in seiner Taufe seinen Tod und seine Auferstehung vorwegnimmt. Der Christ muß in dieses Mysterium demütiger Selbsterniedrigung und Buße eintreten, mit Jesus in das Wasser hinabsteigen, um mit ihm wieder emporzusteigen. Er muß aus dem Wasser und dem Geist wiedergeboren werden, um im Sohn selbst zu einem geliebten Sohn des Vaters zu werden und "in einem neuen Leben zu wandeln" (Röm 6,4) (Vgl. dazu auch 1262).



"Lassen wir uns mit Christus durch die Taufe begraben, um mit ihm aufzuerstehen; lassen wir uns mit ihm hinab, um mit ihm erhoben zu werden; steigen wir wieder mit ihm hinauf, um in ihm verherrlicht zu werden" (Gregor v. Nazianz, or. 40,9) (Vgl. dazu auch 628).



"Alles, was an Christus geschehen ist, läßt uns erkennen, daß nach dem Bad der Taufe der Heilige Geist vom Himmel auf uns herabschwebt und daß wir, durch die Stimme des Vaters adoptiert, Söhne Gottes werden" (Hilarius, Matth. 2).





Die Versuchung Jesu



538 Die Evangelien sprechen von einer Zeit der Einsamkeit, die Jesus gleich nach seiner Taufe durch Johannes in der Einöde verbracht hat: Vom Geist in die Wüste "getrieben", bleibt Jesus vierzig Tage lang dort, ohne zu essen. Er lebt bei den wilden Tieren, und die Engel dienen ihm [Vgl. Mk 1,12-13]. Am Ende dieser Zeit versucht ihn Satan dreimal, indem er Jesu Sohneshaltung Gott gegenüber ins Wanken zu bringen sucht. Jesus weist diese Angriffe zurück, in denen die Versuchungen Adams im Paradies und Israels in der Wüste nochmals aufgegriffen werden, und der Teufel läßt von ihm ab, um - "zu seiner Zeit" zurückzukehren (Lk 4,13).



539 Die Evangelisten weisen auf die Heilsbedeutung dieses geheimnisvollen Geschehens hin. Jesus ist der neue Adam, der treu bleibt, während der erste Adam der Versuchung erlag. Jesus erfüllt die Sendung Israels vollkommen. Im Gegensatz zu denen, die einst in der Wüste vierzig Jahre lang Gott herausforderten [Vgl. Ps 95,10], erweist sich Christus als der Gottesknecht, der dem Willen Gottes gänzlich gehorsam ist. So ist Jesus Sieger über den Teufel: er hat "den Starken gefesselt", um ihm seine Beute wieder zu entreißen [Vgl. Mk 3,27]. Der Sieg Jesu über den Versucher in der Wüste nimmt den Sieg der Passion vorweg, den höchsten Gehorsamserweis seiner Sohnesliebe zum Vater (Vgl. dazu auch 394, 518, 397, 385, 609).



540 Die Versuchung zeigt, auf welche Weise der Sohn Gottes Messias ist, im Gegensatz zu der Rolle, die Satan ihm vorschlägt und in der die Menschen [Vgl. Mt 16,21-23] ihn gerne sehen möchten. Darum hat Christus den Vesucher für uns besiegt. "Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat" (Hebr 4,15). Durch die vierzigtägige Fastenzeit vereint sich die Kirche jedes Jahr mit dem Mysterium Jesu in der Wüste (Vgl. dazu auch 2119, 519, 2849, 1438).





"Das Reich Gottes ist nahe"



541 "Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,14-15). "Um den Willen des Vaters zu erfüllen, hat Christus das Reich der Himmel auf Erden begründet" (LG 3). Nun aber ist es der Wille des Vaters, "die Menschen zur Teilhabe am göttlichen Leben zu erheben" (LG 2). Er tut das, indem er die Menschen um seinen Sohn, Jesus Christus, sammelt. Dieser Zusammenschluß ist die Kirche; sie stellt "Keim und Anfang" des Reiches Gottes auf Erden dar (LG 5) (Vgl. dazu auch 2816, 763, 669, 768, 865).



542 Christus ist die Mitte, um die die Menschen zur "Familie Gottes" gesammelt werden. Er ruft sie zu sich durch sein Wort, durch seine Zeichen, die das Reich Gottes bekunden, und durch die Sendung seiner Jünger. Herbeiführen wird er sein Reich vor allem durch das große Mysterium seines Paschas: seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung. "Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen" (Joh 12,32). Zu dieser Vereinigung mit Christus sind alle Menschen berufen [Vgl. LG 3] (Vgl. dazu auch 2233, 789).





Die Verkündigung des Reiches Gottes



543 Alle Menschen sind berufen, in das Reich einzutreten. Dieses messianische Reich wird zunächst den Kindern Israels verkündet [Vgl. Mt l0,5-7], ist aber für die Menschen aller Völker bestimmt [Vgl. Mt 8,11; 28,19]. Wer in das Reich eintreten will, muß das Wort Jesu annehmen (Vgl. dazu auch 764).



"Denn das Wort des Herrn wird mit einem Samen verglichen, der auf dem Acker gesät wird: die es im Glauben hören und der kleinen Herde Christi zugezählt werden, haben das Reich selbst angenommen; aus eigener Kraft keimt dann der Same und wächst bis zur Zeit der Ernte" (LG 5).



544 Das Reich gehört den Armen und Kleinen, das heißt denen, die es demütigen Herzens angenommen haben. Jesus ist gesandt, damit er "den Armen Frohbotschaft bringe" (Lk 4,18) [Vgl. Lk 7,22]. Er preist sie selig, denn "ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,3). Den "Kleinen" wollte der Vater offenbaren, was den Weisen und Klugen verborgen bleibt [Vgl. Mt 11,25]. Von der Krippe bis zum Kreuz teilt Jesus das Leben der Armen; er kennt Hunger [Vgl. Mk 2,23-26; Mt 2l,18], Durst [Vgl. Joh 4,6-7; 19,28] und Entbehrung [Vgl. Lk 9,58].Mehr noch: Er identifiziert sich mit den Armen aller Art und macht die tätige Liebe zu ihnen zur Voraussetzung für die Aufnahme in sein Reich [Vgl. Mt 25,31-46] (Vgl. dazu auch 709, 2443, 2546).



545 Jesus lädt die Sünder zum Tisch des Gottesreiches: "Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten" (Mk 2, 17) [Vgl. 1 Tim 1,15]. Er fordert sie zur Bekehrung auf, ohne die man nicht in das Reich eintreten kann. Er zeigt ihnen aber in Wort und Tat das grenzenlose Erbarmen des Vaters [Vgl. Lk 15, 11-32] und die gewaltige "Freude", die "im Himmel ... herrschen [wird] über einen einzigen Sünder, der umkehrt" (Lk 15,7). Der größte Beweis seiner Liebe ist die Hingabe seines Lebens "zur Vergebung der Sünden" (Mt 26,28) (Vgl. dazu auch1443, 588, 1846, 1439).



546 Jesus ruft durch Gleichnisse - ein typischer Zug seines Lehrens - dazu auf, in das Reich einzutreten [Vgl. Mk 4,33-34]. Durch sie lädt er zum Festmahl des Reiches ein [Vgl. Mt 22, 1-14], fordert aber auch eine radikale Entscheidung: Um das Reich zu erwerben, muß man alles aufgeben [Vgl. Mt 13,44-45]; bloße Worte genügen nicht; Taten sind notwendig [Vgl. Mt 21,28-32]. Die Gleichnisse halten dem Menschen gewissermaßen einen Spiegel vor, der ihn erkennen läßt: Nimmt er das Wort auf wie ein harter Boden oder wie die gute Erde ? [Vgl. Mt 13,3-9] Was tut er mit den Talenten, die er erhalten hat ? [Vgl. Mt 25,14-30] Jesus und die Gegenwart des Reiches auf Erden sind die Sinnmitte der Gleichnisse. Man muß in das Reich eintreten, das heißt Jünger Christi werden, um "die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen" (Mt 13,11). Für die, "die draußen sind" (Mk 4,11), bleibt alles rätselhaft [Vgl. Mt 13,10-15] (Vgl. dazu auch 2613, 542).





Die Zeichen des Reiches Gottes



547 Jesus begleitet seine Worte durch zahlreiche "machtvolle Taten, Wunder und Zeichen" (Apg 2,22). Diese zeigen, daß das Reich in ihm gegenwärtig ist. Sie bezeugen, daß Jesus der angekündigte Messias ist [Vgl. Lk 7,18-23] (Vgl. dazu auch 670, 439).



548 Die von Jesus vollbrachten Zeichen bezeugen, daß der Vater ihn gesandt hat [Vgl. Joh 5,36; 10,25]. Sie laden ein, an ihn zu glauben [Vgl. Joh 10,38]. Denen, die sich gläubig an ihn wenden, gibt er, was sie erbitten [Vgl. z. B. Mk 5,25-34; 10,52]. So stärken die Wunder den Glauben an ihn, der die Werke seines Vaters tut: sie bezeugen, daß er der Sohn Gottes ist [Vgl. Joh 10,31-38]. Sie können aber auch Anlaß zum "Anstoß" sein (Mt 11,6). Sie wollen nicht Neugier und magische Wünsche befriedigen. Trotz seiner so offensichtlichen Wunder wird Jesus von einzelnen abgelehnt [Vgl. Joh 11,47-48]; ja man bezichtigt ihn, mit Hilfe der Dämonen zu wirken [Vgl. Mk 3,22] (Vgl. dazu auch 156, 2616, 574, 447).



549 Indem er einzelne Menschen von irdischen Übeln: von Hunger [Vgl. Joh 6,5-15], Unrecht [Vgl. Lk 19,8], Krankheit und Tod [Vgl. Mt 11,5] befreit, setzt Jesus messianische Zeichen. Er ist jedoch nicht gekommen, um alle Übel auf Erden zu beheben [Vgl. Lk 12, 13. 14; Joh 18, 36], sondern um die Menschen aus der schlimmsten Sklaverei, der Sünde, zu befreien [Vgl. Joh 8,34-36]. Diese hindert sie an ihrer Berufung zu Kindern Gottes und bringt sie in vielerlei Abhängigkeiten (Vgl. dazu auch 1503, 440).



550 Das Kommen des Gottesreiches ist die Niederlage des Reiches Satans [Vgl. Mt 12,36]: "Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen" (Mt 12,28). Die von Jesus vorgenommenen Exorzismen befreien die Menschen aus der Macht der Dämonen [Vgl. Lk 8,26-39]. Sie nehmen den großen Sieg Jesu über den "Herrscher dieser Welt" (Joh 12,31) vorweg. Das Reich Gottes wird durch das Kreuz Christi endgültig errichtet: "Vom Holz herab herrscht unser Gott" (LH, Hymnus "Vexilla Regis") (Vgl. dazu auch 394, 1673, 440, 2816).





"Die Schlüssel des Reiches"



551 Gleich am Anfang seines öffentlichen Lebens wählt Jesus Männer, zwölf an der Zahl; diese sollen bei ihm sein und an seiner Sendung teilnehmen [Vgl. Mk 3,13-19]. Er läßt sie an seiner Autorität teilhaben und sendet sie aus "mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen" (Lk 9,2). Sie bleiben für immer mit dem Reiche Christi verbunden, denn Christus leitet durch sie die Kirche (Vgl. dazu auch 858, 765):



"Darum vermache ich euch das Reich, wie es mein Vater mir vermacht hat: Ihr sollt in meinem Reich mit mir an meinem Tisch essen und trinken, und ihr sollt auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten" (Lk 22, 29-30).



552 Im Kollegium der Zwölf steht Simon Petrus an erster Stelle [Vgl. Mk 3,16; 9,2; Lk 24,34; 1 Kor 15,5]. Jesus hat ihm eine einzigartige Sendung anvertraut. Dank einer Offenbarung, die Petrus vom Vater erhalten hatte, bekannte er: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes". Und unser Herr sagte zu ihm: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen" (Mt 16,16-18). Christus, "der lebendige Stein" (1 Petr 2,4), sichert seiner auf Petrus gebauten Kirche den Sieg über die Mächte des Todes zu. Auf dem Grund des Glaubens, den er bekannt hat, bleibt Petrus der unerschütterliche Fels der Kirche. Er hat die Sendung, diesen Glauben vor allem Schwanken zu bewahren und seine Brüder darin zu bestärken [Vgl. Lk 22,32] (Vgl. dazu auch 880, 153, 442, 424).



553 Jesus hat Petrus eine besondere Autorität anvertraut: "Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein" (Mt 16,19). Die "Schlüsselgewalt" bedeutet die Vollmacht, das Haus Gottes, die Kirche, zu leiten. Jesus, "der gute Hirt" (Joh 10,11), hat diesen Auftrag nach seiner Auferstehung bestätigt: "Weide meine Schafe!" (Joh 21,15-17). Die Gewalt, zu "binden" und zu "lösen", besagt die Vollmacht, in der Kirche von Sünden loszusprechen, Lehrurteile zu fällen und disziplinarische Entscheide zu treffen. Jesus hat der Kirche diese Autorität durch den Dienst der Apostel [Vgl. Mt 18,18] und insbesondere des Petrus anvertraut, dem er als einzigem die Schlüssel des Reiches ausdrücklich übergeben hat (Vgl. dazu auch 981, 1445, 641, 881).





Eine Vorahnung des Reiches: die Verklärung



554 Von dem Tag an, an dem Petrus bekannt hatte, daß Jesus der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes ist, "begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und ... vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen" (Mt 16,21). Petrus weist diese Ankündigung zurück [Vgl. Mt 16,22-23]; auch die anderen können sie nicht begreifen [Vgl. Mt 17,23; Lk 9,45]. In diesem Zusammenhang steht das geheimnisvolle Geschehen der Verklärung Jesu [Vgl. Mt 17,1-8 par.; 2 Petr 1,16-18] auf einem hohen Berg vor drei von ihm ausgewählten Zeugen: Petrus, Jakobus und Johannes. Das Antlitz und die Kleider Jesu werden strahlend hell; Mose und Elija erscheinen und sprechen "von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte" (Lk 9,31). Eine Wolke überschattet sie und eine Stimme vom Himmel sagt: "Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören" (Lk 9,35) (Vgl. dazu auch 697, 2600, 444).



555 Für einen Augenblick läßt Jesus seine göttliche Herrlichkeit aufleuchten und bestätigt so das Bekenntnis des Petrus. Er zeigt auch, daß er, um "in seine Herrlichkeit zu gelangen" (Lk 24,26), in Jerusalem den Tod am Kreuz erleiden muß. Mose und Elija hatten auf dem Berg die Herrlichkeit Gottes gesehen; das Gesetz und die Propheten hatten die Leiden des Messias angekündigt [Vgl. Lk 24,27]. Die Passion Jesu ist der Wille des Vaters; der Sohn handelt als Gottesknecht [Vgl. Jes 42,1]; die Wolke ist ein Zeichen der Gegenwart des Heiligen Geistes: "Die ganze Dreifaltigkeit erschien: Der Vater in der Stimme, der Sohn als Mensch, der Heilige Geist in der leuchtenden Wolke" (Thomas v. A., s. th. 3,45,4 ad 2) (Vgl. dazu auch 2576, 2583).



"Du wurdest auf dem Berg verklärt, und soweit sie dazu fähig waren, schauten deine Jünger deine Herrlichkeit, Christus Gott, damit sie, wenn sie dich gekreuzigt sehen werden, begreifen, daß dein Leiden freiwillig war, und damit sie der Welt verkünden, daß du wirklich der Abglanz des Vaters bist" (Byzantinische Liturgie, Kontakion am Fest der Verklärung).



556 Am Beginn des öffentlichen Lebens steht die Taufe, am Beginn des Pascha die Verklärung. Bei der Taufe Jesu wurde "das Geheimnis der ersten Neugeburt kundgetan": unsere Taufe; die Verklärung ist "das Sakrament der zweiten Wiedergeburt": unserer Auferstehung (Thomas v. A., s. th. 3,45,4,ad 2). Schon jetzt haben wir an der Auferstehung des Herrn Anteil durch den Heiligen Geist, der in den Sakramenten der Kirche, des Leibes Christi wirkt. Die Verklärung gibt uns eine Vorahnung der Wiederkunft Christi in Herrlichkeit, "der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes" (Phil 3,21). Sie sagt uns aber auch, daß wir "durch viele Drangsale ... in das Reich Gottes gelangen" müssen (Apg 14,22) (Vgl. dazu auch 1003):



"Das hatte Petrus noch nicht begriffen, als er mit Christus auf dem Berge zu leben wünschte [Vgl. Lk 9,33]. Er hat dir, Petrus, das für die Zeit nach seinem Tod vorbehalten. Jetzt aber sagt er selbst: Steige hinab, um auf Erden dich abzumühen, auf Erden zu dienen, auf Erden verachtet, gekreuzigt zu werden. Das Leben steigt hinab, um sich töten zu lassen; das Brot steigt hinab, um zu hungern; der Weg steigt hinab, um auf dem Wege müde zu werden; die Quelle steigt hinab, um zu dürsten - und du weigerst dich, dich abzumühen?" (Augustinus, serm. 78,6).





Jesus geht hinauf nach Jerusalem



557 "Als die Zeit herankam, in der er [in den Himmell aufgenommen werden sollte, entschloß sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen" (Lk 9,51) [Vgl. Joh 13,1]. Durch diesen Entschluß deutete Jesus an, daß er bereit zum Sterben nach Jerusalem hinaufging. Dreimal hatte er sein Leiden und seine Auferstehung angekündigt [Vgl. Mk 8,31-33; 9,31-32; 10,32-34]. Als er sich Jerusalem näherte, sagte er: "Ein Prophet darf nirgendwo anders als in Jerusalem umkommen" (Lk 13,33).



558 Jesus erinnert an das Martyrium der Propheten, die in Jerusalem umgebracht worden waren [Vgl. Mt 23,37a]. Dennoch fordert er Jerusalem beharrlich auf, sich um ihn zu sammeln: "Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt" (Mt 23, 37b). Als Jerusalem in Sicht ist, weint er über die Stadt und äußert noch einmal seine tiefste Sehnsucht: "Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt! Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen" (Lk 19,42).





Der messianische Einzug in Jerusalem



559 Wie wird Jerusalem seinen Messias aufnehmen? Jesus hatte sich den Bestrebungen des Volkes, ihn zum König zu machen, stets entzogen [Vgl. Joh 6,15]. Jetzt wählt er den Zeitpunkt und trifft Vorkehrungen für seinen messianischen Einzug in die Stadt "seines Vaters David" (Lk 1,32) [Vgl. Mt 21,1-11]. Er wird umjubelt als der Sohn Davids, als der, der das Heil bringt ["Hosanna" bedeutet "rette!", "gib Heil!"]. Nun aber zieht der "König der Herrlichkeit" (Ps 24,7-10) "auf einem Esel reitend" (Sach 9,9) in seine Stadt ein; er gewinnt die Tochter Zion, das Sinnbild seiner Kirche, nicht durch List und Gewalt für sich, sondern durch Demut, die für die Wahrheit Zeugnis ablegt [Vgl. Joh 18,37]. Deshalb bilden an diesem Tag die Kinder [Vgl. Mt 21,15-16; Ps 8,3] sein Reich und auch die "Armen Gottes", die ihm so zurufen, wie ihn die Engel den Hirten verkündet haben [Vgl. Lk 19,38; 2,14]. Ihr Zuruf "Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn!" (Ps 118,26) ist von der Kirche in das Sanctus der Eucharistiefeier aufgenommen worden, um das Gedächtnis an das Pascha des Herrn zu eröffnen (Vgl. dazu auch 333, 1352).



560 Der Einzug Jesu in Jerusalem kündigt das Kommen des Reiches an, das der Messias-König durch das Pascha seines Todes und seiner Auferstehung herbeiführt. Mit der Feier dieses Einzugs am Palmsonntag eröffnet die Kirche die große Heilige Woche, die Karwoche (Vgl. dazu auch 550, 2816, 1169).







KURZTEXTE





561 "Das ganze Leben Christi war ein beständiges Lehren. Die Momente des Schweigens, seine Wunder, seine Taten, sein Beten, seine Menschenliebe, seine Vorliebe für die Kleinen und Armen, die Annahme des letzten Opfers für die Erlösung der Welt am Kreuz und seine Auferstehung - dies alles macht sein Wort wirklich und wahr und vollendet seine Offenbarung" (CT 9).



562 Die Jünger Christi müssen ihm gleichgestaltet werden, bis er in ihnen Gestalt gewonnen hat [Vgl. Gal 4,19]. "Deshalb werden wir aufgenommen in die Mysterien seines Lebens, mit ihm gleichgestaltet. mit ihm gestorben und mit ihm auferweckt, bis wir mit ihm herrschen werden" (LG 7).



563 Ob einer nun Hirte oder Sterndeuter ist, er kann auf Erden nicht zu Gott kommen, es sei denn, er kniet vor der Krippe Betlehems nieder und betet ihn als den in der Schwäche eines Kindes Verborgenen an.



564 Durch seine Unterordnung unter Maria und Josef und seine schlichte Arbeit während der vielen Jahre in Nazaret gibt uns Jesus das Beispiel der Heiligkeit im Alltagsleben der Familie und der Arbeit.



565 Schon zu Beginn seines öffentlichen Lebens, bei seiner Taufe, ist Jesus der "Gottesknecht", der gänzlich dem Erlösungswerk geweiht ist, das sich in der "Taufe" seiner Passion vollenden wird.



566 Bei der Versuchung in der Wüste erweist sich Jesus als der demütige Messias, der durch seine völlige Treue zu dem vorn Vater gewollten Heilsplan über Satan siegt.



567 Durch Christus beginnt auf Erden das Himmelreich. Es "leuchtet im Wort, in den Werken und in der Gegenwart Christi den Menschen auf" (LG 5). Die Kirche ist der Keim und Anfang dieses Reiches. Dessen Schlüssel sind Petrus anvertraut.



568 Die Verklärung Christi will den Glauben der Apostel angesicht der kommenden Passion stärken. Der Aufstieg auf den "hohen Berg" bereitet auf den Aufstieg zum Kalvarienberg vor. Christus, das Haupt der Kirche, offenbart, was sein Leib enthält und in den Sakramenten ausstrahlt: "die Hoffnung auf Herrlichkeit" (KoI 1,27) [Vgl. Leo d. Gr. serm. 51,3].



569 Jesus ist freiwillig nach Jerusalem hinaufgezogen im Bewußtsein, daß er dort wegen des Widerstandes von seiten der Sünder [Vgl. Hebr 12,3] eines gewaltsamen Todes sterben werde.



570 Der Einzug Jesu in Jerusalem bezeugt das Kommen des Gottesreiches. Der Messias-König, von den Kindern und den demütig gesinnten Menschen in seiner Stadt empfangen, wird es durch das Pascha seines Todes und seiner Auferstehung herbeiführen.













ARTIKEL 4 "JESUS CHRISTUS ... GELITTEN

UNTER PONTIUS PILATUS,

GEKREUZIGT, GESTORBEN UND BEGRABEN"





571 Das Pascha-Mysterium des Kreuzes und der Auferstehung Christi ist das Herz der Frohbotschaft, welche die Apostel und in ihrer Nachfolge die Kirche der Welt verkünden sollen. Im Erlösungstod seines Sohnes Jesus Christus ging der Heilsplan Gottes "ein für allemal" in Erfüllung (Hebr 9,26) (Vgl. dazu auch 1067).



572 Die Kirche bleibt der Auslegung "der gesamten Schrift" treu, die Jesus selbst vor und nach seinem Pascha gegeben hat: "Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?" (Lk 24,26) [Vgl. Lk 24,44-45]. Die Leiden Christi erhielten ihre konkrete geschichtliche Gestalt dadurch, daß er "von den Ältesten den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen" wurde (Mk 8,31), die ihn "den Heiden übergaben, damit er verspottet, gegeißelt und gekreuzigt" werde (Mt 20,19) (Vgl. dazu auch 599).



573 Um den Sinn der Erlösung tiefer zu erfassen, kann der Glaube versuchen, in die Umstände des Todes Jesu einzudringen, die durch die Evangelien treu überliefert [Vgl. DV 19] und durch weitere Geschichtsquellen erhellt werden (Vgl. dazu auch158).







ABSATZ 1 JESUS UND ISRAEL



574 Schon zu Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu kamen Pharisäer und Anhänger des Herodes mit Priestern und Schriftgelehrten überein, ihn umzubringen [Vgl. Mk 3,6]. Manche seiner Taten (Dämonenaustreibungen [Vgl. Mt 12,24], Sündenvergebungen [Vgl. Mk 2,7], Heilungen am Sabbat [Vgl. Mk 3,1-6], eigenständige Auslegung der Reinheitsvorschriften des Gesetzes [Vgl. Mk 7,14-23], vertrauter Umgang mit Zöllnern und öffentlichen Sündern [Vgl. Mk 2,14-17]) erweckten bei einigen Übelgesinnten den Verdacht, er sei besessen [Vgl. Mk 3,22; Joh 8,48; 10,20]. Man warf ihm vor, er lästere Gott [Vgl. Mk 2,7; Joh 5,18; 10,33] und sei ein falscher Prophet [Vgl. Joh 7,12; 7,52] - zwei Verbrechen gegen die Religion, für die das Gesetz die Todesstrafe der Steinigung vorsah [Vgl. Joh 8,59; 10,31] (Vgl. dazu auch 530, 591).



575 Für die religiösen Autoritäten Jerusalems, die das Johannesevangelium oft einfachhin als "die Juden" bezeichnet [Vgl. Joh 1,19; 2,18; 5,10; 7,13; 9,22; 18,12; 19,38; 20,19], waren viele Worte und Taten Jesu somit ein "Zeichen, dem widersprochen wird" (Lk 2,34), noch mehr als für das gewöhnliche Gottesvolk [Vgl. Joh 7,48-49]. Zwar waren die Beziehungen Jesu zu den Pharisäern nicht nur polemisch. So sind es Pharisäer, die ihn vor der ihm drohenden Gefahr warnen [Vgl. Lk 13,31]. Jesus lobt einzelne von ihnen, z. B. den Schriftgelehrten in Mk 12,34, und ist wiederholt bei Pharisäern zu Gast [Vgl. Lk 7,36; 14,1]. Jesus bekräftigt Lehren, die von dieser religiösen Elite des Gottesvolkes geteilt werden: die Auferstehung der Toten [Vgl. Mt 22,23-34; Lk 20,39], die Frömmigkeitsformen (Almosengeben, Fasten und Gebet [Vgl. Mt 6,2-18]) und den Brauch, sich an Gott als den Vater zu wenden sowie die zentrale Stellung des Gebotes der Liebe zu Gott und zum Nächsten [Vgl. Mk 12, 28-34] (Vgl. dazu auch 993).



576 In den Augen vieler in Israel scheint Jesus gegen die wesentlichen Institutionen des auserwählten Volkes zu verstoßen:



- gegen den Gehorsam dem Gesetz gegenüber, in ausnahmslos allen schriftlich niedergelegten Geboten, und, für die Pharisäer, in der von der mündlichen Überlieferung gegebenen Auslegung;

- gegen die zentrale Stellung des Tempels von Jerusalem als des heiligen Ortes, der besonderen Wohnstätte Gottes;

- gegen den Glauben an den einzigen Gott, an dessen Herrlichkeit kein Mensch teilhaben kann.





I Jesus und das Gesetz



577 In der Bergpredigt nahm Jesus im Licht der Gnade des Neuen Bundes Stellung zum Gesetz, das beim ersten Bundesschluß am Sinai von Gott gegeben worden war. Er begann mit einer feierlichen Warnung (Vgl. dazu auch 1965):



"Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich" (Mt 5,17-19) (Vgl. dazu auch 1967).



578 Für Jesus, den Messias Israels, somit für den Größten im Himmelreich, geziemte es sich nach seinen eigenen Worten, das Gesetz in vollem Umfang, selbst die geringsten Gebote, zu erfüllen. Er ist sogar der einzige, der das vollkommen zu tun vermochte [Vgl. Joh 8,46]. Wie die Juden selber zugaben, waren sie nie imstande, das Gesetz ganz zu erfüllen, ohne das geringste Gebot zu verletzen [Vgl. Joh 7,19; Apg 13,38-41; 15,10]. Darum bitten am jährlichen Versöhnungsfest die Kinder Israels Gott für ihre Gesetzesübertretungen um Vergebung. Das Gesetz bildet ja ein Ganzes, und, wie der hl. Jakobus in Erinnerung ruft: "Wer das ganze Gesetz hält und nur gegen ein einziges Gebot verstößt, der hat sich gegen alle verfehlt" (Jak 2, 10)[Vgl. Gal 3,10; 5,3] (Vgl. dazu auch 1953).



579 Dieser Grundsatz, daß das Gesetz in vollem Umfang und zwar nicht nur dem Buchstaben sondern auch seinem Geiste nach zu halten sei, war den Pharisäern teuer. Indem sie ihn für Israel hervorhoben, brachten sie viele Juden der Zeit Jesu zu einem gewaltigen religiösen Eifer [Vgl. Röm 10,2]. Sollte dieser Eifer nicht in eine "scheinheilige" Kasuistik [Vgl. Mt 15,3-7; Lk 11,39-54] ausarten, mußte er das Volk auf das unerhörte Eingreifen Gottes vorbereiten: daß nämlich der einzige Gerechte an Stelle aller Sünder das Gesetz vollkommen erfüllt [Vgl. Jes 53,11; Hebr 9,15].



580 Die vollkommene Erfüllung des Gesetzes konnte somit nur das Werk des göttlichen Gesetzgebers selbst sein, der in der Person des Sohnes als dem Gesetz unterstellt geboren wurde [Vgl. Gal 4,4]. In Jesus erscheint das Gesetz nicht mehr auf Steintafeln geritzt, sondern in das "Herz" (Jer 31,33) des Gottesknechtes geschrieben. Dieser "bringt wirklich das Recht" (Jes 42,3) und ist darum zum "Bund für das Volk" (Jes 42,6) geworden. Jesus geht bei der Erfüllung des Gesetzes so weit, daß er sogar den "Fluch des Gesetzes" (Gal 3,13) auf sich nimmt, den jeder auf sich zieht, "der sich nicht an alles hält, was zu tun das Buch des Gesetzes vorschreibt" (Gal 3,10). Der Tod Christi hat so "die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirkt" (Hebr 9,15) (Vgl. dazu auch 527).



581 Jesus galt den Juden und ihren geistigen Führern als ein "Rabbi" [Vgl. Joh 11,28; 3,2; Mt 22,23-24,34-36]. Er argumentierte oft im Rahmen der rabbinischen Gesetzesauslegung [Vgl. Mt 12,5; 9,12; Mk 2,23-27; Lk 6,6-9;Joh 7,22-23]. Jesus mußte aber die Gesetzeslehrer unwillkürlich vor den Kopf stoßen, denn er bot seine Auslegung nicht bloß als einer von ihnen dar, sondern "lehrte ... wie einer, der [göttliche] Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten" (Mt 7,28-29). In ihm ist das gleiche Gotteswort, das am Sinai erklungen war, um Mose das schriftliche Gesetz zu geben, auf dem Berg der Seligpreisungen aufs neue zu vernehmen [Vgl. Mt 5,1]. Jesus schafft das Gesetz nicht ab, sondern erfüllt es, indem er von Gott her dessen endgültige Auslegung bietet: "Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist ... Ich aber sage euch" (Mt 5, 33-34). Mit der gleichen göttlichen Autorität stellt er gewisse "Überlieferungen der Menschen" (Mk 7,8) - das heißt die der Pharisäer - bloß, die "Gottes Wort außer Kraft" setzen (Mk 7,13) (Vgl. dazu auch 2054).



582 Noch mehr: Das Gesetz über die Reinheit der Speisen, das im jüdischen Leben eine so große Rolle spielte, erfüllte Jesus, indem er dessen "erzieherischen" Sinn [Vgl. Gal 3,24] durch göttliche Auslegung offenbarte: "daß das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann ... Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein ... Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken" (Mk 7,18-21). Jesus bot in göttlicher Autorität die endgültige Gesetzesinterpretation. Dabei stieß er auf den Widerstand gewisser Gesetzeslehrer, die seine Gesetzesauslegung nicht annahmen, obwohl sie durch begleitende göttliche Zeichen beglaubigt wurde [Vgl. Joh 5,36; 10,25.37-38; 12,37]. Das gilt insbesondere auch von der Sabbatfrage: Jesus erinnert daran, oft mit rabbinischen Argumenten [Vgl. Mk 2,25-27; Joh 7,22-24], daß die Sabbatruhe weder durch den Dienst für Gott [Vgl. Mt 12,5; Num 28,9] noch durch den Dienst am Nächsten [Vgl. Lk 13,15-16; 14,3-4] - und darum auch nicht durch seine Heilungen - verletzt wird (Vgl. dazu auch 368, 548, 2173).





II Jesus und der Tempel



583 Wie schon die Propheten vor ihm, erwies Jesus dem Tempel von Jerusalem tiefste Ehrfurcht. Vierzig Tage nach seiner Geburt wurde er darin von Josef und Maria Gott dargestellt [Vgl. Lk 2,22-39]. Im Alter von zwölf Jahren entschloß er sich, im Tempel zu bleiben, um seine Eltern daran zu erinnern, daß er für die Sache seines Vaters da sei [Vgl. Lk 2,46-49]. Während seines verborgenen Lebens begab er sich Jahr für Jahr wenigstens am Paschafest zum Tempel hinauf [Vgl. Lk 2,41]. Sein öffentliches Wirken vollzog sich im Rhythmus seiner Pilgerfahrten nach Jerusalem zu den großen jüdischen Festen [Vgl. Joh 2,13-14; 5,1.14; 7,1.10.14; 8,2; 10,22-23] (Vgl. dazu auch 529, 534).



584 Jesus steigt zum Tempel hinauf als dem vorzüglichen Ort der Begegnung mit Gott. Der Tempel ist für ihn die Wohnung seines Vaters, ein Haus des Gebetes, und er empört sich darüber, daß dessen Vorhof zu einem Marktplatz gemacht wird [Vgl. Mt 21,13]. Aus eifernder Liebe zu seinem Vater vertreibt er die Händler aus dem Tempel: "Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: ,Der Eifer für dein Haus verzehrt mich' (Ps 69,10)" (Joh 2,16-17). Nach seiner Auferstehung behielten die Apostel eine ehrerbietige Haltung zum Tempel bei [Vgl. z.B. Apg 2,46; 3,1; 5,20.21] (Vgl. dazu auch 2599).



585 Vor seiner Passion kündigte Jesus jedoch die Zerstörung dieses herrlichen Gebäudes an, von dem kein Stein mehr auf dem anderen bleiben werde [Vgl. Mt 24,1-2]. Darin liegt ein Zeichen der Endzeit, die mit seinem Pascha beginnt [Vgl. Mt 24,3; Lk 13,35]. Diese Weissagung aber wurde bei seinem Verhör vor dem Hohenpriester von falschen Zeugen entstellt wiedergegeben [Vgl. Mk 14,57-58] und dann dem ans Kreuz Genagelten spöttisch entgegengehalten [Vgl. Mt 27,39-40].



586 Jesus legte seine Lehre zum großen Teil im Tempel dar [Vgl. Joh 18,20] und war diesem keineswegs feind [Vgl. Mt 8,4; 23,21; Lk 17,14; Joh 4,22]. Er war gewillt, die Tempelsteuer zu zahlen, und entrichtete sie auch für Petrus [Vgl. Mt 17,24-27], den er eben zum Grundstein seiner künftigen Kirche gemacht hatte [Vgl. Mt 16,18]. Er identifizierte sich sogar mit dem Tempel, indem er sich selbst als die endgültige Wohnung Gottes unter den Menschen bezeichnete [Vgl. Joh 2,21; Mt 12,6]. Darum kündigt die Hinrichtung seines Leibes [Vgl. Joh 2,18-22] die Zerstörung des Tempels an, mit der eine neue Epoche der Heilsgeschichte anbricht: "Die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet" (Joh 4, 21) [Vgl. Joh 4, 23-24; Mt 27,51; Hebr 9,11; Offb 21,22] (Vgl. dazu auch 797, 1179).





III Jesus und der Glaube Israels an den einzigen rettenden Gott



587 Das Gesetz und der Tempel von Jerusalem konnten also für die religiösen Autoritäten Israels Anlaß geben, Jesus zu "widersprechen" [Vgl. Lk 2,34]. Der eigentliche Stein des Anstoßes [Vgl. Lk 20,17-18; Ps 118,22] war für sie jedoch seine Rolle in der Sündenvergebung, dem göttlichen Werk schlechthin.



588 Es war für die Pharisäer ein Skandal, daß Jesus mit Zöllnern und Sündern ebenso vertraut Mahl hielt [Vgl. Lk 5, 30], wie mit ihnen selbst [Vgl. Lk 7,36; 11,37; 14,1]. Gegenüber solchen, "die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten" (Lk 18,9) [Vgl. Joh 7,49; 9,34], sagte Jesus: "Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten" (Lk 5,32). Ja, er erklärte den Pharisäern gegenüber, alle seien in Sünde [Vgl. Joh 8,33-36], und wer sich nicht als heilsbedürftig ansehe, sei mit Blindheit geschlagen [Vgl. Joh 9,40-41] (Vgl. dazu auch 545).



589 Vor allem aber erregte Jesus deswegen Anstoß, weil er sein barmherziges Verhalten zu den Sündern mit der Haltung Gottes diesen gegenüber gleichsetzte [Vgl. Mt 9,13; Hos 6,6]. Indem er sich mit Sündern zu Tische setzte [Vgl. Lk 15,1-2], gab er sogar zu verstehen, daß er sie zum messianischen Mahl zulasse [Vgl. Lk 15, 23-32]. Ganz besonders aber brachte er die religiösen Autoritäten Israels dadurch in Verlegenheit, daß er Sünden vergab. Fragten sie in ihrem Entsetzen nicht zurecht: "Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?" (Mk 2,7). Entweder lästert Jesus Gott, indem er Sünden vergibt, da er sich dann als Mensch Gott gleichsetzt [Vgl. Joh 5,18; 10,33], oder er spricht die Wahrheit und seine Person vergegenwärtigt und offenbart den Namen Gottes [Vgl. Joh 17,6.26] (Vgl. dazu auch 431, 1441, 432).



590 Einzig die göttliche Identität der Person Jesu kann einen so absoluten Anspruch rechtfertigen wie den folgenden: "Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich" (Mt 12,30), oder Aussagen wie: "Hier aber ist einer, der mehr ist als Jona ..., mehr ist als Salomo" (Mt 12,41-42), "größer ist als der Tempel" (Mt 12,6). Oder daß er es auf sich bezieht, wenn David den Messias seinen Herrn genannt hat [Vgl. Mt 12,36.37], oder behauptet: "Noch ehe Abraham wurde, bin ich" (Joh 8,58), und sogar: "Ich und der Vater sind eins" (Joh 10,30) (Vgl. dazu auch 253).



591 Jesus hat die religiösen Autoritäten Jerusalems aufgefordert, an ihn zu glauben, weil er die Werke seines Vaters vollbringe [Vgl. Joh 10,36-38]. Ein solcher Glaubensakt erfordert jedoch ein geheimnisvolles Sich-selbst-Absterben, um, durch die göttliche Gnade angezogen [Vgl. Joh 6,44], "von oben her geboren" zu werden (Joh 3,7). Eine solche Umkehrforderung zu stellen, obwohl die Verheißungen auf so unerwartete Weise in Erfüllung gehen sollten [Vgl. Jes 53,1], macht verständlich, daß der Hohe Rat dem tragischen Irrtum erliegen konnte, Jesus sei ein Gotteslästerer und verdiene als solcher den Tod [Vgl. Mk 3,6; Mt 26,64-66]. Seine Mitglieder handelten zugleich aus "Unwissenheit" [Vgl. Lk 23,34; Apg 3, 17-18] und aus "Verstocktheit" (Mk 3,5; Röm 11,25) im "Unglauben" (Röm 11,20) (Vgl. dazu auch 526, 574).







KURZTEXTE





592 Jesus hat das Gesetz vom Sinai nicht abgeschafft, sondern erfüllt [Vgl. Mt 5,17-19] und zwar so vollkommen [Vgl. Joh 8,46], daß er dessen letzten Sinn enthüllt [Vgl. Mt 5,33] und von dessen Übertretungen freikauft [Vgl. Hebr 9,15].



593 Jesus hat den Tempel verehrt: an den jüdischen Pilgerfesten suchte er ihn auf und er liebte diese Wohnung Gottes unter den Menschen mit eifersüchtiger Liebe. Der Tempel deutet im voraus sein Mysterium an. Wenn er dessen Zerstörung ankündigt, bekundet er darin seinen gewaltsamen Tod und den Eintritt in eine neue Epoche der Heilsgeschichte, in der sein Leib der endgültige Tempel sein wird.



594 Jesus hat Taten gesetzt - wie z. B. die Sündenvergebung -, die ihn als den rettenden Gott selbst offenbaren [Vgl. Joh 5,16-18]. Gewisse Juden erkannten in ihm nicht den menschgewordenen Gott [Vgl. Joh 1,14], sondern sahen in ihm "einen Menschen", der sich "selbst zu Gott" macht (Joh 10.33). und verurteilten ihn als einen Gotteslästerer.











ABSATZ 2 JESUS IST AM KREUZ GESTORBEN







I Der Prozeß Jesu





Die jüdischen Autoritäten waren nicht einer Meinung über Jesus



595 Unter den religiösen Autoritäten Jerusalems gab die Person Jesu immer wieder Anlaß zu Meinungsverschiedenheiten; der Pharisäer Nikodemus [Vgl. Joh 7,50] und der angesehene Josef von Arimathäa [Vgl. Joh 19,38-39] etwa waren heimliche Anhänger Jesu [Vgl. Joh 9,16-17;10,19-21]. Johannes kann sogar sagen, daß - selbst kurz vor der Passion - "von den führenden Männern viele zum Glauben" (Joh 12,42), zu einem freilich noch sehr unvollkommenen Glauben an ihn kamen. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, daß am Tag nach Pfingsten "eine große Anzahl von den Priestern ... gehorsam den Glauben" annahm (Apg 6,7) und "einige aus dem Kreis der Pharisäer ... gläubig geworden waren" (Apg 15,5). Der hl. Jakobus konnte dem hl. Paulus sagen, daß "viele Tausende unter den Juden gläubig geworden sind, und sie alle sind Eiferer für das Gesetz" (Apg 21,20).



596 Die religiösen Autoritäten waren in bezug auf die Frage, wie man sich zu Jesus einstellen solle, nicht einer Meinung [Vgl. Joh 9,16; 10,19]. Die Pharisäer drohten solchen, die sich an Jesus halten würden, den Ausschluß an [Vgl. Joh 9,22]. Einige befürchteten: "Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die heilige Stätte und das Volk nehmen" (Joh 11,48). Ihnen machte der Hohepriester Kajaphas einen Vorschlag, indem er weissagte: "Ihr bedenkt nicht, daß es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht" (Joh 11,50). Der Hohe Rat, der Jesus als Gotteslästerer zum Tod verurteilte [Vgl. Mt 26,66], aber das Recht, jemanden hinzurichten, verloren hatte [Vgl. Joh 18,31], lieferte Jesus den Römern aus und klagte ihn des Aufstands an [Vgl. Lk 23,2], was ihn an die Seite des Barabbas stellte, der des "Aufruhrs" angeklagt war (Lk 23,19). Die Hohenpriester suchten Pilatus auch durch politische Drohungen zu bewegen, Jesus zum Tod zu verurteilen [Vgl. Joh 19, 12. 15. 21] (Vgl. dazu auch 1753).





Die Juden sind für den Tod Jesu nicht kollektiv verantwortlich



597 Berücksichtigt man, wie geschichtlich verwickelt der Prozeß Jesu nach den Berichten der Evangelien ist und wie auch die persönliche Schuld der am Prozeß Hauptbeteiligten (von Judas, dem Hohen Rat, von Pilatus) - die Gott allein kennt - sein mag, so darf man nicht die Gesamtheit der Juden von Jerusalem dafür verantwortlich machen - trotz des Schreiens einer manipulierten Menge [Vgl. Mk 15,11] und ungeachtet der allgemeinen Vorwürfe in den nach Pfingsten erfolgenden Aufrufen zur Bekehrung [Vgl. Apg 2, 23. 36; 3,13-14; 4,10; 5,30; 7,52; 10,39; 13,27-28; 1 Thess 2,14-15] . Als Jesus ihnen vom Kreuz herab verzieh [Vgl. Lk 23,24], entschuldigte er - wie später auch Petrus - die Juden von Jerusalem und sogar ihre Führer mit ihrer "Unwissenheit" (Apg 3,17). Noch weniger darf man den Schrei des Volkes: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" (Mt 27,25), der eine Bestätigungsformel darstellt [Vgl. Apg 5,28; 18,6], zum Anlaß nehmen, die Schuld auf die Juden anderer Länder und Zeiten auszudehnen (Vgl. dazu auch 1735):



Darum hat die Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil erklärt: Was "bei seinem Leiden vollzogen worden ist, [kann] weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last gelegt werden. ... Die Juden [sind] weder als von Gott verworfen noch als verflucht darzustellen, als ergäbe sich dies aus der Heiligen Schrift" (NA 4) (Vgl. dazu auch 839).





Alle Sünder sind am Leiden Christi schuld



598 In ihrem Glaubenslehramt und im Zeugnis ihrer Heiligen hat die Kirche nie vergessen, daß auch die Sünder "die Urheber und Vollstrecker aller Strafen waren, die [Christus] erlitt" (Catech. R. 1,5,11) [Vgl. Hebr 12,3]. Da sich die Kirche bewußt ist, daß unsere Sünden Christus selbst treffen [Vgl. Mt 25,45; Apg 9,4-5], zögert sie nicht, den Christen die schwerste Verantwortung für die Qualen Christi zuzuschreiben - während diese die Verantwortung allzu oft einzig den Juden angelastet haben:



"Diese Schuld trifft vor allem jene, die wiederholt in die Sünde zurückfallen. Denn da unsere Sünden Christus den Herrn in den Kreuzestod trieben, so ,kreuzigen' tatsächlich jene, die sich in Sünden und Lastern wälzen, ,soweit es auf sie ankommt, den Sohn Gottes aufs neue und treiben ihren Spott mit ihm' (Hebr 6,6) - ein Verbrechen, das bei uns noch schwerer erscheinen mag, als es von seiten der Juden war. Denn diese hätten, wie der Apostel sagt, ,den Herrn der Herrlichkeit niemals gekreuzigt, wenn sie ihn erkannt hätten' (1 Kor 2,8). Wir aber behaupten, ihn zu kennen, und dennoch legen wir gleichsam Hand an ihn, indem wir ihn durch die Tat verleugnen" (Catech. R. 1,5,11) (Vgl. dazu auch 1851).



"Dämonen sind nicht die, die ihn gekreuzigt haben, sondern du, der du ihn zusammen mit ihnen gekreuzigt hast und immer noch kreuzigst, indem du dich in Lastern und Sünden vergnügst" (Franz v. Assisi, admon. 5,3).









II Der Erlösungstod Christi im göttlichen Heilsplan





Jesus wurde "nach Gottes festgesetztem Ratschluß ausgeliefert"



599 Zum gewaltsamen Tod Jesu kam es nicht zufällig durch ein bedauerliches Zusammenspiel von Umständen. Er gehört zum Mysterium des Planes Gottes, wie der hl. Petrus schon in seiner ersten Pfingstpredigt den Juden von Jerusalem erklärt: Er wurde "nach Gottes beschlossenem Ratschluß und Vorauswissen hingegeben" (Apg 2,23). Diese biblische Redeweise besagt nicht, daß die, welche Jesus "verraten" haben (Apg 3,13), nur die willenlosen Ausführer eines Szenarios waren, das Gott im voraus verfaßt hatte (Vgl. dazu auch 517).



600 Für Gott sind alle Zeitmomente unmittelbare Gegenwart. Wenn er in seinem ewigen Plan etwas "vorherbestimmt", bezieht er die freie Antwort jedes Menschen auf seine Gnade mit ein: "Wahrhaftig, verbündet haben sich in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels [Vgl. Ps 2,1-2], um alles auszuführen, was deine Hand und dein Ratschluß im voraus bestimmt haben" (Apg 4,27-28). Gott ließ die aus ihrer Verblendung hervorgegangenen Taten zu [Vgl. Mt 26,54; Joh 18,36;19,11], um seinen Heilsplan zu verwirklichen [Vgl. Apg 3, 17-18] (Vgl. dazu auch 312).





"Für unsere Sünden gestorben gemäß der Schrift"



601 Dieser göttliche Plan, durch den gewaltsamen Tod des "Knechtes, des Gerechten" (Jes 53,11) [Vgl. Apg 3,14] Heil zu schaffen, war in der Schrift im voraus angekündigt worden als ein Mysterium allumfassender Erlösung, das heißt eines Loskaufs, der die Menschen aus der Sklaverei der Sünde befreit [Vgl. Jes 53,11-12; Joh 8,34-36]. In einem Glaubensbekenntnis, von dem er sagt, er habe es "empfangen" (1 Kor 15,3), bekennt der hl. Paulus: "Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift" (ebd.) [Vgl. auch Apg 3,18; 7,52, 13,29; 26,22-23] Der Erlösungstod Jesu läßt insbesondere die Weissagung vom leidenden Gottesknecht [Vgl. Jes 53,7-8 und Apg 8,32-35] in Erfüllung gehen. Jesus selbst hat den Sinn seines Lebens und seines Todes im Licht dieser Worte vom Gottesknecht gedeutet [Vgl. Mt 20,28]. Nach seiner Auferstehung gab er diese Schriftdeutung den Emmausjüngern [Vgl. Lk 24,25-27] und sodann den Aposteln selbst [Vgl. Lk 24,44-45] (Vgl. dazu auch 652, 713).





Gott hat ihn "für uns zur Sünde gemacht"



602 Darum kann der hl. Petrus den apostolischen Glauben an den göttlichen Heilsplan so formulieren: "Ihr wißt, daß ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise ... losgekauft wurdet ... mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. Er war schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen, und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen" (1 Petr 1,18-20). Die auf die Ursünde folgenden Sünden der Menschen werden mit dem Tod geahndet [Vgl. Röm 5,12; 1 Kor 15,56]. Indem Gott seinen eigenen Sohn in der Gestalt eines Sklaven [Vgl. Phil 2,7], einer gefallenen und infolge der Sünde dem Tod preisgegebenen Menschennatur [Vgl. Röm 8,3] sandte, hat er "den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden" (2 Kor 5,21) (Vgl. dazu auch 400, 519).



603 Jesus ist nicht [von Gott] verworfen worden, als hätte er selbst gesündigt [Vgl. Joh 8,46]. Vielmehr hat er uns in seiner Erlöserliebe, die ihn immer mit dem Vater verband [Vgl. Joh 8,29], so sehr angenommen in der Gottferne unserer Sünde, daß er am Kreuz in unserem Namen sagen konnte: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk 15,34; Ps 22,2). Da ihn Gott so solidarisch mit uns Sündern gemacht hat, "hat er seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben" (Röm 8,32), damit wir "mit Gott versöhnt [werden] durch den Tod seines Sohnes" (Röm 5,10) (Vgl. dazu auch 2572).





Gottes allumfassende erlösende Liebe



604 Indem er seinen Sohn für unsere Sünden dahingab, zeigte Gott, daß, was er für uns plant, ein Ratschluß wohlwollender Liebe ist, die jedem Verdienst von unserer Seite vorausgeht: "Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat" (1 Joh 4,10) [Vgl. 1 Joh 4,19]. "Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren" (Röm 5,8) (Vgl. dazu auch 211, 2009, 1825).



605 Diese Liebe schließt niemanden aus. Jesus sagt das anhand des Gleichnisses vom verlorenen Schaf: "So will auch euer himmlischer Vater nicht, daß einer von diesen Kleinen verlorengeht" (Mt 18,14). Er erklärt, er gebe sein Leben hin "als Lösegeld für viele" (Mt 20,28). Der Ausdruck "für viele" ist nicht einengend, sondern stellt die ganze Menschheit der einzigen Person des Erlösers gegenüber, der sich hingibt, um sie zu retten [Vgl. Röm 5, 18-19]. Im Anschluß an die Apostel [Vgl. 2 Kor 5,15; 1 Joh 2,2] lehrt die Kirche, daß Christus ausnahmslos für alle Menschen gestorben ist: "Es gibt keinen Menschen, es hat keinen gegeben und wird keinen geben, für den er nicht gelitten hat" (Syn. v. Quiercy 853: DS 624) (Vgl. dazu auch 402, 634, 2793).







III Christus hat sich für unsere Sünden seinem Vater dargebracht





Das ganze Leben Christi ist Opfergabe an den Vater



606 Der Sohn Gottes, der "nicht vom Himmel herabgekommen" ist, um seinen "Willen zu tun, sondern den Willen" des Vaters, der ihn "gesandt hat" (Joh 6,38), "spricht ... bei seinem Eintritt in die Welt: ... ,Ja, ich komme, um deinen Willen, Gott, zu tun' ... Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi ein für allemal geheiligt" (Hebr 10,5-10). Schon im ersten Augenblick seiner Menschwerdung macht sich der Sohn den göttlichen Heilsplan seiner Sendung als Erlöser zu eigen: "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen" (Joh 4,34). Die Selbstaufopferung Jesu "für die Sünden der ganzen Welt" (1 Joh 2,2) ist Ausdruck seiner liebenden Gemeinschaft mit dem Vater: "Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe" (Joh 10,17). "Die Welt soll erkennen, daß ich den Vater liebe und so handle, wie es mir der Vater aufgetragen hat" (Joh 14,31) (Vgl. dazu auch 517, 536).



607 Dieses Verlangen, sich den liebenden Erlösungsratschluß seines Vaters zu eigen zu machen, beseelt das ganze Leben Jesu [Vgl. Lk 12,50; 22,15; Mt 16,21-23], denn seine erlösende Passion ist der Grund seiner Menschwerdung: "Soll ich sagen: ,Vater, rette mich aus dieser Stunde?' Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen" (Joh 12,27). "Der Kelch, den mir der Vater gereicht hat - soll ich ihn nicht trinken?" (Joh 18,11). Und noch am Kreuz sagt er: "Mich dürstet" (Joh 19,28), und dann erst: "Es ist vollbracht!" (Joh 19,30) (Vgl. dazu auch 457).











"Das Lamm, das die Sünde der Welt hinwegnimmt"



608 Johannes der Täufer hat zugestimmt, Jesus wie die Sünder zu taufen [Vgl. Lk 3,21; Mt 3,14-15]. "Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt" (Joh 1, 29) [Vgl. Joh 1,36]. Er bezeugt so, daß Jesus der Gottesknecht ist, der sich schweigend zur Schlachtbank führen läßt [Vgl. Jes 53,7; Jer 11,19] und die Sünde der vielen trägt [Vgl. Jes 53,12], und zugleich das Osterlamm, das Sinnbild der Erlösung Israels beim ersten Pascha [Vgl. Ex 12,3-11; Joh 19,36; 1 Kor 5,7]. Das ganze Leben Christi ist Ausdruck seiner Sendung, "zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mk 10,45) (Vgl. dazu auch 523, 517).





Jesus machte sich die erlösende Liebe des Vaters in Freiheit zu eigen



609 Da Jesus die Liebe des Vaters zu den Menschen in sein menschliches Herz aufnahm, "erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung" (Joh 13,1), denn "es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Joh 15,13). So wurde seine Menschennatur im Leiden und Sterben zum freien und vollkommenen Werkzeug seiner göttlichen Liebe, die das Heil der Menschen will [Vgl. Hebr 2,10.17-18; 4,15; 5,7-9]. Aus Liebe zu seinem Vater und zu den Menschen, die der Vater retten will, nahm er sein Leiden und seinen Tod freiwillig auf sich: "Niemand entreißt [mir mein Leben], sondern ich gebe es aus freiem Willen hin" (Joh 10,18). Darum ging der Sohn Gottes in souveräner Freiheit dem Tod entgegen [Vgl. Joh 18,4-6; Mt 26,53] (Vgl. dazu auch 478, 515, 272, 539).





Beim Letzten Abendmahl nahm Jesus die freie Hingabe seines Lebens vorweg



610 "In der Nacht, in der er ausgeliefert wurde" (1 Kor 11,23), gab Jesus seiner freien Hingabe feierlich Ausdruck im Mahl mit den zwölf Aposteln [Vgl. Mt 26,20]. Am Abend vor seinem Leiden, als er noch in Freiheit war, machte Jesus dieses letzte Mahl mit seinen Aposteln zur Gedenkfeier der freiwilligen Hingabe seiner selbst an den Vater [Vgl. 1 Kor 5,7] zum Heil der Menschen: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird" (Lk 22,19); "das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden" (Mt 26,28) (Vgl. dazu auch 766, 1337).



611 Die Eucharistie, die Jesus in dieser Stunde einsetzt, wird zum "Gedächtnis" (1 Kor 11,25) seines Opfers. Er nimmt die Apostel in seine eigene Hingabe hinein und fordert sie auf, diese weiterzuführen [Vgl. Lk 22,19]. Damit setzt er seine Apostel zu Priestern des Neuen Bundes ein: "Ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind" (Joh 17, 19) [Vgl. K. v. Trient: DS 1752; 1764] (Vgl. dazu auch 1364, 1341, 1566).





Die Todesangst in Getsemani



612 Den Kelch des Neuen Bundes, den Jesus in seiner Darbringung beim Abendmahl vorweggenommen hatte [Vgl. Lk 22,20], nahm er in seiner Todesangst in Getsemani aus den Händen des Vaters entgegen [Vgl. Mt 26,42], indem er "gehorsam war bis zum Tod" (Phil 2,8) [Vgl. Hebr 5,7-8]. Jesus betet: "Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber (Mt 26,39). Er äußert so den Abscheu, den seine menschliche Natur vor dem Tod empfindet. Wie unsere Natur ist die seine ja zum ewigen Leben bestimmt; aber im Unterschied zu der unseren ist sie völlig frei von Sünde [Vgl. Hebr 4,15], die den Tod nach sich zieht [Vgl. Röm 5,12]; vor allem aber ist sie in die göttliche Person des "Urhebers des Lebens" (Apg 3,15), des "Lebendigen" (Offb 1, 18) [Vgl. Joh 1,4; 5,26] aufgenommen. Mit seinem menschlichen Willen stimmt er zu, daß der Wille des Vaters geschieht [Vgl. Mt 26,42], und nimmt so den Tod als Erlösungstod an, um "unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz zu tragen" (1 Petr 2,24)(Vgl. dazu auch 532, 2600, 1009).





Der Tod Christi ist das einzige und endgültige Opfer



613 Der Tod Christi ist das österliche Opfer, worin "das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt" (Joh 1,29) [Vgl. 1 Petr 1,19], die endgültige Erlösung der Menschen vollzieht [Vgl. 1 Kor 5,7; Joh 8,34-36]. Zugleich ist er das Opfer des Neuen Bundes [Vgl. 1 Kor 11,25], das den Menschen wieder in die Gemeinschaft mit Gott versetzt [Vgl. Ex 24,8], indem er den Menschen mit Gott versöhnt durch das "Blut, ... das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden" (Mt 26,28) [Vgl. Lev 16,15-16] (Vgl. dazu auch 1366, 2099).



614 Dieses Opfer Christi ist einmalig; es vollendet und überholt alle Opfer [Vgl. Hebr 10,10].Es ist zunächst eine Gabe Gottes des Vaters selbst: Der Vater gibt seinen Sohn dahin, um uns mit sich zu versöhnen [Vgl. 1 Joh 4,10]. Gleichzeitig ist es eine Opfergabe des menschgewordenen Gottessohnes, der aus freiem Willen und aus Liebe [Vgl. Joh 15,13] im Heiligen Geist [Vgl. Hebr 9,14] sein Leben [Vgl. Joh 10, 17-18] seinem Vater darbringt, um unseren Ungehorsam zu sühnen (Vgl. dazu auch 529, 1330, 2100).





Jesus setzt seinen Gehorsam an die Stelle unseres Ungehorsams



615 "Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden" (Röm 5,19). Durch seinen Gehorsam bis zum Tod wurde Jesus zum leidenden Gottesknecht, der stellvertretend "sein Leben als Sühnopfer hingab", "die Sünden von vielen trug" und so "die vielen gerecht macht", indem er "ihre Schuld auf sich lädt" (Jes 53,10-12). Jesus hat unsere Sünden wiedergutgemacht und Gott dem Vater für sie Genugtuung geleistet [Vgl. K. v. Trient: DS 1529] (Vgl. dazu auch 1850, 433, 411).





Jesus vollendet sein Opfer am Kreuz



616 Die "Liebe bis zur Vollendung" (Joh 13,1) gibt dem Opfer Christi seinen Wert und bewirkt, daß es erlöst und wiedergutmacht, sühnt und Genugtuung leistet. Jesus hat bei der Hingabe seines Lebens um uns alle gewußt, uns alle geliebt [Vgl. Gal 2,20; Eph 5,2.25]. "Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben" (2 Kor 5,14). Kein Mensch, selbst nicht der größte Heilige, wäre imstande, die Sünden aller Menschen auf sich zu laden und sich als Opfer für alle darzubringen. Doch kraft der göttlichen Person des Sohnes in Christus, die über alle menschlichen Personen hinausgeht und sie zugleich umfängt, und Christus zum Haupt der ganzen Menschheit macht, kann das Opfer Christi für alle erlösend sein (Vgl. dazu auch 478, 468, 519).



617 "Durch sein heiligstes Leiden am Holz des Kreuzes verdiente er uns Rechtfertigung", lehrt das Konzil von Trient (DS 1529) und betont so den einzigartigen Charakter des Opfers Christi als des "Urhebers des ewigen Heils" (Hebr 5,9). Und die Kirche verehrt das Kreuz, indem sie singt: "O heiliges Kreuz, sei uns gegrüßt, du einzige Hoffnung dieser Welt" (LH, Hymnus "Vexilla regis") (Vgl. dazu auch 1992, 1235).





Unsere Teilnahme am Opfer Christi



618 Der Kreuzestod ist das einmalige Opfer Christi, des "einzigen Mittlers zwischen Gott und den Menschen" (1 Tim 2,5). Doch weil er sich in seiner menschgewordenen göttlichen Person "gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt" hat (GS 22,2), bietet sich allen "die Möglichkeit ..., sich mit diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise zu verbinden" (GS 22,5). Jesus fordert seine Jünger auf, ihr "Kreuz auf sich" zu nehmen und ihm nachzufolgen (Mt 16,24), denn er "hat für [uns] gelitten und [uns] ein Beispiel gegeben, damit [wir] seinen Spuren" folgen (1 Petr 2,21). Er will diejenigen, denen sein Erlösungsopfer zuerst zugutekommt, an diesem Opfer beteiligen [Vgl. Mk 10,39; Joh 21,18-19; Kol 1,24]. Das gilt vor allem für seine Mutter, die in das Mysterium seines erlösenden Leidens tiefer hineingenommen wird als jeder andere Mensch [Vgl. Lk 2.35] (Vgl. dazu auch 1368, 1460, 307, 2100, 964).



"Es gibt keine andere Leiter, um zum Himmel emporzusteigen, als das Kreuz" (Rosa v. Lima, Vita).







KURZTEXTE





619 "Christus ist für unsere Sünden gestorben. gemäß der Schrjft" (1 Kor 15,3).



620 Unser Heil entspringt der Initiative der Liebe Gottes zu uns, denn er hat "uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt" (1 Joh 4, 10). "Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat" (2 Kor 5. 19).



621 Jesus hat sich zu unserem Heil freiwillig dargebracht. Beim Letzten Abendmahl bringt er diese Selbsthingabe zeichenhaft zum Ausdruck und verwirklicht sie im voraus: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird" (Lk 22,19).



622 Die Erlösung durch Christus besteht darin, daß er &qu